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Auch eine OP ist kein leichter Weg Melina verlor bereits 20 Kilo durch eine Schlauchmagen-OP

Schlauchmagen-OP: Melina vorher und nachher
© Privat
20 Kilo hat Melina bisher durch eine Schlauchmagen-OP verloren. Ständig hört sie, mit einer solchen Operation mache man es sich ja leicht – tatsächlich steckt hinter ihrem Erfolg aber viel Disziplin.

Bei uns in der Familie mussten schon immer alle auf ihr Gewicht achten. Deswegen wurde bei mir zuhause auch stets frisch gekocht und es wurden extra nie Süßigkeiten, Chips oder ähnliches eingekauft. Durch meine Veranlagung war ich als Kind zwar nicht wirklich dick, aber auf jeden Fall nie schlank. Das Essverhalten, was ich von zuhause kannte, war: Schlingen. Kauen? Egal! Genuss? Was ist das? Insofern kannte ich nichts anderes, als mich möglichst schnell zu überfressen, da konnte das Essen noch so gesund sein. 

Gekocht wurde das, was schmeckte

Als Kind und Teenie war das noch kein Problem, da ich immer sehr aktiv war und verschiedene Sportarten betrieben habe. Ich bin seit meinem 12. Lebensjahr 1,76 Meter groß und lag früher immer so bei 85 bis 90 Kilo. Das Gewicht wurde dann nach meinem Auszug von zuhause mit 19 Jahren erstmals mehr. Ich fing an zu studieren, hatte eine kleine, eigene Wohnung und konnte machen, was ich wollte. Ich kochte mir selbst natürlich nur noch all das, was besonders gut schmeckte und/ oder was besonders schnell ging.

Aber seit Studienbeginn fehlte fast jegliche Bewegung, da ich entweder in der Uni oder zuhause am Schreibtisch saß. Dadurch kamen innerhalb von zwei Jahren schonmal die ersten 15 Kilo.  Außer Kontrolle geriet es dann Anfang meiner 20er Jahre, als ich meinen damaligen Partner kennenlernte. Das erste Problem war, dass er hervorragend kochen konnte, dies auch gerne zur Schau stellte und ich es damals dankbar annahm. Das zweite, noch viel größere Problem war, dass diese Beziehung mir auf allen Ebenen nicht gut tat und ich todunglücklich wurde.

Mein Stoffwechsel war komplett hinüber.

Nichts klappte mehr, meine Lebenswünsche und Pläne verabschiedeten sich, dadurch wurde ich fast drei Jahre lang depressiv und die nächsten 30 Kilo kamen hinzu – aber nicht durch Frustessen oder Snacks. Ich aß im Prinzip fast gar nichts, verlor durch Antriebslosigkeit den Rest an Muskeln und wenn ich mal was aß, dann direkt zu viel. Mein Stoffwechsel war komplett hinüber. Damals war mir mein Maximalgewicht von 135 Kilo und Konfektionsgröße 52 erstmal total egal, da mein Partner mich am liebsten eh in weite, schwarze Klamotten steckte.

Aber ich erinnere mich, dass ich irgendwann fast täglich heulend vor meinem Schrank stand. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich danach sehnte, mich wieder lebendiger und etwas wohler in meiner Haut zu fühlen. Als ich daraufhin anfing, Dinge für mich selbst machen zu wollen, gerieten mein Partner und ich immer wieder in heftigen Streit, die Trennung folgte, als ich 25 war – und kaum war diese beschlossen, fand ich innerhalb von einer Woche einen neuen Job, eine neue Wohnung und bekam wieder einen Studienplatz, was zuvor alles jahrelang nicht funktionierte.

Melina brachte sich bei, Essen zu genießen

Schlauchmagen-OP: Melina im Vergleich
Melina vor und nach dem Eingriff im Vergleich
© privat

Kaum war ich ausgezogen, fühlte ich mich eintausendmal wohler. Ich stellte direkt problemlos meine Ernährung um: Ich verzichtete auf Zucker, ich kochte für mich selber jeden Tag nur noch frisch und gesund, ich aß nur noch maximal 1,5 Teller von einer Mahlzeit statt zuvor locker zwei bis drei. Außerdem habe ich mir selber beigebracht, zu kauen und zu genießen. Dadurch purzelten in einem Jahr zehn Kilo, ohne zusätzlichen Sport. Aber seitdem konnte ich machen, was ich wollte – egal, wie viel ich mich bewegte oder wie sehr ich meine Mengen noch reduzierte, mein Gewicht blieb seit 2015 bei 125 Kilo. 

Ich kümmerte mich daraufhin ehrlicherweise erstmal zwei Jahre nur um mich selber. Ich lernte in der Zeit, mich inklusive meines Körpers zu akzeptieren und dass meine Speckrollen genauso zu mir gehören wie meine charakterlichen Macken. Ich lernte viele tolle neue Leute kennen, ich erlangte wieder Selbstbewusstsein und machte aus meinen Pfunden das Beste: Ich wurde Hobby - Curvy Model.

