Warum es Ärzte stört, wenn Patienten sich im Netz informieren

Wir alle gucken ins Internet, wenn’s mal zwickt. Doch leider möchten Ärzte wenig davon wissen: Eine Studie zeigt, dass viele Mediziner es gar nicht gut finden, wenn sich Patienten online informieren. Warum eigentlich?

Neulich auf dem Sofa. Ich spüre einen Schmerz neben der Leiste, Richtung Bauch. Nachts meldet er sich wieder. Tagsüber auch. Öfter. Natürlich werfe ich die Suchmaschine an: Was könnte das sein? Da, wo’s wehtut, ist der Darm. Der Eierstock? Die Leiste? Lymphknoten? Wenn da etwas wäre, wär’s ziemlich schlimm, oder...? Es tut gleich noch mehr weh. Zum Internisten bringe ich also nicht nur Symptome, sondern auch Befürchtungen mit. "Mhmh", macht er. Und denkt wahrscheinlich: Wieder ein falscher Alarm aus dem Internet. Der Mann in Weiß zieht sein diagnostisches Standardprogramm durch und nuschelt etwas von "Nichts. Sie gehören auch nicht zur Risikogruppe".

Studie zeigt: Jeder vierte Arzt rät von der Suche im Netz ab

Soll ich jetzt erleichtert sein, weil er nichts gefunden hat, oder empört, weil er auf meine Sorgen nicht weiter eingeht und auch kein bisschen weiter nachdenkt, als er seine Standarddiagnostik durchgezogen hat?
Dass ein Quacksalber wie Dr. Google bis in ihr Sprechzimmer dringt, scheint viele Ärzte in Deutschland zu stören, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Gesundheitsstiftung und der Barmer GEK zeigt. Von über 800 niedergelassenen Ärzten finden 54 Prozent informierte Patienten problematisch. 30 Prozent meinen, das Gelesene würde Patienten eher verwirren, jeder Vierte rät sogar von der Suche ab.

Wie bitte? In einer Welt, in der ein Meer von Gesundheitsnews und Krankheitsberichten, Ratgeber-Portalen und Fachseiten nur einen Klick weit weg ist? Früher gab es zumindest für mich nur ein Medium: das dicke Krankheitsbuch meiner Mutter, ein Ratgeber, der die Zipperlein und Beschwerden der ganzen Familie einzuordnen wusste. Ich gab mich dem Schmöker als Zwölfjährige mit wohligem Grusel hin, schwarz-weiß bis auf ein paar farbige Seiten mit Fotos von Mumps-, Masern- und Rötelnausschlägen, Kinder mit schwarzem Balken vor den Augen, pro Krankheit maximal zwei Seiten.

Heute führen wir eine Abwehrschlacht gegen die virtuelle Überschwemmung unseres Lebens durch News, Meinungen und Informationen. Das Stichwort "Kopfschmerzen" liefert im Netz sieben Millionen Treffer in 0,35 Sekunden. "Grippe"? 17 Millionen in 0,37 Sekunden. Und die Onlinekonsultationen tragen wir dann in die Praxen: Neun von zehn Ärzten sagen, dass sie täglich von Patienten auf neues medizinisches Wissen angesprochen werden, 98 Prozent sind überzeugt, dass Selbstinformation in den vergangenen fünf Jahren noch zugenommen hat. Immerhin freuen sich etwas mehr als 40 Prozent auch über das Interesse des recherchierenden Kranken.

Die meisten Patienten sind ihrer Krankheit auf der Spur

Das sollten sie auch, erklärt Jan Böcken, der sich bei der Bertelsmann Stiftung mit dem Thema Patientenversorgung beschäftigt. "Der informierte Patient ist ideal. Er hilft, die Therapie zu verbessern." Tatsächlich ziehen Kranke mit Know-how die Behandlung zuverlässiger durch. "Studien belegen, dass Menschen mit mehr Gesundheitswissen schneller gesund werden und auch mehr für die Prävention von Krankheiten tun", so Böcken. Und immerhin gab jeder fünfte Arzt in der genannten Studie an, dass Patienten dank Eigenrecherche rechtzeitiger in die Praxis kämen. Eine US-Untersuchung von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs verfolgte deren Internet-Suchverläufe und siehe da - die meisten waren ihrer Krankheit auf der Spur.

Was nervt Ärzte dann? Fällt dem Gott in Weiß ein Zacken aus der Krone, wenn wir Fachbegriffe kennen, Blutwerte einordnen können oder neue wissenschaftliche Daten aus der Handtasche ziehen? Sind sie womöglich eifersüchtig, wenn fast jeder den allgegenwärtigen Dr. Google als erste und letzte Instanz konsultiert, wie eine gerade erschienene Untersuchung des Unternehmens Pascoe Naturmedizin dokumentiert? "Das Internet verändert das Verhältnis von Arzt und Patient sehr. Patienten sind jetzt in der Lage, sich eigenständig zu informieren und können sich eine eigene Meinung bilden", sagt Ärztin Anja Bittner aus Dresden, die sich mit ihrer Firma Verbicur für eine bessere Kommunikation zwischen Arzt und Patient starkmacht.

"Viele User schauen nur die ersten zehn Treffer durch"

In einer US­-Studie gaben Ärzte an, dass informierte Patienten ihnen eher das Gefühl gäben, ihre Autorität stünde infrage. Das belaste die Vertrauensbeziehung. 45 Prozent der Ärzte aus der Bertelsmann-­Studie fürchten auch, dass das Internet unangemessene Erwartungen und Ansprüche erzeugt, nur knapp weniger, dass das Gemisch aus wahr und falsch sie nur behindere. Klar: "Oft spuckt das Internet unspezifische Informationen aus, die wenig nutzen", bestätigt Anja Bittner. "Im schlimmsten Fall kommt man sogar falsch informiert in die Praxis." Dagegen muss der Arzt dann argumentieren.

