"Dann sind Sie auch so schön" - muss das eine Frau schon schocken?

Sexismus oder Kompliment? Das ist die Frage, über die seit dem Facebook-Post einer Staatssekretärin viele diskutieren. NATÜRLICH diskutieren wir da mit! 

Für alle, die es nicht mitgekriegt haben: Die Netzwelt ist mal wieder gespalten. Die Leute diskutieren über einen Facebook-Post der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, in dem sie von einem Vorfall berichtet, der sie ihrer Aussage nach in Schock versetzt hat.

Der Vorfall geht so:

Chebli soll als Staatssekretärin auf einer Versammlung der deutsch-indischen Gesellschaft sprechen. Offenbar kommt sie etwas zu spät und setzt sich dann (in der Eile?) auf einen freien Platz in der ersten Reihe statt auf den für sie reservierten. Hans-Joachim Kiderlen, ein Diplomat, der sie nicht kennt, sagt: "Die Staatssekretärin ist noch nicht da. Ich würde sagen, wir fangen mit den Reden dennoch an." Als sich Chebli als Staatssekretärin zu erkennen gibt, sagt der Diplomat: "Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind sie auch so schön."

Wie gesagt: Dieser Vorfall habe sie laut ihrem Post in Schock versetzt. Sie erlebe zwar oft Sexismus, aber so etwas habe sie noch nicht erlebt.


Worüber diskutieren die Leute?

Dass Chebli so etwas noch nicht erlebt hat, ist ja – da es sie schließlich sehr geschockt hat – zunächst mal eine gute Nachricht. Aber was genau ist denn nun eigentlich "so etwas"? Die Einen sind ganz bei Chebli und werten "so etwas" als Sexismus. Die Anderen meinen, es sei ein Kompliment.

In einem Punkt haben auf jeden Fall alle Recht: Indem sie darüber diskutieren. Es ist offenbar wichtig, dass wir solche Konflikte thematisieren. Wo fängt Sexismus an? Wo hört Nettigkeit auf? Können wir jemals die Spannungen zwischen den Geschlechtern überwinden? Müssen wir sie überwinden, um in einer gleichberechtigten Welt zu leben?

'Gut gemeint' ist noch kein gelungenes Kompliment

Bestimmt hat der Diplomat es gut gemeint mit seiner Bemerkung. Aber gut gemeint ist eben noch lange nicht gut. Es zeugt von Oberflächlichkeit, dass Kiderlen überrascht feststellt, wenn die Staatssekretärin jung und schön ist. Er sollte sich jedenfalls besser daran gewöhnen, dass junge Frauen alles Mögliche sein können – und dabei auch schön.

Indem Kiderlen – ungefragt, in einem Rahmen, in dem es nichts zu suchen hat – einen bewertenden Kommentar über ihr Aussehen abgibt, macht er Chebli klein – obwohl er ihr etwas Positives sagt. Hätte er einem jungen Mann so etwas gesagt? Sicher nicht! 

Dass Chebli von der nicht zur Situation passenden Bemerkung geschockt war, ist ihr Ding und okay – niemand darf ihr vorschreiben, wie sie sich fühlt. Dass Christian Lindner anders damit umgegangen ist, als im Wahlkampf ständig über sein gutes Aussehen gesprochen wurde, ist auch kein Wunder: Männer werden in der Regel nicht sexuell belästigt, unterdrückt oder vergewaltigt. Deshalb haben sie zwar das Recht, aber kaum einen Grund, bei so etwas sensibel zu sein.  

MÜSSEN wir jetzt immer gleich GESCHOCKT sein?

Aber jetzt mal ganz, ganz ehrlich: Ist es nicht nachvollziehbar, dass einige Frauen in Cheblis Situation schlicht und ergreifend überhaupt nicht geschockt wären? Dass sie Cheblis Reaktion als übertrieben empfinden, nachdem sie gerade noch in einem anderen Tab gelesen haben, wie Jennifer Lawrence in Hollywood als Frau erniedrigt wurde?

Ja, politisch korrekt war Kiderlens Bemerkung nicht und sie zeugt von einem Geschlechterrollenverständnis, das wir nicht mehr wollen. Es ist legitim und engagiert, das anzuprangern, und es wäre eine Verharmlosung, sie als Kompliment zu verbuchen.

Nur haben Männer leider jahrhundertelang gelernt, Frauen die Tür aufzuhalten, Schmuck zu schenken und Komplimente zu ihrem Aussehen zu machen. Dass sie das nicht von Heute auf Morgen abstellen können – damit müssen wir umgehen.

Wenn wir jetzt alle jedes Mal, wenn ein Mann uns mit einer eigentlich gut gemeinten unpassenden Äußerung seine Oberflächlichkeit und Rückständigkeit offenbart, ganz laut Sexismus schreien und geschockt sind, kommen wir ja aus der Schockstarre gar nicht mehr raus. Schlimmstenfalls stumpfen wir dann sogar ab, sodass uns Fälle wie der in Hollywood nicht mehr schocken.

Bleibt nur zu hoffen, dass bei Männern und Frauen bald der Groschen fällt, dass wir für unser Aussehen kein Feedback brauchen. Weil (Selbst)Wertschätzung, die auf dem Äußeren beruht, flüchtig und fragil ist.    

Was Kiderlen angeht: Er hat sich mittlerweile bei der Staatssekretärin entschuldigt. Ob übertrieben oder angemessen - bewirkt hat ihr Post also auf jeden Fall etwas.  

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