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Woher kommt die Hassliebe zu unserem Körper?

Woher kommt die Hassliebe zu unserem Körper?
© Robert Daly/Getty Images
Je weniger der Körper im Alltag noch gebraucht wird, um so mehr machen wir uns Gedanken um ihn. Warum bloß? Und wo soll das hinführen?

Ach, es gibt so viele Möglichkeiten, seinen Körper zu hassen, und Monika Gschwind kennt sie alle. Die meisten Frauen denken, sie seien zu dick. Andere finden sich zu groß, zu klein oder auch nur ihre Hände hässlich. Da man aber den eigenen Körper nun mal nicht verlassen kann wie einen Partner oder einen Job, muss man sich zwangsläufig mit ihm arrangieren. Daher gehen Frauen zum Beispiel in Monika Gschwinds Seminar "Liebe dich in deinem Körper". Dort meditiert, redet und atmet die Ulmer Heilpraktikerin mit den Teilnehmerinnen, deren jeweiliges Problem mit dem Aussehen für die anderen Frauen aus der Gruppe übrigens selten nachvollziehbar ist: "Der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung ist immer wieder erstaunlich."

Die von so vielen Frauen - und auch immer mehr Männern - ausgiebig gepflegte Hassliebe zum eigenen Körper ist ein merkwürdiges Phänomen der Neuzeit. Einerseits gebietet es ja der Zeitgeist, dass man dem eigenen Körper verdammt viel Liebe in Form von Zeit und Geld schenkt: Maniküre, Pediküre, Friseurbesuche, Kosmetikerinnen-Termine, Cellulite-Packungen, Zumba-Kurse, Kraftraining, Diäten, Tätowierungen, Fett-weg-Übungen. Man füttert ihn mit glutenfreier Detox-Rohkost und Bio-Acaibeerensaft oder schleppt ihn zum Fastenwandern auf Sylt. Man besucht Atemkurse, Achtsamkeitstrainings und Laufschulen, um dem Körper wieder Dinge beizubringen, die er eigentlich können sollte, die man ihm aber irgendwie nicht mehr zutraut.

Außerdem gibt's ja immer was zu verbessern. Schließlich ist der Körper unfassbar wichtig, und zwar als für jeden sichtbares Aushängeschild der Persönlichkeit. Für andere Dinge wird er dagegen nicht mehr so gebraucht.

Wer im Alltag dank eines Schreibtisch-Jobs wenig Zeit hat, draußen zu sein, mit den Händen etwas zu erschaffen, im Regen spazieren zu gehen, im Garten zu buddeln, nackt im See zu schwimmen, lange zu knutschen, Nächte durchzutanzen, laut zu singen oder andere Menschen zu berühren, benutzt vier seiner fünf körperlichen Sinne nur noch auf Sparflamme. Verrückte Zeiten: Je weniger wir den eigenen Körper wirklich gebrauchen müssen, für die Arbeit und auch alles andere, umso wichtiger wird sein Aussehen.

Wissenschaftler wie der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette sehen dieses Phänomen als "Paradoxie der Moderne": Der Körper wird dank Autos, Computern, Fernsehen und Kommunikation über Smartphones immer mehr aus dem Alltag verdrängt, gleichzeitig hat er eine ungeahnte gesellschaftliche Aufwertung erfahren. Denn für irgendwas muss er ja schließlich noch gut sein.

Es gibt auch noch eine andere, ergänzende Theorie: Indem wir unsere Körperformen beherrschen, glauben wir, auch unser Leben in den Griff zu bekommen, sagt die italienische Philosophin Michela Marzano. Wenn dies stimmt, gibt es da allerdings einen winzigen Haken: Es klappt nicht. Genau wie das Leben lässt sich auch der Körper nicht restlos kontrollieren. Ja, manchmal lässt er sich gar nicht kontrollieren.

Man merkt es im Kleinen, wenn trotz Training der kleine Schwabbel am Bauch nicht weggeht oder wenn das Spiegelbild irritierenderweise nicht mehr die 27-jährige Frau zeigt, die man doch eigentlich seit vielen Jahren ist. Man merkt es deutlicher, wenn beim Sex die dringend gewünschte Ekstase einfach nicht kommen will, dafür aber der Migräne-Anfall am ersten freien Wochenende seit Langem. Man merkt es mit voller Wucht, wenn man krank ist. Wenn der Körper nicht funktioniert, und es gibt rein gar nichts, was man dagegen tun kann.

"Ich liebe ihn, ich hasse ihn" - vielleicht sind diese ambivalenten Gefühle ganz normal für jemanden, dem wir immer ganz nah sind, der ein Teil von uns ist, mit dem wir buchstäblich durch dick und dünn gehen, durch schlechte und durch gute Zeiten. Aber wie viele Menschen sagen schon laut aus vollstem Herzen "Ich liebe meinen Körper"?

Dabei kann er bekanntlich so viel Freude bereiten. Fast egal übrigens, wie er aussieht. Vielleicht sollte man ihn einfach mal wieder neu kennen lernen und wieder mehr mit ihm unternehmen, solange das noch geht. Mit den Händen etwas erschaffen, im Regen spazieren gehen, im Garten buddeln, nackt im See schwimmen, Nächte durchtanzen, laut singen, lange knutschen, andere Menschen berühren und mehr. Nur mal so als Idee. Das wäre mal eine Maßnahme, gegen die auch der Verstand echt nichts sagen kann.

Text: Sonja Niemann Ein Artikel aus BRIGITTE

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