Dorothee Martin (SPD): "Neben Trump und Putin wirkt Merkel wie das kleinste Übel"

Folge 5 unserer Serie "Politikerinnen zur Bundestagswahl" mit Dorothee Martin von der SPD.

Dorothee Martin (39) ist Direktkandidatin der SPD in Hamburg-Nord. Wenn sie am 24. September genügend Erststimmen bekommt, zieht die Politikwissenschaftlerin diese Legislaturperiode zum ersten Mal in den Bundestag ein. 

F Mag: Frau Martin, warum sind Sie in der SPD?

Mich hat immer der Ansatz "Fördern und Fordern" überzeugt. Das war schon 1998 der Grund, aus dem ich in die Partei eingetreten bin, und dieser Gedanke erscheint mir auch heute noch sinnvoll.

Und warum sind Sie dann nicht in der FDP?

Ich kann mit diesem freien Marktradikalismus der FDP nichts anfangen. Der Staat muss einen sozialen Rahmen für die Menschen schaffen, in dem sie sich sicher aber trotzdem frei entfalten können.

Apropos FDP: Warum bricht es seit 12 Jahren allen Parteien das Genick, wenn sie mit der CDU eine Bundesregierung bilden?

In unserem Fall liegt das daran, dass sozialdemokratische Politik als ihren Erfolg verkauft. Wenn ich sehe, wie sie sich rühmt, den Mindestlohn eingeführt zu haben, kann ich darüber fast nur lachen: Es war so ein Kampf, den Mindestlohn GEGEN die CDU durchzusetzen.

Merkel verkauft sozialdemokratische Politik als ihren Erfolg

So ist es mit vielen Dingen. Der Regierungschef bekommt immer am meisten Gehör. Für die mitregierende Partei ist es schwer, das eigene Profil so herauszubilden, dass es für die Öffentlichkeit sichtbar ist.

Warum weigern sich dann nicht alle, mit der CDU zu koalieren?

Dafür sind die Parteien wahrscheinlich doch zu machtpolitisch unterwegs.

Wären Sie denn trotzdem noch einmal für eine GroKo zu haben?

Schwierig. Ich möchte unser Land gestalten, aber wenn ich sehe, was das aus der SPD macht, bin ich unsicher. Vielleicht wäre es besser, in die Opposition zu gehen und dann gestärkt zurückzukehren - ähnlich wie die FDP. Was ich so höre von meinen Parteigenossen, könnte es bei einem Mitgliederentscheid über die Frage GroKo oder Opposition dieses Mal tatsächlich eng werden.

Wie möchten Sie unser Land denn gestalten? Welche drei Schwerpunkte würden Sie setzen, wenn Sie etwas verändern könnten?

Ich würde mehr Metropolenpolitik machen, also Stadtentwicklung fördern. Wir müssen in den Ballungsräumen dringend mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Im Bildungswesen würde ich auf jeden Fall das Kooperationsverbot aufheben und kostenfreie Bildung für alle sicherstellen. Die Bildungspläne müssten an die Anforderungen der Zukunft angepasst werden: Analytische Fähigkeiten und Problemlösungskompetenzen würden Schüler besser auf ihr Leben vorbereiten als die Gedichtinterpretation auch noch in der dritten Fremdsprache durchzunehmen.

Und drittens würde ich im Bereich und Arbeit nachziehen. In Rumänien und Bulgarien haben Menschen schon bessere Internetzugänge als bei uns. Wir sind dabei, die Digitalisierung zu verschlafen. Arbeit wird sich im Zuge des technologischen Fortschritts verändern, und da müssen wir die Leute heranführen – und zwar jetzt!

Um welche Idee beneiden Sie eine andere Partei?

Ich beneide die Grünen darum, dass sie sich bei ihrer Entstehung das Thema Umwelt zu eigen gemacht haben. Es tut mir leid, dass sie genau diese wichtigen Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und Klima heute nicht noch mehr in den Vordergrund stellen.

Warum hat Martin Schulz sein Momentum verloren?

Ich denke, das Problem bestand darin, dass er im Vergleich zu Merkel zu wenig auf sich aufmerksam gemacht hat. Nach der Verkündung seiner Kandidatur ist er wie zugesagt durch ganz Deutschland gereist und hat sich persönlich mit den Menschen auseinandergesetzt, aber in den Medien war er leider kaum präsent.

Merkel wirkt neben diesen ganzen Verrückten wie Trump, Putin und Erdogan wie das kleinste Übel. Mag ja sein, dass die Leute denken, 'ach uns geht's ja ganz gut', weil sie in diesem Club der irren Regierungschefs noch die vernünftigste ist.

Worin sehen Sie den größten Unterschied zwischen Merkel und Schulz?

Ich denke, der Unterschied kam in den Wahlarenen gut heraus: Für Martin Schulz zählt wirklich jeder einzelne Mensch. Ich habe ihn nur einmal kurz persönlich gesprochen, aber selbst da hatte ich dieses Gefühl.

Wenn Angela Merkel einer Frau, die mit wenigen Hundert Euro Rente auskommen muss, antwortet, dass es vielen Rentnern aber sehr gut gehe - dann deutet das schon auf eine Kälte hin, die mich stutzig macht.

Müssen Politiker nicht diese gewisse Portion Kälte mitbringen - zum Wohle der Vielen?

Politiker müssen konsequentes und verlässliches Handeln und Haltung mitbringen, aber keine Kälte. Es darf mich doch nicht kalt lassen, wenn eine Mutter erzählt, dass sie sechs Kinder großgezogen hat, und mal eine Rente von ca. 600 Euro bekommen wird.

Politik muss sich um die Lebenssituation jedes Einzelnen kümmern!

Es ist schön, wenn wir insgesamt gute Wirtschaftszahlen haben, und ich möchte, dass das auch so bleibt. Trotzdem ist mein Anspruch an Politik, dass wir uns um die Lebenssituation eines jeden Einzelnen kümmern.

Warum ziert sich die SPD so, mit der Linken zu koalieren?

Es gibt Kollegen bei der Linken, die sehr engagiert sind und die ich sehr schätze – aber sie repräsentieren leider nicht die Mehrheit der Partei. Wenn ich die Äußerungen von Sarah Wagenknecht höre, fühle ich mich manchmal schon fast an die AfD erinnert.

Gerade in Sachen Außenpolitik: "Deutschland soll aus der NATO raus oder aus der EU." Solange eine Sarah Wagenknecht in dieser Partei ist, wird das nicht funktionieren.

Frau Martin, vielen Dank für das Gespräch!

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