Psychologe erklärt: Wie Frauen die Welt friedlicher machen

Verglichen mit dem Mittelalter leben wir in einer sehr friedlichen Welt. Der Grund für die positive Entwicklung ist der wachsende Einfluss der Frauen, sagt Psychologe und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker.

Insgeheim wissen wir's ja sowieso alle: Würden Frauen die Welt regieren, gäbe es keinen Gender Pay Gap und wir lebten alle glücklich und in Frieden von kalorienfreiem Vanille-Eis.

Aber schon dadurch, dass wir Frauen die Welt immerhin langsam ein gaaaaanz kleines bisschen mitregieren, ist sie deutlich besser und vor allem friedlicher geworden, meint der kanadische Experimentalpsychologe und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker.

Früher stand Gewalt auf der Tagesordnung

'Friedlich?' werden sich jetzt viele angesichts des atomaren Wettrüstens von Donald und Kim fragen. Oder angesichts der Bürgerkriege in Nordafrika oder der täglichen Meldungen von Gewalttaten. Ja, aber immerhin schockieren uns solche Meldungen. Vor 500 Jahren galt Gewalt als normal.

"Bestimmte gewaltsame Praktiken, die in der Antike weltweit verbreitet waren, sind de facto verschwunden. So etwa Menschenopfer, Kannibalismus oder die Kastration von Eunuchen", zitiert "Focus" den Kanadier unter Berufung auf seinen Artikel im aktuellen "Philosophie Magazin".

Weitere Beispiele, die Pinker zur Illustration seiner These einer friedlicher gewordenen Welt anführt: Die Mordrate in Europa ist – im Vergleich zum 14. Jahrhundert – drastisch gesunken, und zwar von 100 Morden pro Jahr je 100.000 Einwohner auf bloß noch einen einzigen. Sklaverei ist heutzutage verboten. Und Straftäter sperren wir ganz zivil und gesittet ein, statt sie zu foltern und zu verstümmeln.

Zu viel Testosteron an der Macht verhindert den Weltfrieden 

Einen Grund für diesen Trend zum Weltfrieden sieht Pinker in der Emanzipation der Frau. Und eine böse Kraft, die Männer zu Gewalttätern macht, kann der Wissenschaftler auch benennen: Testosteron. Durch Experimente an Primaten sei erwiesen, dass ein höherer Testosteron-Spiegel zu mehr Brutalität führt.

Frauen seien also allein schon aufgrund ihres Hormonhaushalts friedfertiger (wehe, hier lacht jetzt jemand, ich bekomme meine Periode und verstehe gerade keinen Spaß!), ergo, so Pinker: "Der Umstand, dass Frauen mehr Macht haben, führt zu milderen Umgangsformen."

Mehr Wunschkinder =  weniger Kriminalität 

Aber auch jenseits der für einige womöglich zweifelhaften Hormontheorie hat der 63-Jährige gute Argumente für seine These. So sei durch die Möglichkeit zur Verhütung weitgehend sichergestellt, dass Frauen schon in ziemlich vielen Ländern nur Kinder bekommen, wenn sie das wollen. Echt gewollte und geplante Kinder wiederum würden liebevoller und besser umsorgt und aufgezogen und entwickelten sich tendenziell zu ausgeglicheneren Menschen mit geringerem Hang zu schiefen Bahnen, Sadismus usw. 

Monogamie schützt vor "bewaffneten Gruppen"

Und wenn euch auch das noch nicht überzeugt, wartet, bis ihr Pinkers drittes Argument pro Emanzipations-Friedens-Theorie hört: Durch die zunehmende weltweite Monogamie gibt's einfach weniger Frust und "Übriggebliebene". Ja, denkt mal drüber nach: Wenn ein Mann mehrere Frauen haben darf, bekommen dafür super viele andere Männer überhaupt keine ab und seien dann viel eher bereit, "sich in Gangs oder bewaffneten Gruppen zu engagieren", sagt Pinker.

Also, noch einmal zusammengefasst: Die Emanzipation der Frau führt laut Pinker unter anderem dazu, dass weniger brutales Testosteron die Welt beherrscht, weniger ungeliebte Kinder gezeugt werden und weniger frustrierte Männer einer kriminellen Gang beitreten. In der Folge wird heutzutage nicht mehr gefoltert, weniger gemordet und kaum noch versklavt – und wenn davon doch mal etwas passiert, sind alle aufrichtig schockiert.

Wir können alles diskutieren – außer das Wohin 

Zugegeben: In dieser gestrafften Form erscheinen die Thesen des Wissenschaftlers gewagt bis provokant. Aber in zwei Dingen hat er auf jeden Fall Recht: Unsere gesellschaftlichen Regeln gebieten heute mehr Friedfertigkeit und Gewaltfreiheit als in der Vergangenheit. Und Frauen haben heute – zwar längst noch nicht genug – aber immerhin mehr zu sagen als im 14. Jahrhundert.

Welcher Zusammenhang ganz genau zwischen diesen beiden Entwicklungen besteht und welche Rolle Hormone, Wunschkinder und Monogamie dabei spielen, muss sicher noch weiter untersucht, diskutiert und analysiert werden und ist bestimmt sehr, sehr, sehr komplex. Aber solange wir den Weg zu einer friedfertigeren und gleichberechtigteren Welt dabei beibehalten, können wir meinetwegen gerne alles diskutieren. 

Zur Info: Im Februar erscheint Pinkers neues Buch "Enlightenment Now" ("Aufklärung jetzt"), in dem er beweisen will, dass die Welt heute besser ist, "als sie es jemals war". 


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Verglichen mit dem Mittelalter leben wir in einer sehr friedlichen Welt. Der Grund für die positive Entwicklung ist der wachsende Einfluss der Frauen, sagt Psychologe und Kognitionswissenschaftler Steven Pinker.

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