Übergewicht bei Kindern

Starkes Übergewicht ist für Kinder ein Problem. Sie leiden seelisch, und ihre Gesundheit ist in Gefahr. Eine neue, ambulante Therapie hilft mit Sport und Spaß beim Abnehmen.

Norman (Name geändert) ist dick, sehr dick. Der Zehnjährige wiegt 104 Kilo bei einer Größe von 1,50 Meter. Eine seltene Ausnahme? Leider nein! Eine Untersuchung an 32600 Hamburger Kindern zeigt alarmierende Ergebnisse: Von den über Zehnjährigen hat schon jeder sechste zuviel Speck auf den Rippen - Tendenz steigend. 70 Prozent der Kinder, die mit elf Jahren übergewichtig sind, bleiben es auch als Erwachsene. Die vielfältigen Beschwerden durch Übergewicht sind schon heute der größte Kostenfaktor im Gesundheitswesen.

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Aber Norman hat Glück. Er macht seit 14 Monaten eine ambulante Therapie für übergewichtige Kinder an der Freiburger Uniklinik. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Bei dieser Therapie geht es nicht um ein paar Pfund zuviel. An die Klinik kommen nur Kinder, die mindestens 20 Prozent Übergewicht haben und dazu Begleiterkrankungen wie hohe Blutfettwerte, beginnende Gelenkschäden oder seelische Probleme. Dabei lernen sie, nicht mehr zu essen, als ihr Körper wirklich braucht - ganz ohne Vorschriften oder Verbote. Denn Dr. Ulrike Korsten-Reck, die das Kinder-Therapieprogramm an der Klinik eingerichtet hat, hält nicht viel davon, Kinder zum Abspecken erst mal in eine Fastenklinik zu schicken. Da schmelzen zwar die Pfunde, doch anschließend geht's mit dem Gewicht wieder bergauf (Jojo-Effekt), wenn sie nicht anders essen und sich zuwenig bewegen.

Das wichtigste: Spaß am Sport

Kinder wie Norman sollen begreifen, daß sie für sich selbst verantwortlich sind. Und vor allem sollen sie wieder Spaß am Sport bekommen. Deshalb werden die Kinder bei dem Freiburger Modell von einem Team aus Ärzten, Ernährungswissenschaftlern, Psychologen und Sportlehrern betreut. Norman zum Beispiel hat schwimmen gelernt und ist mittlerweile mit Begeisterung dabei - während Bewegung früher für ihn der Oberstreß war.

Die erste intensive Phase, die acht Monate dauert, umfasst Ernährungsunterricht, Kochnachmittage und psychologische Einzelgespräche. Den größten Motivationsschub zum Abnehmen liefert aber der Sport. Dreimal die Woche ist abwechselnd Schwimmunterricht, wird gespielt oder Gymnastik gemacht. Die Kinder bewegen sich in der Gruppe ohne Angst, ohne Leistungsdruck - und ohne gehänselt zu werden. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl.

Auch die Eltern müssen mitmachen

Das Freiburger Programm, das schlicht "Sport und Ernährung" heißt, hat sich inzwischen auch in anderen Bundesländern etabliert (siehe Adressen). Langfristig kann es jedoch nur funktionieren, wenn auch die Eltern - die oft ebenfalls übergewichtig sind - mitmachen. Bei den Müttern ist das meist kein Problem, sie sind für die angebotene Hilfe dankbar. Manche haben eine schlimme Zeit der Hilflosigkeit und Selbstzweifel hinter sich. Der Erfahrungsaustausch auf den Elternabenden ist für sie deshalb oft das Wichtigste überhaupt. Die Väter tun sich dagegen schwerer mit neuen Ernährungsformen. Viele wollen einfach nicht, daß "andere Sitten" eingeführt werden. Da müssen die Psychologen viel Überzeugungsarbeit leisten!

