Verrückte Diäten: Eine Zeitreise

Sexverzicht, Wunderpillen mit Arsen, Orangen zum Mittagessen: Verrückte Diäten für die perfekte Figur gab es schon vor Jahrhunderten. Wir haben Kurioses aus der Geschichte des Abnehmens zusammengetragen.

Antike: Erbrechen erwünscht

Schon in der Antike gab es unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der menschliche Körper aussehen soll. Die Griechen etwa legten Wert auf harmonische Proportionen und einen sportlichen, olympiareifen Körper. Der griechische Arzt Hippokrates empfahl dafür allerdings alles andere als gesunde Methoden. Er riet übergewichtigen Patienten zu regelmäßigem Erbrechen, Schlaf auf einem harten Bett und Sexverzicht. Sex mache den Patienten müde und halte ihn vom Sport ab. Ganz anders lautete die Philosophie der Römer. Hier stand Genuss im Mittelpunkt, Körperfülle bedeutete Gesundheit und Wohlstand. Wer zu dünn war, stand schnell unter Verdacht, verarmt oder krank zu sein - oder gar Lepra zu haben. Die reichen Bürger schlemmten darum zu jeder Gelegenheit. Um bei einem Festmahl nicht zu schnell satt zu werden, war es üblich, zwischendurch zu erbrechen. Hätten die Römer gewusst, dass die aggressive Magensäure den Zahnschmelz zerstört und sogar zu Speiseröhrenkrebs führen kann, hätten sie diese Diät-Methode wohl lieber bleiben lassen.

Mittelalter: Schwitzen im Sand

Mit Beginn des Christentums wurde es schwierig für alle Feinschmecker. Völlerei galt als eine der sieben Todsünden, die Menschen sollten asketisch leben und fasten. Das Volk hatte allerdings ohnehin keine andere Wahl, denn harte Winter und Kriege führten oft zu Hungersnöten. Trotzdem beschäftigten sich viele Ärzte mit dem Thema Diät. So entstand in dieser Zeit die Weisheit: "Nach dem Essen sollst du ruhn, oder tausend Schritte tun."

Vermutlich stammt dieser Satz aus der italienischen Medizinerschule von Salerno. Dort herrschte im 11. Jahrhundert auch die Meinung vor, Übergewicht könne ausgeschwitzt werden. So buddelten Mediziner Übergewichtige im heißen Sand der süditalienischen Küste ein und ließen sie dort so lange schwitzen, bis sich der gewünschte Erfolg einstellte.

Diese Methode gibt es immer noch - "body wraps" (Körperwickel) sind in vielen Varianten auf dem Markt. Abnehmwillige lassen sich mit Heilerde und Tüchern umwickeln und sollen damit ordentlich ins Schwitzen kommen. Heutzutage fällt das unter den Begriff "Detox", also Entgiftung. Dass Entschlacken tatsächlich beim Abnehmen hilft, ist aber nicht erwiesen.

Renaissance: Zu wenig Tisch für zu viel Bauch

Not macht erfinderisch, Überfluss auch. Die Adligen in der Renaissance liebten gutes Essen, hatten aber ein Problem: Wie sollten sie bei ihren ständig wachsenden Bäuchen noch an ihre Teller kommen? Der damalige Erzbischof von Sens kam auf eine clevere Idee - den ausgebuchteten Tisch. So konnten die Menschen näher an die Tafel heranrücken und auch bei großem Bauchumfang die Platten mit den Speisen erreichen.

An das Abnehmen verschwendeten die Adligen keinen Gedanken. Dünne Frauen galten als unattraktiv und man sagte ihnen sogar nach, dass sie keine Kinder bekommen könnten. "Diät halten" hatte in der Renaissance daher eine ganz andere Bedeutung: Es stand für den Versuch, etwas mehr Fett auf den Leib zu bekommen. Da auf dem Speiseplan der Adligen viel Fleisch und sämige Soßen standen, war das Zunehmen aus Schönheitszwecken jedoch kein Problem.

19. Jahrhundert: Schlank wie Sissi

Das Korsett quetschte Brust und Bauch zusammen und sorgte bei den adligen Damen des 19. Jahrhunderts für Atemnot und Ohnmachtsanfälle. Ziel der aufwendigen Schnürprozedur war es, eine Wespentaille wie Sissi zu haben. Die Kaiserin von Österreich erreichte einen Taillenumfang von nur 46 Zentimetern.

Dafür quälte sich Sissi allerdings auch: Zum Mittagessen nahm Sissi oft nur zwei Orangen zu sich, Reiten und Fechten gehörten zum Tagesprogramm. Sie hatte sogar ein privates Fitnesszimmer mit Hanteln und Ringen. Mit ihrer Idee, zu Hause zu trainieren, war sie ihrer Zeit weit voraus - die Kaiserin trug dabei allerdings keine bequemen Sportsachen, sondern ein bodenlanges Kleid.

