Nach Adipositas-OP: Das hat sich für Katrin (40) geändert

Katrins Gedanken kreisen ständig um die nächste Mahlzeit: Sie leidet an Adipositas. Um ihr Gewicht zu reduzieren, hat sie sich für eine Magen-OP entschieden. Wird das schwere Leben jetzt leichter werden?

Leben, um zu essen

"Noch könnte ich absagen", flüstert Katrin Böttcher*. "Wir ziehen das jetzt durch", sagt Andi, ihr Mann, und macht einen Witz. Katrin verzieht den Mund. Lachen geht nicht, jetzt nicht mehr.

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Zimmer 18, Station A/B im Haus 2 der "Schön Klinik Nürnberg Fürth", eine von rund 70 Adipositas-Zentren in Deutschland: Katrin Böttcher, 40 Jahre, 165 Zentimeter, 118 Kilo, sitzt schweigend auf ihrem Bett und tippelt mit den Füßen. Sie ist nervös, was sonst. Noch wenige Minuten, dann wird ein Pfleger kommen. Er wird Katrin auf ihrem Rollbett in den Aufzug und dann in den OP schieben. Dort wird Katrin ein Großteil ihres Magens entfernt werden. Der verbleibende Rest wird so schmal sein wie ihr Zeigefinger und dünn wie ein Schlauch. Daher auch der Name: Schlauchmagen.

Katrin will mit der Operation endlich das verlieren, was sie "meine Hülle" nennt. Leise murmelt sie: "Andi, sag, dass alles gut geht ..." Einen Tag vor der Operation sitzen Katrin und Andi auf der Terrasse ihres Reihenhauses, in einem Teich schwimmen Goldfische. Die beiden witzeln viel, oft ist der Ton herb, doch da ist auch eine zärtliche Innigkeit. Katrin, schulterlange braune Haare, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt - eine andere Farbe zieht sie nicht an -, strahlt. Sie sagt, dass sie froh sei. Über ein Jahr hat sie auf den Operationstermin gewartet, nun, "endlich, endlich!", läuft der Countdown. Andi ist ein Bär von einem Mann, muskulös und fast zwei Meter groß. Er schenkt Zitronenscheiben-Wasser ein, verstellt immer wieder den Sonnenschirm, sodass Katrin stets im Schatten sitzt.

Was mache ich, wenn es nicht klappt?

Über Katrins Stuhllehne hängt ein blaues Handtuch. "Ich kann nichts machen, ohne zu schwitzen. Und wenn ich nichts mache, schwitze ich auch. Das hasse ich so am Dicksein. Doch was mache ich, wenn die Operation nichts ändert?" Katrins Hand wandert auf ihren Bauch, der auch der Bauch einer Schwangeren sein könnte. Sie erlebt oft, dass Fremde sie freundlich fragen, wann es denn so weit sei, beim Shoppen, im Supermarkt, im Bus. Dass es nicht klappt, ist ihre größte Sorge. Doch auch vor der Vollnarkose und den Schmerzen hat sie Angst. 40 Kilo sollen runter, Minimum. "Ich bin eine Dünne im Körper einer Dicken – ja, echt, so fühle ich mich!" 

In einem Zimmer der "Schön Klinik" finden sich Katrins Gefühle in Holz geschnitzt. Neben dem Schreibtisch von Professor Thomas Horbach steht eine Skulptur: eine Dünne im Körper einer Dicken. Die Figur wirkt gefangen, und obwohl sie fest umschlossen ist, fast schutzlos. "Adipositas ist eine chronische Krankheit", sagt der Chirurg und Ernährungsmediziner. "Nicht Willensschwäche verhindert den Gewichtsverlust, sondern Prozesse im Körper." Horbach kennt die Vorurteile: Sollen die Dicken doch anders essen, Sport machen, dann brauchen sie keine OP. "Dicke Menschen werden in Deutschland ausgegrenzt, ausgelacht, auf offener Straße beleidigt. Das Leiden ist schon oft sehr extrem."

Rund 200 Adipöse, also krankhaft Fettleibige, operieren der Chef der Allgemein- und Viszeralchirurgie und sein Team pro Jahr, auch Katrin Böttcher ist seine Patientin. Es gibt verschiedene Methoden – neben dem Formen eines Schlauchmagens etwa auch das Legen eines Magenbands oder -Bypass; entschieden wird individuell, denn die eine, beste Methode gibt es nicht. Sie hängt auch von bereits vorhandenen Begleiterkrankungen ab.