2016 passierte sehr viel: Zum Einen kam ich ins Finale einer Miss Wahl für kurvige Frauen, lernte dort viele tolle gleichgesinnte Mädels kennen und lief in einer Modenschau mit. Ich! Mit 125 Kilo! Ich habe die Wahl zwar nicht gewonnen, aber diese Zeit hat mir trotzdem unheimlich gut getan. In diesem Jahr lernte ich dann auch meinen heutigen Ehemann kennen. Er war zuvor noch nie mit einer dicken Frau zusammen und hätte selbst nicht erwartet, dass er das mal sein könnte. Ich wiederum hätte nicht gedacht, dass ich jemals mit einem Mann zusammen sein könnte, der kleiner, sportlich und viel schlanker ist. Aber diese Dinge waren plötzlich so egal, da es einfach zwischen uns passte.

Körperliche Beschwerden durch Übergewicht

2017 wurde ich dann sogar bei einem Casting ausgewählt, um bei den Plussize Fashion Days in Hamburg mitzulaufen – an der Seite von Tess Holiday! Das war ein absolutes Highlight und ich habe mich damals seelisch absolut fantastisch gefühlt! Doch leider zeigten sich zu der Zeit auch die ersten körperlichen Beschwerden, die dem Übergewicht geschuldet waren. Ich hatte tagtäglich Rückenprobleme, meine Gelenke und Füße schmerzten. Immer wenn ich dachte, die vorigen Beschwerden halbwegs in den Griff bekommen zu haben, kam irgendwas Neues: Neben einem angeknacksten Kniegelenk, u.a. Verdacht auf Hashimoto, PCO und beginnende Diabetes.

Mein Orthopäde sagte mir daraufhin Anfang 2020: "Sie müssen dringend Ihr Gewicht reduzieren. Aber wenn Sie das bei Ihrem Gewicht durch Sport erreichen wollen, dann brauchen Sie in zwei Jahren neue Kniegelenke." Da war mir klar: Es reicht! Ich möchte versuchen diese ganzen beginnenden Baustellen noch irgendwie abzuwenden und den Schaden nicht noch größer werden zu lassen. Selbstliebe in allen Ehren – aber ich habe erkannt, dass es mein Lebensziel ist mit meinem Mann und zukünftigen Kindern ein möglichst langes und gesundes Leben zu führen.

Das Problem war dann nur: Wie sollte ich das mit der Abnahme ohne Sport nur anstellen?  Im Frühjahr 2020 traf ich dann eine Bekannte aus Curvy Model Zeiten wieder, die sich inzwischen gewichtsmäßig gefühlt halbiert hatte. Natürlich habe ich sie dann gefragt, wie sie das gemacht hat und sie gestand mir, dass sie das nur mittels einer Magen Operation hinbekommen hat. Sie riet mir, nach einem Adipositaszentrum in meiner Nähe zu googeln und das tat ich – keine drei Kilometer von mir entfernt, wurde mir eines angezeigt, bei dem ich daraufhin einen Beratungstermin vereinbarte.

Ob die Krankenkasse die OP-Kosten übernehmen würde, war anfangs unklar

Ich lag mit meinem BMI von 41 ziemlich genau an der Grenze, ab der so eine Operation von der Krankenkasse je nach Vorerkrankung übernommen wird. Und obwohl erst nicht klar war, ob meine Kasse die OP übernehmen würde, habe ich das halbe Jahr Vorbereitungszeit, die man hier in Deutschland machen muss, trotzdem durchlaufen. Diese besteht aus sechs Monaten Ernährungsberatung inklusive Ernährungstagebuch, einem Nachweis von sechs Monaten regelmäßiger Sporteinheiten, sowie einem psychologischen Gutachten.

Nachdem ich das halbe Jahr durchlaufen hatte, die Ernährungsberaterin feststellte, dass man meine Ernährung nicht mehr großartig optimieren konnte und der Sport sich offensichtlich ebenfalls nicht auf mein Gewicht auswirkte, bekam ich dann das OK der Klinik, dass eine Operation ein sinnvoller Schritt sei.  Der nächste freie OP Termin war der 02. Februar 2021. Ich sagte zu und entschied mich für eine Schlauchmagen Operation, bei der 80 Prozent des Magenvolumens entfernt werden. Ich musste vor der Operation eine vierwöchige "Eiweißphase" zur Vorbereitung machen. 

Zwei Tage lang durfte ich nur Wasser und klare Gemüsebrühe zu mir nehmen, dann kam noch Naturjoghurt hinzu.

Meine Operation verlief gut und ohne Komplikationen. Zwei Tage lang durfte ich nur Wasser und klare Gemüsebrühe zu mir nehmen, dann kam noch Naturjoghurt hinzu und als ich am vierten Tag entlassen wurde, durfte ich mich an einer halben sehr weich gekochten Kartoffel probieren. Als ich zuhause ankam, zeigte die Waage direkt sechs Kilo weniger an – da war ich erstmal völlig erstaunt, damit hatte ich nicht gerechnet.