Nach acht Monaten Intensiv-Therapie folgt eine mehrmonatige Beobachtungsphase. Das neue Eßverhalten soll jetzt in Fleisch und Blut übergehen und jedes Kind inzwischen in einem Sportverein aktiv sein. Deshalb steht nur noch einmal pro Woche Sport auf dem Stundenplan.

Der Erfolg: Weniger Kilos, mehr Fitness

Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Die Kinder kamen im Schnitt mit 43 Prozent Übergewicht und haben am Ende der Therapie zehn bis zwanzig Prozent Gewicht verloren. Ihr Gesundheitszustand hat sich deutlich verbessert. Durch den Sport sind sie leistungsfähiger geworden, sie können nun auch beim Schulsport gut mithalten. Dr. Korsten-Reck: "Der Sport ist der wichtigste Motor beim Abnehmen, weil er den Energieverbrauch erhöht. Vor allem die Jungen sind sehr gut für Bewegung zu begeistern. Bei Mädchen geht der Elan fast schlagartig mit der Pubertät zurück. Deshalb haben sie es dann schwerer, ihr Gewicht zu halten." Jährliche Check-ups zeigen aber, daß die meisten ihr Gewicht dennoch stabilisieren konnten, allein durch eine fettarme Ernährung.

Erfolge, die Mut machen. Doch die finanziellen Voraussetzungen für das Therapieprogramm müssen noch besser werden. Ohne Sponsoren läuft nichts. In Freiburg zum Beispiel stellt die Freiburger Turnerschaft ihre Sportanlagen kostenlos zur Verfügung.

Adressen

Hier gibt es das Therapieprogramm "Sport und Ernährung": Gesundheitszentrum Waldfriede, Dr. Dr. Gerd Ludescher, Argentinische Allee 40, 14163 Berlin, Tel. 030/81 81 03 01. Lukaskrankenhaus, Petra Fritsch, Preußenstr. 84, 41464 Neuss, Tel. 021 31/888 27 50. Adipositas-Zentrum, St. Elisabeth-Krankenhaus, Dr. med. Anette Chen-Stute, Josefstr. 3, 46045 Oberhausen, Tel. 02 08/850 83 15. Zentrum für Gesundheit, St. Josefshospital Uerdingen, Helga Weyers, Kurfürstenstr. 69, 47829 Krefeld, Tel. 021 51/45 23 89. Allgemeines Krankenhaus, Adipositas-Therapie-Zentrum, Grünstr. 35/Haus 16, 58095 Hagen, Tel. 023 31/201 10 23.

Dr. med. Stefan Feidt, Rosenstr. 4, 66629 Oberkirchen, Tel. 068 55/63 18. Dr. med. Thomas Kauth, Bismarckstr. 3, 71634 Ludwigsburg, Tel. 071 41/92 46 01. Medizinische Univ.-Klinik Abt. Prävention, Rehabilitation und Sportmedizin, Dr. Ulrike Korsten-Reck, Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg, Tel. 07 61/270 74 73.

Dr. Silvia Kraus, Bahnhofstr. 6, 79183 Waldkirch, Tel. 076 81/60 46.

Lazariterhof, Reha-Klinik, Frau Dr. Frieser, Herbert-Hellmann-Allee 38, 79189 Bad Krozingen, Tel. 076 33/93 53.

Dr. Nora Löhmann, Hauptstr. 15, 79256 Buchenbach, Tel. 076 61/44 20; AOK-Gesundheitszentrum Lörrach, Monika Bonk, Weilerstr. 21, 79540 Lörrach, Tel. 076 21/15 35 23.

In Hamburg gibt es "Moby Dick", ein Programm, das sowohl Vorsorge als auch Therapie beinhaltet und stadtteilbezogen arbeitet. Kontakt über das Präventionszentrum Gesundheit, Umwelt, Erziehung, Bildung, Dr. Christiane Petersen, 20144 Hamburg, Tel. u. Fax 040/45 49 43.

Text: Susanne Gerlach

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