Heute vermuten Wissenschaftler, dass sie magersüchtig war. Tag für Tag ließ sie ihr Gewicht überprüfen und aufschreiben. Angespornt von schlanken Vorbildern wie Sissi entwickelte sich der Diät-Markt zu einem lukrativen Geschäft. Ab 1883 wurde in der Ernährung der Begriff der Kalorie verwendet. Durch die Kalorienlehre ließen sich Fette und Kohlenhydrate zueinander in Beziehung setzen. Das wichtigste Instrument für die Diät-Industrie war geschaffen.

20. Jahrhundert: Radikalkuren und Scharlatane

Anfang des 20. Jahrhunderts kam das Korsett aus der Mode. Da Frauen nun nicht mehr die Möglichkeit hatten, kleine Speckröllchen wegzuschnüren, mussten sie auf anderem Wege schlank werden. Die Goldenen Zwanziger wurden darum zu einem Jahrzehnt der Radikalkuren. Die Menschen entdeckten das Fasten wieder. Auch bis heute bekannte Diäten haben ihren Ursprung in dieser Zeit - beispielsweise Trennkost oder "Schlank im Schlaf".

Allerdings nutzten auch Scharlatane den Trend für sich. Sie verkauften Diät-Seifen, Abnehm-Kaugummis und Wunderpillen. Auf den vermeintlichen Schlankmachern standen selten die verwendeten Inhaltsstoffe. Aus gutem Grund: Abgesehen davon, dass die Mittelchen meist nicht wirkten, enthielten sie oft kleine Mengen von Arsen und Strychnin. Falsch dosiert sind beide Stoffe hochgiftig und können zu schweren Krämpfen oder gar zum Tod führen.

Hinter der neuen Diätwelle stand ein neues Selbstbild der Menschen. Sie sahen ihren Körper nicht mehr als gottgegeben an, sondern als etwas, das jeder selbst verändern kann. Ein Selbstbild, das auch heute noch gilt.

Menschen und Mythen

Parasit mit Champagner

Maria Callas gilt als eine der bedeutendsten Opernsängerinnen aller Zeiten. Ihr Gewicht hatte die Sopranistin nicht so gut unter Kontrolle wie ihre Töne: An ihrem 30. Geburtstag wog sie 108 Kilogramm. Daraufhin soll sie eine Kapsel mit Bandwurmeiern mit Champagner heruntergespült haben. Bewiesen ist das bis heute nicht - auch wenn die Sängerin das Gerücht nie dementierte. Wahr oder nicht: Diese Diät ist lebensgefährlich, denn Bandwurmbefall kann die Organe schädigen. Maria Callas wurde nur 53 Jahre alt - sie starb an Herzversagen.

Staatsgeheimnis Figur

Niemand weiß, wie viele Kilogramm Helmut Kohl in seiner 16-jährigen Regierungszeit auf die Waage brachte. "Mein Gewicht ist ein Staatsgeheimnis", verkündete der Altbundeskanzler damals. Weniger geheim war, dass Helmut Kohl verschiedene Diäten ausprobierte. Er fastete mit Tee, Mineralwasser und trockenen Brötchen - und wurde doch jedes Mal vom JoJo-Effekt eingeholt. Fest steht: Sein Gewicht war trotz seiner Mühen im dreistelligen Bereich.

Tödliche Dynamit-Pillen

In den 1930er-Jahren kam in USA eine Pille auf den Markt, die den Sprengstoff Dinitrophenol enthielt. Dieser kurbelte zwar den Grundumsatz des Menschen kräftig an, führte jedoch auch zu Hirnödemen und plötzlichem Herztod. Bereits 1938 nahm die US-Gesundheitsbehörde die DNP-Pille vom Markt. Doch bis heute sind Menschen bereit, für eine schlanke Figur ihr Leben zu riskieren: Erst 2006 starb eine 19-Jährige an den Folgen von illegal im Internet bestellten DNP-Pillen.

Mit Bockwurst zur Traumfigur

Die Wodka-Bockwurst-Diät war angeblich ein Klassiker in der DDR. Das Mantra lautete: ein kleines Glas Wodka am Morgen, ein großes Glas Wodka und eine Bockwurst am Mittag, am Abend wieder ein kleines Glas Wodka. Viel Alkohol auf wenig Mageninhalt war allerdings noch nie eine gute Idee. Die Wodka-Bockwurst-Diät gehört darum eher ins Reich der DDR-Mythen.

Die magische Kohlsuppe

In den 70er-Jahren verbreitete sich das Rezept einer speziellen Diät-Suppe, der "Magic Soup", rasend schnell. Es wurde gefaxt, abgeschrieben, unter Kollegen und Freunden verteilt. Die Idee dahinter: Der Körper verbrauche mehr Kalorien, um die Suppe zu verdauen, als in der Suppe selbst enthalten waren. Man könne daher so viel Suppe löffeln, wie man wolle - ohne ein Gramm mehr am Körper. Die "New York Times" veröffentlichte schließlich ein Rezept der "Magic Soup". Angeblich bestand sie aus sechs angebratenen Frühlingszwiebeln, zwei grünen Paprika, einem Bund Sellerie, Zwiebelsuppenpulver, einem Kopf Kohl und zwei Dosen Tomaten. Also eigentlich eine ganz gewöhnliche Gemüsesuppe.

