Rätsel gelöst: Männer schädigen die Umwelt – weil das "männlich" ist

Umweltfreundliches Verhalten wird tendenziell als weiblich wahrgenommen – ergab eine Studie des Wissenschaftsmagazins Scientific America. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass Männer tatsächlich weniger Umweltbewusstsein zeigen als Frauen.

Beim Thema Umweltfreundlichkeit scheiden sich die Geschlechter: Frauen ernähren sich tendenziell umweltfreundlicher (vor allem, weil sie weniger Fleisch essen), legen mehr Wert auf umweltfreundliche Verpackungen und sind oft sogar umweltfreundlicher unterwegs. Kurz: Frauen hinterlassen einen kleineren ökologischen Fußabdruck als Männer.

Das soll jetzt nicht heißen, dass Männer allein unsere Erde zerstören. Allerdings ergeben doch mehrere Studien für unterschiedliche Altersgruppen und Nationen immer wieder das gleiche: Dass Frauen im Schnitt umweltfreundlicher leben als Männer.

Mögliche Ursachen: Psychologische Unterschiede und Rollenklischees

Einige Wissenschaftler haben versucht, das mit psychologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau zu erklären. Frauen seien sensibler und dächten mehr an ihre Mitmenschen, zum Beispiel. Dass sich Frauen umweltfreundlicher ernähren, könnte dagegen zumindest bei einigen mehr mit körperlicher Disposition, Gesundheits- und Körperbewusstsein als mit Umweltbewusstsein zu tun haben – könnte!

Die ganze Wahrheit ist sicher eine Kombination aus sehr vielen Faktoren, von denen einer die vorherrschenden Rollenklischees sein könnten, wie eine Untersuchung des Psychologen James Wilkie nahelegt.

Frauen nehmen Jute-Beutel, Männer Plastiktüte

Wilkie hat in mehreren Experimenten an 2.000 Probanden nachgewiesen, dass umweltfreundliches Verhalten und umweltfreundliche Produkte tendenziell mit Weiblichkeit assoziiert werden.

So stuften die Befragten beispielsweise Menschen, die mit einer wiederverwendbaren Einkaufstasche in den Supermarkt gingen als feminin ein, während der Griff zur Plastiktasche eher als männlich wahrgenommen wurde – egal, ob der Einkäufer ein Mann oder eine Frau war.

Fühlt sich der Mann "unmännlich", kompensiert er das mit Umweltsünde

In einem anderen Experiment ließ Wilkie eine Gruppe von Männern mit einem pinkfarbenen Gutschein einkaufen, eine andere Gruppe mit einem Standard-Gutschein. Die Gruppe mit dem pinkfarbenen Zahlungsmittel griff mehrheitlich zu den umweltschädlichen "männlichen" Produkten, während die andere Gruppe die nachhaltigeren Varianten wählte (es ging bei beiden Gruppen um eine Lampe, einen Rucksack und Batterien).

Wilkie schloss daraus, dass die Männer mit dem pinkfarbenen Gutschein durch die Farbe Pink in ihrer Männlichkeit verunsichert waren und diese Verunsicherung mit einem sehr "männlichen" Einkauf kompensieren wollten. Die Probanden der anderen Gruppe hätten dagegen mit einem unbelasteten Unterbewusstsein die Produkte gewählt, die sie vernünftigerweise für die bessere Entscheidung hielten.

Männer legen tendenziell viel Wert auf ihre Männlichkeit

Tatsächlich legen mehrere Studien – eine davon von Wilkie selbst – nahe, dass Männer zu Empfindlichkeit neigen, wenn es um ihre Männlichkeit geht. Wenn es Produkte in "männlicher" und "weiblicher" Ausführung gibt, greifen sie zum Beispiel viel seltener zu den "weiblichen" Produkten als Frauen zu den "männlichen".

Irgendwie verständlich: Über Jahrhunderte haben Menschen das Klischee vom Mann als dem "starken Geschlecht" weitergegeben. Eine Zugehörigkeit zur Liga der Starken gibt man nun mal nicht so gerne auf wie die Mitgliedschaft im Team der vermeintlich Schwächeren.

Nur: Was kann man nun tun, damit sich dieser faktische Gender Gap in Sachen Umweltfreundlichkeit nicht aufgrund von Rollenklischees vergrößert oder festsetzt? Denn eines ist wohl klar: Wenn Frauen mehr Umweltbewusstsein an den Tag legen, wird umweltfreundliches Verhalten unweigerlich als weiblich wahrgenommen, was Männer – platt gesprochen – noch mehr von Umweltfreundlichkeit abschreckt, und wir bewegen uns in einem Teufelskreis.

Wilkies Appell: Umweltfreundliche Produkte müssen "männlicher" werden!

Wilkie appelliert daher an die Vermarktung: Umweltfreundliche Produkte müssen gezielter Männer ansprechen und "männlicher" werden. In einem seiner Experimente konnte er nämlich auch nachweisen, dass Männer bereitwilliger für Spenden an eine Umweltorganisation mit einem männlichen Logo (schwarz und dunkelblau mit heulendem Wolf und dem Namen "Wildhüter") waren als mit einem neutralen Logo (grün und helle Farbtöne mit einem Baum und dem Namen "Naturfreunde").

Umweltfreundliche Produkte "männlicher" zu machen, wäre möglicherweise ein Weg, um den Öko-Gender-Gap zu schließen. Allerdings bekämpft dieser Weg nur das Symptom einer tiefersitzenden Ursache: den engen Geschlechterkorsetts, in denen wir noch immer leben.

Unser Appell: Männer müssen Angst vor "Unmännlichkeit" verlieren

Es kann doch nicht sein, dass Männer noch immer unterbewusst fürchten, "weiblich" rüberzukommen. Das führt nämlich auch zu anderen Problemen, zum Beispiel, dass sie ihre Gefühle unterdrücken, weil ja "ein Indianer keinen Schmerz kennt", dass sie keine Kinderbetreuung übernehmen, weil die "Erziehung Frauensache" ist, und dass sie sexuell keine Experimente wagen, weil sie das Steuer nicht aus der Hand geben wollen.

Also: Vielleicht könnten wir unserer Umwelt kurzfristig etwas Gutes tun, wenn wir Männer mit schwarzen Logos und heulenden Wölfen dazu bewegen, den Jute-Beutel mit zum Einkaufen zu nehmen. Aber unserer Gesellschaft und unserer Umwelt täten wir langfristig etwas Gutes, wenn Männer sich sicher und frei genug fühlen könnten, um auch eine feminine Seite zu zeigen.

Und um das zu erreichen, müssen wir endlich verinnerlichen, dass es kein starkes oder schwaches Geschlecht gibt, sondern dass wir alle Menschen sind, die starke und schwache Seiten, Momente und Eigenschaften haben und wir uns weder für unsere Stärken noch für unsere Schwächen schämen müssen. 


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