Neva litt an Bulimie – heute setzt sie ihre Kurven in Szene

Mit gerade mal 14 Jahren verfiel die US-Amerikanerin Neva Swartzendruver der Bulimie. Heute wirbt sie bei Instagram für Body acceptance, verteufelt Diäten und zeigt stolz ihre neuen Kurven.

 "Ich wollte doch nur 15 Pfund verlieren."

So beginnt Neva Swartzendruver ihre Geschichte, die sie dem Portal lovewhatmatters.com erzählt hat. Mit gerade einmal 14 Jahren wollte die US-Amerikanerin aus Colorado zum ersten Mal abnehmen. Sie war überzeugt davon, dass sie zu dick war und dass sie die Sommerferien nutzen sollte, um ein paar Pfunde zu verlieren. "Man kennt ja die Geschichte des Mädchens, das sich während der Sommerferien vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan entwickelt und das dann von allen bewundert und gemocht wird. Genau das wollte ich sein."

Die Abgründe des Internets

Neva ließ sich lange von der Bulimie steuern – sie war sich selbst nie dünn genug.

Es fing relativ harmlos an – Neva googelte nach Wegen, um schnell abzunehmen und stieß zunächst auf die üblichen Ratschläge, wie beispielsweise weniger Kohlenhydrate zu essen und Kalorien zu zählen. Doch das tiefe Kaninchenloch namens Internet verschlang den Teenager geradezu – irgendwann fand sie sich auf ihrer ersten "Pro-Ana" Website wieder. In dem Forum feuerten sich Menschen gegenseitig dazu an, so wenig wie möglich zu essen und immer dünner zu werden. Zunächst war Neva schockiert – vor allem darüber, wie begeistert Fotos von völlig ausgemergelten Menschen kommentiert wurden.

Ich hatte noch nie so etwas gesehen, mit Ausnahme von Gefangenen auf Fotos von deutschen Konzentrationslagern.

Neva erinnert sich, dass sie es einerseits abstoßend, andererseits aber auch faszinierend fand, sich durch die Seiten zu klicken. "Da gab es diesen furchtbaren Magnetismus auf der Seite, den ich erst später verstanden habe. Es war diese Mischung aus Community, Kontrolle und das Gefühl, etwas zu erreichen." An diesem Tag stand Neva zum ersten Mal vor dem Kühlschrank und dachte: Wenn diese Mädchen es schaffen, so lange zu hungern, bis sie aussehen wie Skelette, sollte sie doch in der Lage sein, mal einen Snack auszulassen – oder das Abendessen. "Und so begann mein zehn Jahre andauernder Kampf mit der Essstörung."

Ich war wie eine Fruchtfliege. Und die Esstörung war wie ein Mülleimer voller Abfälle.

Harmlose Anfänge vor einer Abwärtsspirale

Anfänglich startete Neva relativ harmlos: Sie ließ hier und da eine Mahlzeit aus und ging etwas häufiger joggen. Die ersten Kilos purzelten schnell – ihre Erfolge und verzehrten Kalorien schrieb das Mädchen in ein Motivationstagebuch. Doch die anfängliche Begeisterung verwandelte sich schnell in Manie: "Irgendwann fühlte ich mich schuldig, wenn ich keine Mahlzeit mehr ausließ. Statt ein wenig mehr zu laufen, trainierte ich täglich bis zur Belastungsgrenze." Und statt sich über ihren neuen Körper zu freuen, begann sie damit, ihn immer mehr zu hassen. Die Teenagerin entwickelte Ängste und Depressionen und kapselte sich von ihren Freunden und ihrer Familie ab.

Ihre Gedanken drehten sich nur noch um Kalorien und ihren andauernden Hunger: Stundenlang fantasierte Neva übers Essen, bis sie es irgendwann nicht mehr aushielt. Nun fing sie an, wahllos alles in sich hineinzustopfen, was ihr in die Hände fiel, bis ihr Bauch hart und geschwollen war. Voller Schuldgefühle rannte Neva anschließend ins Bad und erbrach alles, was sie zuvor gegessen hatte. Danach war sie erleichtert: "Ich dachte, ich habe einen Cheatcode gefunden."

"Essen, kotzen, hungern, wiederholen."

Fortan drehte sich der Alltag des Mädchens um die Bulimie. Solange sie zur High-School ging, fühlte sich Neva wie in einem nicht enden wollenden Teufelskreis gefangen – sie aß, erbrach sich, hungerte und aß wieder. Doch wie durch ein Wunder konnte sie aufhören, als sie ihren jetzigen Freund traf. Fast ein Jahr lang glaubte sie, geheilt zu sein. "Irgendwann wollte ich dann ganz unschuldig ein paar Pfunde vor dem Urlaub verlieren – und fiel direkt zurück in meine Essstörung." Auf Instagram bekam sie Komplimente für ihre sich wandelnde Figur, sie selbst verfiel erneut dem Selbsthass.

Ich hungerte nach mehr als nur nach Essen. Ich hungerte nach Selbstliebe.

Dass sie wieder in einem Teufelskreislauf gefangen war, realisierte sie im Sommer 2016, als sie mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder verreiste: "Ich war grummelig, lethargisch und klebte geradezu an meiner Kalorienzähl-App. Abends lag ich im Bett und weinte – mir war klar geworden, dass ich meinen Bruder entweder ignorierte oder ihn anzickte, wenn er mit mir spielen wollte. Wollte ich wirklich so leben?" 

Instagram als Retter?

Neva wollte so nicht weitermachen, aber es dauerte dennoch ein weiteres Jahr, bis sie es schaffte, aus dem Kreislauf auszubrechen. Dabei geholfen hat ihr – ausgerechnet – Instagram. Statt anderen schlanken Teenagern folgte die junge Frau nun Profilen, die Body acceptance und Selbstliebe predigten. Im Dezember 2017 verkündete Neva auf ihrem eigenen Profil, dass sie Diäten jeglicher Art aus ihrem Leben verbannen würde. "Ich hatte die Hoffnung, dass sogar ich eines Tages eine gesunde Beziehung zum Essen und zu meinem Körper haben könnte." 

Seit diesem Tag erlebte sie viele Höhen und Tiefen: Neva nahm zu, aber nicht nur an Gewicht, sondern auch an Selbstvertrauen: "Ich habe verstanden, dass mein Wert durch die Person kommt, die ich bin, nicht dadurch, wie ich aussehe. (...) Vor allem habe ich aber gelernt, dass es nur einen Weg gibt, eine gesunde Haltung zum Essen und zu sich selbst zu entwickeln. Und das ist Liebe!"

Heute präsentiert Neva ihre neu gewonnenen Kurven selbstbewusst auf Instagram – manchmal auch mit einem Augenzwinkern. Und manchmal denkt sie an den Tag, der alles veränderte. "Wenn ich an dieses 14-jährige Mädchen an diesem Sommertag denke, wünscht sich ein Teil von mir, dass ich sie in den Arm nehmen und ihr wieder und wieder sagen könnte, dass sie perfekt ist." Trotzdem ist Neva klar, dass sie ohne ihre Krankheit heute nicht der Mensch wäre, der sie ist – und sie ist dankbar dafür, dass sie gelernt hat, was Liebe bedeutet.

Über ihre Geschichte und wie es ihr aktuell geht berichtet Neva auf ihrem Instagram-Profil.

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