"Leiden Sie unter Stress?" So werden Frauen beim Arzt diskriminiert 😢

Medizin: Frau sitzt auf dem Bett und hält sich unter Schmerzen den Bauch

Menstruationsbeschwerden werden von Ärzten oft als Lappalie abgetan. Doch diese "Nicht-so-schlimm"-Einstellung gegenüber weiblichen Patienten hat zum Teil fatale Folgen.

Es ist eine so ätzende, deprimierende Erfahrung: Nach langem Hin und Her überwinden wir uns, zum Arzt zu gehen. Immer noch mit Zweifeln und Unsicherheit sitzen wir dann im Wartezimmer und überlegen, was wir am besten antworten, wenn er uns fragt, was uns denn fehle.

"Ich habe solche Schmerzen im Bauch, dass ich meinen Alltag gerade einfach nicht bewältigen kann"? Ja, das trifft es. Versuchen wir das also. Doch als wir dann im Sprechzimmer sitzen und unser Leiden beschreiben, kommt von unserem Arzt nur die Frage: "Ist das bei Ihnen jeden Monat so schlimm? Oder leiden Sie momentan vielleicht unter besonderem ?"

"Frauen kriegen ja auch Kinder" - warum Ärzte uns für schmerzresistent halten 

Leider kennen so etwas viele Frauen. Viele machen die Erfahrung, dass Ärzte ihre Menstruationsbeschwerden nicht ernst nehmen. Schmerzen werden als psychosomatisch abgetan oder unter "das gehört nun mal zum Frausein dazu" verbucht. Obwohl 90 Prozent der Frauen unter mindestens einem Symptom des Prämenstruellen Syndroms (PMS) leiden, ist dieses Phänomen für Wissenschaftler offenbar nicht besonders interessant: Zu Erektionsstörungen gibt es fünf Mal so viele Studien wie zu PMS.

Vielleicht hängt das auch mit einem weit verbreiteten Vorurteil unter Medizinern zusammen: Dass Frauen von Natur aus unempfindlicher sind, wenn es um Schmerz geht. Schließlich bringen Frauen auch Kinder zur Welt und haben deshalb eingebaute, körpereigene Mechanismen, Schmerzen zu ertragen, so die Annahme vieler Ärzte. (Nachzulesen ist das – also die Tatsache, dass Mediziner daran oft glauben, NICHT, dass es so ist - zum Beispiel in einer Studie von 2001 im "Journal of Law, Medicine & Ethics".)

Echt mal, Ladies, was stellen wir uns eigentlich so an?! Kinder quetschen wir doch auch fröhlich aus unserer Vagina hinaus. Da werden so ein paar Bauchkrämpfe einmal im Monat doch wohl noch zu verkraften sein, ohne zu zetern ...

Frauen warten 16 Minuten länger auf Schmerzmittel als Männer

Tatsächlich weitet sich diese "so unerträglich werden Menstruationsbeschwerden schon nicht sein"-Mentalität von Medizinern auch auf andere Krankheitsfelder aus. Bis sie einer Frau in einer Notfallaufnahme Schmerzmittel verabreichen, warten Ärzte im Schnitt 16 Minuten länger als bei einem Mann. Die Chance, dass man als Frau Opiate zur Schmerzlinderung bekommt, ist dabei bis zu 25 Prozent geringer als bei einem Mann.

Das Geschlecht des behandelnden Arztes spiele dabei keine Rolle, wie Jennifer Wider von der Society for Women's Health Research gegenüber Broadly sagte. "Studien zeigen, dass Ärzte, unabhängig vom Geschlecht, dazu neigen, weibliche Patienten schlechter zu behandeln und sich mehr Zeit mit der Verabreichung von Medikamenten lassen."

Ob die Mediziner bei Frauen wohl Angst haben, mit der Medikamentengabe die Reproduktionsfähigkeit zu beeinträchtigen? Man weiß es nicht. Denkbar wäre es schon, schließlich hat es ja Tradition, dem ungeborenen Kind – selbst wenn es noch eine rein hypothetische Zukunftsmusik ist – mehr Aufmerksamkeit zu schenken als der Frau ...

Fehldiagnosen wegen Gender-Klischees – danke, Sexismus!

Dass es wegen der sexistischen Vorurteile in vielen Arztpraxen sogar zu völligen Fehldiagnosen kommen kann, zeigen zwei – zugegebenermaßen sehr spezielle – Fälle, von denen ebenfalls Broadly berichtet: In dem einen Fall litt eine Frau jahrelang unter Schmerzen im Kiefer. Ihre Zahnärztin deutete die Schmerzen als Symptom einer Angststörung, doch Versuche, die Beschwerden über eine entsprechende Therapie loszuwerden, scheiterten. Irgendwann wurden der Kiefer der Frau dann endlich gründlich untersucht und geröntgt – ein Stück ihres Weisheitszahns hatte sich im Kiefer eingelagert.

Im zweiten Fall suchte eine Frau wegen starker Bauchschmerzen Hilfe bei unterschiedlichen Ärzten. Mehrere Mediziner diagnostizierten Sodbrennen und empfahlen eine Ernährungsumstellung. "Ich habe geweint vor Schmerzen und war kaum noch in der Lage, feste Nahrung zu mir zu nehmen", zitiert Broadly die Frau. Am Ende stellte sich heraus, dass sie einen Tumor hatte.

Diese Extremfälle zeigen, welche fatalen Folgen die Diskriminierung von Frauen im Gesundheitswesen haben kann. Aber wir sollten solche Extremfälle überhaupt nicht anführen müssen, um eine Diskussion darüber zu rechtfertigen. PMS ist ein ernstzunehmendes Leiden und hat nichts mit Stress, psychischer Labilität oder Stimmung zu tun. Frauen leiden unter den Symptomen von PMS. Die Medizin sollte dem genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie Erektionsstörungen.

Doch egal, wie wir in Arztpraxen behandelt werden: Wir sollten uns niemals unwohl dabei fühlen, Hilfe zu suchen, wenn es uns schlecht geht! 


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