Danach stand vier Wochen sehr weiche und leicht verdauliche Schonkost auf dem Plan, wobei das jede Klinik anders handhabt. Obwohl mir im Voraus klar war, worauf ich mich einlasse, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht, dass die Umstellung hinterher SO schwierig werden würde. Daher muss ich allen Leuten, die behaupten, man mache es sich durch so eine OP "einfach", eindringlich widersprechen! Der einzige Unterschied zu einer "normalen Diät" ist meiner Meinung nach nur, dass der innere Schweinehund, durch den man gerne in alte Muster verfällt, quasi mit weg operiert wird.

Das Leben nach der Operation ist völlig anders

Man ist nach so einer Operation gezwungen sein ganzes Leben umzustellen: Nach etwa vier Wochen Heilungsphase muss man den Rest seines Lebens Vitamine einnehmen, auf seine tägliche Eiweißzufuhr achten, immer regelmäßig Sport treiben und vor allem seine kompletten Essgewohnheiten verändern. In den ersten Wochen ist man froh, wenn man vier bis fünf Esslöffel einer Mahlzeit schafft, langfristig bleiben die Portionen bei circa 150 Gramm. Vieles, was man zuvor oft und gerne gegessen hat, verträgt man eventuell plötzlich nicht mehr.

Außerdem sind fortan viel Zucker und Getränke mit Kohlensäure tabu. Man muss Essen und Trinken für immer strikt trennen: 30 Minuten vor und nach jeder Mahlzeit darf nichts getrunken werden. Noch ein Unterschied zur Diät ist: Jeder Fehler, in alte Muster zu verfallen, wird bestraft. Manche sofort, wie zum Beispiel zu viel oder zu schnell Essen, zu wenig Kauen oder Trinken unmittelbar nach einer Mahlzeit, bedeuten, dass man zur Toilette rennen und sich übergeben muss. Und vernachlässigt man seine Vitamine, treten oft heftige Mangelerscheinungen auf, manche erst Monate oder Jahre später.

Bei Frauen gerät zudem erstmal der Hormonhaushalt für viele Monate durcheinander, die meisten bekommen Haarausfall und auch sollte man mindestens 1,5 Jahre davon absehen, nach so einer OP schwanger zu werden. Und generell sind trotz aller Maßnahmen Abnehm-Stillstände von mehreren Wochen oder sogar Monaten auch nicht ungewöhnlich. Je nach Abnahme gibt es zudem noch das Problem der hängenden überschüssigen Haut, die ohne weitere Operationen ebenfalls nicht weg zu bekommen sind. 

Melina fühlt sich inzwischen viel besser

Ich bin nun 3 Monate Post OP. Fast 20 Kilo habe ich inzwischen verloren und ich fühle mich körperlich jetzt schon wieder großartig! Rücken- oder Gelenkschmerzen habe ich nur noch selten. Inzwischen mache ich sogar wieder gerne Sport und habe generell mehr Bewegungsdrang.  Zwar hat bei mir gerade der Haarausfall angefangen und mein Zyklus ist immer noch außer Rand und Band, aber ich weiß, dass dies leider dazugehört und nur temporär ist. 

Das wirklich Schwierige ist die Ernährungsumstellung, das ganze Timing und vor allem die Kopfarbeit. Statt drei normal großen Mahlzeiten isst man jetzt vier bist sechs Mini-Mahlzeiten. Dabei muss man natürlich darauf achten, dass diese einerseits gesund sind und andererseits genug Eiweiß enthalten. Das Einkaufen und Kochen verändert sich dadurch ebenfalls komplett, das ist auch für den Partner/ die Familie eine Herausforderung. Und damit das mit der Abnahme klappen kann, muss man außerdem täglich mindestens zwei Liter stilles Wasser trinken.

Melinas Selbstbild ist noch verzerrt

Anfangs ist das super schwierig immer an alles zu denken, aber so langsam habe ich mich daran gewöhnt.  Das, womit die meisten Operierten, genauso wie ich, am meisten zu kämpfen haben, ist: Man selbst sieht keinen Unterschied.Auch wenn meine Klamotten inzwischen alle zu groß geworden sind und ich aus meinem Umfeld viele Komplimente bekomme, sieht man sich selbst leider immer noch nur als "die dicke Frau" im Spiegel. Mein Ziel ist es, innerhalb eines Jahres 40 Kilo abzunehmen und wieder bei meinen alten 90 Kilo und Konfektionsgröße 42 zu landen. Die Hälfte der Abnehme habe ich bereits in einem Viertel der Zeit geschafft, das motiviert natürlich sehr! Aber letztlich hat meine Reise gerade erst angefangen und ich stecke selbst noch immer in der Phase des Austestens und Umgewöhnens. Aber wenn alles weiterhin so gut klappt, dann bin ich optimistisch, dass ich mein Ziel auch erreiche – oder vielleicht sogar übertreffe.

Melina ist nebenberufliche Fantasy-Fotografin und schreibt seit Jahren als Hobby verschiedene Blogs zu unterschiedlichen Themen. Von ihrer Reise vor und nach der Magen OP berichtet sie ausführlich & ungeschönt auf ihrem Instagram Profil "mels_schlauchmagen" und dem dazugehörigen Wordpress-Blog.

Brigitte

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