Eroberer dank Wein-Kur

William der Eroberer (1027-1087) bekam seinen Namen, weil er im Jahr 1066 England eroberte. Dieses historische Ereignis wäre beinah wegen einer Lappalie geplatzt: William war zu dick. Mit 30 Jahren konnte der Herzog kaum noch auf sein Pferd steigen. Daraufhin soll sich William einer selbst erfundenen Diät unterzogen haben: Er trank Unmengen von Wein, statt zu essen. Heutzutage wissen wir, wie viele Kalorien in Alkohol stecken, und würden uns solch eine Wein-Kur reiflich überlegen. Für seine Radikal-Diät spricht aber immerhin, dass William die Eroberung der englischen Küste gelungen ist.

1950er-Jahre: Futtern für Monroe-Kurven

Nach der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg war der Schlankheitswahn vergessen. Die Menschen waren froh, wieder regelmäßige Mahlzeiten zu haben. Das Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre sorgte dafür, dass endlich wieder genug Essen auf dem Tisch stand. Wissenschaftler sprechen von einer "Fresswelle", die daraufhin durch Deutschland rollte. Diäten dienten nur medizinischen Zwecken.

Die neue Lust am Genuss verkörperte am besten die kurvige Marilyn Monroe, das Sexsymbol des Jahrzehnts. Heute würde Marilyn allerdings keinen Modelvertrag bekommen: Sie hatte zwar die Traummaße 90-60-90, war aber nur 1,66 Meter groß. Das Schlemmen der Fünfzigerjahre währte nicht lange. Als sich Ende der Sechzigerjahre der Anteil von Fettleibigen sowohl in Ost- als auch Westdeutschland verdreifacht hatte, war der Markt erneut reif für die Diätindustrie.

1980er-Jahre: Muckibuden und Aerobic-Videos

In den 1980er-Jahren rückte die Figur wieder in den Fokus - bei beiden Geschlechtern. Die Männer eiferten Muskelpaket Arnold Schwarzenegger nach und quälten sich in die überall neu eröffnenden Fitness-Studios. Die Frauen hingegen wünschten sich einen Körper wie Claudia Schiffer und trainierten dafür fleißig mit Aerobic-Videos von Jane Fonda.

Die Zeitschriften waren voller neuer Diäten, die zum Wunschgewicht verhelfen sollten. Besonders beliebt: Low-Fat, die Kohlsuppen- und die Grapefruit-Diät. Und für Ungeduldige gab es nun auch eine Alternative: 1985 führte der Amerikaner Geoffrey Klein zum ersten Mal erfolgreich das Fettabsaugen durch. Mit der neuen Diätwelle verbreiteten sich auch die Essstörungen. Obwohl in den Achtzigerjahren viel dazu geforscht wurde, nahmen die Menschen Bulimie und Magersucht oftmals noch nicht ernst.

1990er-Jahre: Untergewicht als Schönheitsideal

Mit Kate Moss kam auch der "Heroin-Chic", der den glamourösen Topmodels der Achtziger Konkurrenz machte. Diese waren zwar alle sehr schlank, doch erst Kate Moss machte das Untergewicht salonfähig. Spitze Hüftknochen und eckige Schultern waren jetzt auf den Laufstegen der Welt gefragt.

Gegen diesen Trend setzte die britische Feministin Mary Evans Young ein Zeichen: Am 6. Mai 1992 rief sie den ersten weltweiten Anti-Diät-Tag aus ("International No Diet Day"). Die erste Veranstaltung dazu fand in einem Wohnzimmer statt, mittlerweile wird der Anti-Diät-Tag international gefeiert, hauptsächlich von feministischen Gruppen. Bis heute ist das Ziel des Aktionstages, Schönheitsideale kritisch zu hinterfragen und auf gesundheitsschädigende Folgen von Diäten hinzuweisen.

Diätgeschichte im Taschenformat

Low-Fat, Eiweißshakes, Atkins - Anja Dostert hat jede Diät ausprobiert, die ihr halbwegs sinnvoll erschien. Eine Übersicht zur Geschichte der Diät konnte die Biochemikerin jedoch nirgends finden. Deswegen beschloss sie, selbst ein Buch zu schreiben. Von den alten Ägyptern bis zu Mariah Careys Diätgeheimnissen: In "Die verrückte Geschichte der Diät" erzählt die Autorin wissenschaftlich fundiert und witzig über die Schönheitsideale vergangener Zeiten.

Anja Dostert: "Die verrückte Geschichte der Diät - Schlankheitswahn und Schönheitskult" 132 Seiten; 13,90 Euro; Amrun Verlag

Text: Teresa Pfützner
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