Man kann verstehen, dass er darauf lieber verzichten würde. Auch weil das Internet so fehlbar ist. "Die meisten User schauen nur die ersten zehn Treffer durch. Doch die sind nicht nach inhaltlicher Qualität sortiert", stellt Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) fest. Google­optimiert bedeutet weder wahr noch wahrhaftig. Sind die Infos veraltet, gefiltert, stecken kommerzielle oder andere Interessen dahinter? Schwer zu sagen. Gerade im Bereich Gesundheit sind die Marketing-Etats der Firmen oft riesengroß, viele Internetseiten, die als Ratgeber daherkommen, werden von Pharmafirmen finanziert. Als weiteres Beispiel nennt Koch die Impfdiskussion: "Da überwiegen Internetseiten, die nicht wissenschaftlich begründen, einseitig argumentieren und die Risiken überbetonen." Und - schwupps - sind die Masern zurück. Wissenschaftlich gesehen: Wahnsinn.

Das Netz ist kränker als die Wirklichkeit

Die fehlende Einordnung ist übrigens auch ein Grund, warum mein Mann mir die Visite per Tablet am Abend verbietet. Weil er dann nicht mehr schlafen kann. Weil ich nicht mehr schlafe, sondern mich und die Sorgen im Bett hin- und herwälze und her und wieder hin. Zumal das Netz kränker ist als die Wirklichkeit. Alles reine Medienpsychologie: "Only bad news are good news" - nur negative Meldungen bekommen Aufmerksamkeit. Wer schreibt über ein Präparat, das prima geholfen hat, über ein Zipperlein, das wirklich nur ein solches war? Im Netz landen vor allem schlechte Erfahrungen mit Ärzten, Medikamenten, lebensbedrohlichen Krankheiten. Das Internet kann sogar Beschwerden verstärken, wie bei mir auf dem Sofa. "Die Angaben können wie ein Nocebo wirken - eine Tablette, bei der man negative Wirkung spürt, ohne dass ein Wirkstoff im Spiel war", erklärt Ärztin Bittner.

Man sollte also beim "Gesundgoogeln" die Risiken und Nebenwirkungen besser beachten. Und die Ärzte? "Sie sollten angesichts der Informationsflut die Lotsen sein, die mit guten Quellen helfen", sagt Koch. Doch da gebe es Nachholbedarf. Ärzte wüssten meist nicht, wie Patienten sich informieren, und kennten eher selten seriöse und dennoch für Laien verständliche Seiten im Netz, auf die sie verweisen könnten.

Also? Liebe Ärzte, nehmt uns ernster. Nehmt das Internet endlich ernst. Gebt Patienten mehr Schriftliches für zu Hause, dass über Werbung hinausgeht. Ich gelobe dafür, Dr. Googles Eingebungen stärker auf Herz und Nieren zu prüfen. "Es hilft außerdem, sich klarzumachen, dass der Arzt immer noch das bessere fachliche Wissen hat und Dinge besser einordnen kann, egal wie gut man recherchiert hat", so Bittner. Oder, wie ein guter Freund sagt, der schwer erkrankt ist: "Ich kann kein Studium der Onkologie nachholen, am Ende muss ich dem Arzt vertrauen."

Zum Umgang mit Dr. Google

Wer diese Regeln befolgt, kommt mit Gesundheitsinformationen im Netz besser zurecht

  • Niemals einfach Symptome eingeben: Das ergibt zu viele Treffer und damit zu viele falsche Fährten - man sucht die Nadel im Heuhaufen. Manchmal macht eine Recherche tatsächlich erst nach dem Arztbesuch Sinn.
  • Misstrauisch bleiben: Portale ohne Werbung, die auf gesichertem ("evidenzbasiertem") medizinischem Wissen beruhen (wie www.patienten-information.de, www.gesundheitsinformation.de und www.krebsinformationsdienst.de), sind die absolute Ausnahme im Netz. Man muss immer misstrauisch sein: Selbst wenn Ärzte die Autoren sind, ist nicht sicher, wie aktuell ihr Informationsstand ist, was Meinung, was Wissen ist und ob sie sich im Dienste etwa einer Pharmafirma äußern. Weil das so schwer zu durchdringen ist, gibt es inzwischen Gütesiegel für Gesundheitsseiten im Netz, wie die des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem (Afgis) und der Schweizer Stiftung "Health on the Net" (HON), die Seriosität garantieren. Aber auch ohne Siegel sollte man deren wichtigste Qualitätskriterien hinterfragen: Wer ist der Anbieter? Welches Interesse verfolgt er? Sind die Autoren und Quellen seriös und qualifiziert? Ist das Angebot aktuell, wird das Veröffentlichungsdatum genannt? Welche finanziellen Interessen stecken dahinter? Und: Sind Werbung und Inhalt getrennt?
  • Allgemeine Portale lieber vermeiden: Wenn ihr Informationen zu einer beispielsweise gynäkologischen oder internistischen Erkrankung suchen, dann guckt besser auf die Seiten der jeweiligen Fachgesellschaften als auf allgemeine Portale. Für den aktuellen Stand der Therapie sind die Leitlinien der Fachgesellschaften interessant. Auf www.awmf.org/leitlinien.html sind 173 Fachgesellschaften organisiert.
  • Sich selbst richtig einschätzen: Ihr seid eher ein Hypochonder? Wenn ja: Verbietet euch zu suchen. Geht besser gleich zum Arzt und sprecht direkt an, dass ihr eher ängstlich sind.

Videoempfehlung:

Frau trinkt Tee
Text: Christiane Kolb
Ein Artikel aus der Brigitte WOMAN 04/17
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.