Unfassbar: In Algerien werden Frauen wegen Brustkrebs von ihren Männern verstoßen

Hunderte Frauen in Algerien werden jedes Jahr von ihren Männern verlassen - weil sie die Diagnose Brustkrebs erhalten. Von der Gesellschaft werden sie als "Halbfrauen" ausgegrenzt.

Hayat ist noch keine 30 Jahre alt, als sie die Diagnose erhält. Man werde ihr in einer Not-Op die Brust entfernen müssen, heißt es im Krankenhaus - ein schwerer Schlag für die algerische Studentin. Doch damit nicht genug.

Durch die Krankheit verliert Hayat nicht nur ihre Brust, sondern auch den Mann, den sie für ihren Partner auf Lebenszeit, ihren Seelenverwandten hielt. Denn als Hayat ihrem Verlobten von der erzählt, als sie ihn am dringendsten braucht – um Trost zu spenden, Mut zu machen, Liebe zu geben – verlässt er sie, mit der Begründung: "Ich will eine ganze Frau, nicht nur drei Viertel einer Frau."

"Lieber mit zwei Brüsten sterben als Amputation"

Wie Hayat ergeht es hunderten Frauen in Algerien, berichtet "dailymail" unter Berufung auf einen Bericht der französischen Presseagentur (AFP). "Einige versinken in Depressionen, andere landen in Notunterkünften. Nachdem sie von ihren Männern verstoßen wurden, wissen viele nicht, wohin", zitiert das Magazin Samia Gasmi, die Leiterin der Krebsstiftung "Nur Doha" ("Licht des Tags").

Oft versuchten Frauen, die Diagnose vor ihrem Umfeld geheim zu halten. Sie fingen an, Kopftuch oder Perücken zu tragen, um ihren Haarausfall zu verbergen. Eine Frau, berichtet Gasmi, habe nicht einmal ihrer eigenen Schwester von der Krankheit erzählen wollen, eine andere gar entschieden, "lieber mit zwei Brüsten zu sterben als einer Amputation zuzustimmen."

Gesellschaft setzt Frauen unter Druck

Doch wie kann es sein, dass eine Krankheit, für die niemand etwas kann, in mit solch einem Verstoßen-Werden oder auch "selbst ergriffenen" Flucht ins gesellschaftliche Abseits verbunden ist? Am Islam liege es nicht, sagte Kamel Chekkat gegenüber "dailymail", denn der Islam "verlangt von Ehepartnern, einander zu unterstützen", so der Theologe der Algerian Clerics Association.

Der Soziologe Yamina Rahou sieht den Grund in der engen und reduzierenden Rolle, die die Frau in der algerischen Gesellschaft spielt. Die Brüste werden als Symbol für Weiblichkeit gesehen. Wenn sie einer Frau genommen werden, wird sie von der Gesellschaft nicht mehr als "vollwertige" Frau wahrgenommen.

So berichtet auch Linda, 50, von ihrem Ehemann nach der Brustkrebs-Diagnose als "Halbfrau" verlassen worden zu sein – und das nach 18 Jahren Ehe! "Krebs?", sagt sie, "das ist nichts im Vergleich dazu, nach 18 Jahren Ehe im Stich gelassen zu werden."

Unter der Suggestion der Gesellschaft leiden in der Folge auch Selbstwert und –wahrnehmung der Frauen. Teilweise eben so stark, dass sie ein Leben ohne das "Symbol ihrer Weiblichkeit" für nicht lebenswert halten.

Wurzel des Übels: Menschen werden auf Geschlechtsmerkmale reduziert 

In Algerien erhalten jedes Jahr an die 10.000 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Rund 3.500 sterben jedes Jahr daran. Beide Zahlen beziehen sich allerdings nur auf die dokumentierten Fälle. Nicht diagnostizierte Brustkrebserkrankungen und -tode kommen on top.

Zum Vergleich: In Deutschland werden laut Deutscher Krebsgesellschaft rund 69.000 "Mammakarzinom"-Diagnosen pro Jahr gestellt, wobei knapp 18.000 Frauen daran sterben. Deutschland hat etwa doppelt so viele Einwohner wie Algerien.

Das Beispiel Algerien zeigt, welch fatale Folgen die Identifikation von Menschen über Geschlechterrollen haben kann. Wenn es so weit geht, dass kein erfülltes Leben mehr möglich ist, wenn bestimmte Geschlechtsmerkmale fehlen, haben nicht nur die Frauen in Algerien, sondern die ganze Gesellschaft ein tiefgreifendes Problem. 

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