Die Vorurteile, die Dicken begegnen, machen Horbach wütend, denn sie widersprechen nicht nur seiner Erfahrung als Chirurg, sondern auch dem aktuellen Wissen der Medizin. Bei Menschen, die hungern, nimmt die Sättigung ab. Essen sie nach einer Diät wieder normal, brauchen sie mehr Kalorien, um sich satt zu fühlen. Ein Teufelskreis. Um nicht zuzunehmen, müssten sie ihr Leben lang auf Diät bleiben. Auch der Energiestoffwechsel brennt nach Hungerkuren auf Sparflamme. "Unser Körper versucht stets, das Niveau, das er einmal erreicht hat, zu halten", erläutert Horbach. "Darauf ist er programmiert."

Es wird einfach zu viel ungesundes gegessen

Natürlich wäre es gut, die Menschen würden erst gar nicht dick. Aber es wäre auch gut, die Menschen würden nicht rauchen oder keinen Extremsport machen. In Deutschland gilt ein Viertel der Erwachsenen als fettleibig. Essen ist heute rund um die Uhr verfügbar, auch die Kaloriendichte hat extrem zugenommen. Die Nahrungsmittelindustrie mischt drei von vier Produkten Zucker bei. Wer in Deutschland lebt, isst so im Schnitt jeden Tag etwa 70 Gramm zugesetzten Zucker – bei sinkendem Energieverbrauch. Körperliche Arbeit ist die Ausnahme und nicht mehr die Regel. Manchmal sind es auch Frust, Wut, Trauer, Einsamkeit, die Menschen maßlos essen lässt. Andere häufen durch eine Krankheit Kilos an.

Katrin blättert in einem Fotoalbum. Auf einem Bild posiert sie im Minirock, auf einem weiteren grinst sie im Badeanzug in die Kamera; die Fotos sind 15 Jahre alt, und Katrin ist darauf so schlank, dass man beim Anschauen unwillkürlich stockt. Sie merkt das, natürlich. Ihre erste Diät machte sie mit 16, weil ihre Mutter sie zu dick fand. Dann noch eine und noch eine, FDH und Shakes, Radikalverzicht und Atkins. Dass ihre Mutter wohl selbst eine Essstörung hatte, versteht sie erst seit einigen Jahren. Mitte 20 hagelte es dann plötzlich Kilos, Katrin nahm zu, drei, sechs, acht, zehn Kilo. Die Ärzte diagnostizierten eine Schilddrüsenerkrankung, doch als die Medikamente eingestellt waren, zeigte die Waage schon 30 Kilo mehr an. Später isst sie aus Frust: Wenn gar nichts runtergeht, nicht mal mit einem Personal Trainer, den sie ein halbes Jahr einmal pro Woche bezahlt, ist dann nicht eh alles egal?

Katrin geht die Treppe nach oben in den ersten Stock, am Geländer hängt ein weiteres Handtuch, sie sind im Haus und Garten verteilt. In einem schmalen Zimmer säumen unzählige Schuhkartons die Wände. Katrin zieht eine rote Schachtel aus dem Regal, weiße Highheels, zehn Zentimeter Absatz. "Meine Hochzeitsschuhe", erzählt sie. Auch die anderen Paare sind hochhackig, es gibt sie in Rot und Blau, Schwarz, Braun, Weiß und Bunt, mit fünf, acht, zehn und zwölf Zentimetern Absatz, mehr als 200 insgesamt. "Das ist schon mein Hobby", sagt Katrin, verbessert sich unmittelbar und murmelt: "Das war mein Hobby." Drei Jahre trägt sie jetzt schon keine Absätze mehr, "die schaffen 118 Kilo schlicht nicht".

Krankenkassen stellen sich zu oft noch quer

Dicksein schränkt ein, so empfindet es Katrin. Und Dicksein verletzt und grenzt aus. Verkäuferinnen schicken sie zur Umstandsmode, andere sagen, kaum, dass sie im Laden steht: In ihrer Größe haben wir nichts. Katrin erzählt von einer Radtour mit Andi, nach einem kurzen Aufstieg war sie so fertig, dass Andi den Notarzt rufen wollte. Nicht im Spaß, "hey, du schnaufst, als bräuchtest du einen Arzt!", sondern ganz im Ernst. Katrin fährt nun nicht mehr Rad. Sie fährt auch nicht mehr Motorrad. Sie geht auch kaum noch aus. Weniger aufgrund der Blicke, die sagen: Was isst die Dicke jetzt auch noch ein Eis? Schräg angequatscht werde sie selten, wohl auch wegen Andi, dem Bär von einem Mann an ihrer Seite. "Aber ich fühle mich unwohl."

