Kein Scherz: Junge Union will "Wählerinnen" abschaffen

Die Junge Union fordert die Abschaffung der geschlechtergerechten Sprache. Statt von "Studentinnen und Studenten" zu sprechen, sollten wir uns ihrer Meinung nach mit "Studenten" zufrieden geben. Auf Facebook gab es dafür viel Kritik. 

Ginge es nach Antonia Niecke, könnten wir uns die ausdrückliche Erwähnung von Lehrerinnen, Studentinnen und Wählerinnen in Zukunft (wieder) sparen. Als Landesvorsitzende der Jungen Union Hamburg fordert sie, das Gendern in der Sprache abzuschaffen und nur noch das generische Maskulinum zu benutzen.

"Ich finde, das ist eine Verkomplizierung, die nicht sein muss. Ich würde das schon als Genderwahn bezeichnen. Denn zur tatsächlichen Gleichstellung trägt es nichts bei, wenn wir von Bürgerinnen und Bürgern sprechen, statt nur das generische Maskulinum zu verwenden", sagte sie gegenüber der Welt

Wie ein Text ohne geschlechtergerechte Sprache aussehen kann, führte die Junge Union dann direkt in ihrer "Dresdener Erklärung" vor, also in dem Papier, in dem sie der großen Union ihre politischen Forderungen für die nächsten Jahre unterbreitete: Alle gegenderten Anreden wurden gnadenlos aus dem Dokument gekickt.

Kritik auf Facebook

Auf Facebook erntete die Junge Union vor allem Kritik auf ihren Post, in dem sie sich selbst, "was den Genderwahn angeht", als "letzte Bastion der Vernunft unter den Jugendverbänden" bezeichnet. So kommentiert beispielsweise Jan Rudolf Storm:

Mwahaha, "Bastion der Vernunft". Unfreiwillig witzig, das seid Ihr. Mal im Ernst, man kann sich ja über die konkreten Mittel zum Zweck gerne streiten, aber was am Bemühen um nichtdiskriminierende Sprache soll bitte unvernünftig sein? Verwechselt doch bitte nicht Denkfaulheit mit Konservatismus, okay? Übrigens: Ein Alleinstellungsmerkmal ist diese Eure Forderung auch nicht; die Junge Alternative, deren ultrabräsiges Vokabular Ihr hier aufgreift, marschiert in dieser Sache Seit' an Seit' mit Euch. Glückwunsch!

Lena Teschlade schreibt:

Ich suche nach dem Logo vom Postillon. Das kann doch nicht euer Ernst sein!!

Doch die Junge Union, allen voran die 25-jährige Antonia Niecke, meint es ernst: "Eigentlich sind wir in meiner Generation in dieser Debatte doch schon viel weiter – und brauchen diese künstliche Trennung in der Sprache nicht mehr."

Eine Forderung ohne überzeugende Argumente

Hm. Gewagte These aus der Jugendorganisation der Fraktion mit den wenigsten weiblichen Abgeordneten im Bundestag nach der AfD. Nur wieso sollten wir, weil wir Millenials sie angeblich nicht mehr brauchen, die geschlechtergerechte Sprache generell aufgeben? An der Regierung ist schließlich noch eine andere Generation.

Und inwiefern ist es denn eigentlich eine Trennung, wenn man beide Geschlechter erwähnt? Die Intention dahinter ist doch, zum Ausdruck zu bringen, dass man sowohl an Wähler als auch an Wählerinnen denkt, wenn man Entscheidungen für unser Land trifft.

Natürlich ist die Form nicht alles

Klar, wenn ich twittere, ist mir das Gendern auch schon mal lästig. Wenn mir ein Gedanke wichtig ist, verzichte ich im Zweifel lieber auf das Gendern als auf den Tweet. Wenn mein Gegenüber mich in einer hitzigen Diskussion auf politisch unkorrekten Sprachgebrauch hinweist, statt auf meine Argumente einzugehen, nervt mich das manchmal ebenfalls. Dass Inhalte wichtiger als Formen sind, finde ich grundsätzlich auch.

Wenn die Union jetzt beispielsweise durch ihre Politik sicherstellen würde, dass Frauen im Alter genauso viel Geld haben wie Männer, dass in unserem Parlament Frauen ebenso repräsentiert werden wie Männer, dass Frauen nicht mehr als Werbeobjekte benutzt werden und in Frauenhäusern wieder einen Zufluchtsort finden - dann wäre mir das viel lieber als die Nennung von Wählerinnen (wenn ich mich entscheiden müsste). Aber die Union tut ja nichts von alledem. All das könnte die Junge Union fordern - doch sie fordert lieber die Abschaffung der Gendersprache.🤷‍♀️ 

Außerdem: dass die Verwendung beider generischen Geschlechter zur tatsächlichen Gleichberechtigung überhaupt nichts beiträgt, das ist letztlich nichts weiter als eine Behauptung von Antonia Niecke.

Gendern ist wie ein Versprechen 

Es ist doch so: Wir sagen, was wir denken, und wir denken, was wir sagen. Es mag einfacher sein, nur von Bürgern zu sprechen. Aber wenn wir zusätzlich die Bürgerinnen erwähnen, ist das wie ein Versprechen, wie eine Absicherung, dass wir auch an sie denken. Was ist verkehrt daran?

Vielleicht sind wir ja tatsächlich irgendwann so weit, dass wir auf sprachliches Gendern verzichten könnten, weil wir uns so sicher sind, dass Männer und Frauen gleichermaßen bedacht und an der Macht beteiligt sind. Aber im Moment (die größte Fraktion im Bundestag hat nur 20 Prozent Frauenanteil, der Gender Pay Gap beträgt immer noch 21 Prozent, Tausende Frauen teilen #meToo-Erlebnisse ...) wäre ich dafür, dass wir noch ein paar Jahrzehnte länger auf Nummer sicher gehen.  

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