Weder Mann noch Frau - Verfassungsgericht fordert drittes Geschlecht

Wie das Bundesverfassungsgericht mitteilte, soll es bald eine dritte Geschlechtskategorie im Geburtenregister geben - für Menschen, die weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich sind. Dafür eingesetzt hatte sich die Initiative "Dritte Option", die sich für die Rechte Intersexueller stark macht.

Was für ein Durchbruch im Kampf gegen die Diskriminierung von Intersexuellen! Seit drei Jahren setzt sich die Initiative "Dritte Option" für die Berücksichtigung von Intersexualität im Geburtenregister ein – jetzt gibt's endlich ein Ergebnis: Das Bundesverfassungsgericht fordert die Einführung einer neuen Geschlechtsklasse, damit jeder Mensch künftig einen angemessenen Eintrag im Geburtenregister bekommt.

Wie der Eintrag lauten wird, gaben die Karlsruher Richter auch schon bekannt: "Positiv" soll für intersexuelle Menschen bald an der Stelle auf der Geburtsurkunde stehen, an der bislang nur "männlich" und "weiblich" auftauchen konnte. 

Bislang gilt: Wer nicht passt, wird passend gemacht 

Jeder 1000. Mensch, der in Deutschland lebt, ist nach Schätzungen des Ethikrats intersexuell. Merkmale wie Genitalien, Hormone, Chromosomen und Keimdrüsen, an denen wir das Geschlecht festmachen, sind bei ihnen schon bei der Geburt weder der Kategorie "männlich" noch der Kategorie "weiblich" klar zuzuordnen.

Bis 2013 mussten Eltern sich bei der Geburt entscheiden, unter welchem Geschlecht sie ihr intersexuelles Kind registrieren lassen. Oft folgten beziehungsweise folgen dann medizinische Eingriffe, um es auf dieses Geschlecht hin zu "optimieren" – von Hormonbehandlungen, über die Verkleinerung der Klitoris auf eine weibliche "Standardgröße" bis zur Hodenentfernung. Kennen wir ja: Wer nicht passt, wird passend gemacht.🙄

Jede*r hat das Recht auf einen Eintrag

Seit November 2013 muss bei Neugeborenen kein Geschlecht mehr ins Geburtenregister eingetragen werden.

Das reicht aber vielen Intersexuellen nicht – verständlicherweise, denn sie haben ja Sexualität und Geschlecht. Warum soll man so tun, als hätten sie kein Geschlecht, nur weil man es mit keinem der beiden Begriffe klassifizieren kann, die für die entsprechende Spalte im Geburtenregister vorgesehen sind? Die Dritte Option schreibt in der Pressemitteilung dazu: "Keinen Eintrag zu haben ist für mich eben nicht dasselbe wie einen passenden Eintrag zu haben."

Und was ist mit öffentlichen Toiletten?

Möglicherweise ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts nur der erste Schritt in einem Prozess, der unseren Umgang mit Geschlecht und Geschlechterrollen ändern könnte. Denn wenn es, wie die Richter ausführten, gegen das Grundgesetz verstößt, wenn Intersexuelle nicht im Geburtenregister berücksichtigt werden – was ist dann mit anderen Dokumenten wie Reisepass und Personalausweis? Was ist mit öffentlichen Toiletten? Müsste es dort nicht auch die Option "positiv" geben?

Vielleicht ändert die Praxis dann ja auch irgendwann unser Verständnis von Geschlechterrollen. Vielleicht betrachten wir Sexualität bald weniger schwarz-weiß (beziehungsweise blau-pink) und sehen darin stattdessen eine bunte Palette mit Übergängen und Grauzonen, in der jeder Mensch einen Platz findet, ohne sich verbiegen zu müssen, um dazu zu gehören. Wir werden sehen.

Die Deadline für den ersten Schritt läuft jedenfalls bis Ende 2018. Bis dahin soll das sogenannte Personenstandsrecht geändert werden, um einem "positiven" Eintrag im Geburtenregister den Weg frei zu machen. 

sus
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