Thomas Horbach, Katrins Arzt, scrollt durch Tabellen und Grafiken. "Geht es um die Kostenübernahme für eine Adipositas-OP, stellen sich die Krankenkassen ganz oft quer, wir sind Schlusslicht in Europa", berichtet der Mediziner. Dabei geben internationale Leitlinien vor, dass jedem Menschen mit einem BMI von über 40 so eine OP zusteht. Und eine deutsche Leitlinie besagt, dass bei einem BMI über 35 geprüft werden soll, ob eine OP Sinn macht. Katrin hat einen BMI von 44, und sie hatte Glück. Doch für den Nicht-Einwand der Krankenkasse brauchte es einen Ärzte-Marathon. Ein Allgemeinarzt bescheinigte ihren Bluthochdruck, ein Orthopäde den Bandscheibenvorfall, sie musste Ernährungsprotokolle schreiben, mit einem Psychologen sprechen und nachweisen, dass sie erfolglos versucht hatte, mit konservativen Methoden abzunehmen.

Aber ist das nicht auch gut so? Sollte eine Operation nicht das absolut letzte Mittel sein? Horbach winkt ab. "Das ist sie doch. Aber bei 30, 40 Kilo Übergewicht klappt selbst abnehmen kaum mehr mit dauerhaftem Erfolg."

Klar, dass ein Adipositas-Chirurg so spricht. Doch was Horbach sagt, spiegelt den aktuellen Stand der Forschung. Sehr eindringlich zeigt das eine Studie aus den USA: Die Teilnehmer waren stark adipös, sie wogen im Mittel 130 Kilo. Innerhalb von zwei Jahren nahmen die, die nicht operiert wurden, ein bis zwei Kilo ab. Die Operierten schafften 45.

Was wird wohl die letzte Mahlzeit sein?

Das allein ist schon ein Erfolg, aber es ist nicht alles. Horbach zeigt weitere Diagramme. Die breite Mehrheit der Fettleibigen kämpft mit Krankheiten, die typisch sind für stark Übergewichtige: Diabetes, Leber- und Nierenleiden, Bluthochdruck. Nun zeigen Langzeitstudien, dass viele Krankheiten sich nach einer Operation bessern, manche sogar verschwinden. In einer Studie bildete sich beispielsweise bei drei Viertel der Operierten Übergewichts-Diabetes zurück.

Es ist der letzte Abend vor der Operation, und Katrin kann sich nicht entscheiden. Fleisch? Fisch? Doch Gemüse? Die Böttchers sitzen bei ihrem Stammgriechen, wie auch sonst alle ein, zwei Wochen. Doch heute ist es anders. Es ist Katrins letztes Essen mit ganzem Magen. Katrin redet wie ein Wasserfall, ihre Gedanken springen. Andi soll nach der OP ihr Kopfkissen in die Klinik bringen, ja nicht vergessen, hörst du, vielleicht doch einen Vorspeisenteller, wann müssen wir noch mal los? "Das ist Katrin, wenn sie aufgeregt ist", lacht Andi.

Katrin bestellt schließlich gebratene Aubergine und einen kleinen Vorspeisenteller, den sie dann aber nur halb isst. Als wolle sie beweisen, dass sie nicht maßlos ist. Das sagt sie immer wieder: dass die Zeiten, als sie abends zwei Pizzen verschlang, lange vorbei seien. "Ich weiß doch, was in den Köpfen drin ist: Die Dicke ist halt zu faul zum Abnehmen, also legt sie sich unters Messer. Aber so ist das nicht." Viel Gemüse, viel Obst, morgens einen Smoothie. Das sei inzwischen ihr Speiseplan. Runter gehe trotzdem nichts.

Ein steriler Operationssaal. Katrin in Narkose, halb liegend, halb sitzend. "Beach-Chair-Lagerung" heißt die Position, ihr Oberkörper ist so erhöht, als befände sie sich in einem Liegestuhl. Doch von einem entspannten Tag am Meer hat das Szenario natürlich nichts. Schwestern wuseln herum, ein Anästhesist kontrolliert den Monitor. Fünf Liter CO2-Gas fließen in Katrins Bauch. Thomas Horbach braucht darin Raum. Schlauchmagen-OPs sind minimalinvasive Eingriffe, schon lange wird nicht mehr am offenen Bauch operiert. Horbach macht vier winzige Schnitte. Einen für die Kamera, einen für den Haltearm, zwei für seine Instrumente.

Horbachs Blick ruht auf dem Monitor, das Bauchinnere ist dreifach vergrößert. Der Haltearm hebt Katrins Leber, ein wichtiger Moment, denn die Blutwerte messen nicht exakt, wie stark das Organ schon verfettet ist. Katrin hat Glück. Ihre Leber zeigt wenig Fett. "Das sieht bei vielen anderen Adipösen ganz anders aus", sagt der Chirurg. Eine Fettleber kann gefährliche Folgen wie Leberentzündung bis hin zu einer Zirrhose haben. Eine Schwester reicht Horbach das Ultraschallskalpell. 76 Minuten später fehlen 90 Prozent von Katrins Magen.

So geht es nach der Operation weiter

Noch etwa 150 Milliliter fasst der schmale, geklammerte Schlauch, Katrins neuer Magen. In einen normalen passen 1500 bis 2500 Milliliter. Katrin darf in den ersten Monaten nach der OP etwa 50 Gramm pro Mahlzeit essen, das entspricht einem halben Brötchen oder einem Ei, fünf bis sechs Portionen an einem Tag. Langfristig soll sie auf nicht mehr als 150 Gramm pro Mahlzeit kommen. Schlauchmagen-Operationen sind also restriktiv. Doch das ist nicht alles: Das Wenige, das noch in Katrins Magen Platz hat, dehnt ihre Magenwand bereits früher. Diese Dehnung signalisiert: Ich bin satt, ich mag nicht mehr essen.

Man kann also sagen: Horbach hat Katrins Körper neu programmiert. Und noch etwas hat er getan: In dem Stück des Magens, das der Mediziner nun einem luftleeren Luftballon gleich durch einen der Schnitte aus dem Bauchraum zieht, wird auch das Hormon Grhelin gebildet, das für das Hungergefühl verantwortlich ist. Der Chirurg Horbach überlässt dem Anästhesisten das Feld: "Aufwachen, Frau Böttcher, Sie haben es geschafft." 

Fünf Tage musste Katrin in der "Schön Klinik" bleiben, sechs Wochen war sie krankgeschrieben. Nun öffnet sie die Tür des Reihenhauses und sagt: "Zehn Kilo!" Im Gesicht sieht man den Gewichtsverlust schon, doch sie wirkt unglücklich. Was ist los? Es war ein blöder Tag, im Büro ging nach dem Mittagessen nichts mehr, ein Kribbeln im Magen und Probleme mit dem Kreislauf. Eine halbe Stunde saß sie auf dem Sofa im Konferenzraum, die Füße hoch, atmen, atmen, atmen. Katrin erzählt, dass sie sich rantastet, Tag für Tag, immer noch. Welche Lebensmittel verträgt sie, welche nicht? Kartoffelbrei (ein Esslöffel) und Ikea-Köttbullar (drei Stück): prima. Toastbrot: geht nicht.

"Katrin ist eine Ungeduldige", sagt Andi. "Bei mir rennen halt immer die Gedanken", sagt Katrin. Heute ist sie schlicht down. Es belastet sie, dass Essen wieder diesen Stellenwert hat, wieder rechnet sie, wieder wiegt sie, misst Gramm für Gramm und denkt in Kalorien. "Ich dachte, das hätte ich hinter mir", spielt sie auf ihre Diäten an.

Andi ist es dann, der die Stimmung dreht, mal wieder. Doch diesmal macht er keinen Witz. Als er erzählt, dass Katrin seit zwei Wochen keine Blutdrucksenker mehr schlucken muss und wie froh ihn das macht, lächelt sie doch noch. Und rechnet nun. Neun Kilo noch, dann hat sie die 99. Momentan verschwinden ein bis zwei Kilo pro Woche, in sechs Monaten hat sie Geburtstag. "Da will ich in den Hochseilgarten, da muss man unter 100 Kilo wiegen."

* Katrin Böttcher heißt in Wirklichkeit anders. Ihr Name ist der Redaktion bekannt

Brigitte WOMAN 5/2019

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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