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Alte Nutztierrassen: Fleisch aus artgerechter Haltung

Alte Nutztierrassen: Schafe
© FooTToo / Shutterstock
Kann Fleisch heute noch mit gutem Gewissen verzehrt werden? Ja. Wenn das Fleisch von alten Rassen aus artgerechter Haltung stammt, tut es sogar was für Landschafts- und Artenschutz. Wie auf dem Mehringerhof in Niederbayern.

Ein Vierkanthof im niederbayerischen Vilstal, in der Nähe von Landshut. In Gummistiefeln stehen die Bäuerinnen Johanna und Michaela Mehringer im Freilauf ihrer Wollschweine, einer alten, vom Aussterben bedrohten Rasse, und kraulen Bonnie und Clyde die Bäuche. Oder vielmehr: Sie versuchen es. Denn dass die Wollschwein-Mamis gekuschelt werden, sie aber nicht, empört die sieben Ferkel sehr. Sie quieken, schubsen und drängen.

Michaela stellt einen Fuß auf die unterste Zaunlatte, um das Gleichgewicht zu halten. Die 50-Jährige lacht, lässt von Bonnie ab und gönnt einer ihrer Töchter den Sieg. Routiniert gleiten ihre Finger durch die wollig-krausen Borsten. Genussvolles Grunzen. Nebenan blöken Schafe. Eine Kuh muht, es ist eine der Murnau-Werdenfelser, die hier, wie die Esel, aber nicht als Nutztiere gehalten werden. Obwohl Regenwolken heute das Blau-Weiß des bayerischen Himmels verhängen: Der Meh­ringerhof strahlt eine Idylle aus, die in ihrer Bilder­buchhaftigkeit beinah inszeniert wirkt.

Doch da schüttelt Johanna Mehringer, 25, energisch den Kopf. "Unser Hof ist kein Streichelzoo. Die Tiere sind auch keine Kuscheltiere. Früher oder später müssen sie alle zum Schlachter." Johannas Mutter Michaela ergänzt: "70 Prozent der heimischen Nutztierrassen stehen in Deutschland schon auf der Roten Liste. Weltweit stirbt jede Woche eine Nutztierrasse aus."

Wollen wir die alten Rassen vor dem Verschwinden bewahren, müssen wir sie essen.

Ein Satz, der in die Idylle knallt. Weil er sich scheinbar beißt mit dem liebevollen Respekt, den Johanna und Michaela gegenüber ihren Tieren zeigen. Die beiden züchten neben Wollschweinen, Mangalicas genannt, auch noch Waldschafe und Alpine Steinschafe, zwei ebenfalls bedrohte Rassen. Aber der Satz erstaunt auch, weil Fleischessen ein mieses Image hat. Die Gretchenfrage lautet: Kann Fleisch heute noch mit gutem Gewissen verzehrt werden?

Um es vorwegzunehmen: Ökologisch absolut unbedenklichen Fleischkonsum gibt es nicht. Doch das gilt inzwischen für nahezu jedes Lebensmittel. Nichts ist schwarz oder weiß. Bio-Äpfel aus Übersee? Können im Frühjahr eine bessere Klimabilanz haben als seit Monaten gelagerte Ware aus Deutschland. Das Gleiche gilt für viele andere Produkte, die gelagert oder behandelt werden.

Beim Fleisch sind die Unterschiede aber extrem. Um das zu verstehen, muss man die Logik der industriellen Tierhaltung begreifen. Schwein ist das Lieblingsfleisch der Deutschen, knapp 36 Kilo pro Kopf essen wir jährlich. Seit den Sechzigerjahren stillen Hybridschweine diesen Fleischhunger, eine Kreuzung aus drei Rassen und auf Hochleistung getrimmt. Ein Hybridschwein schafft bis zu viermal mehr Ferkel pro Wurf, und es kann mit rund sechs Monaten geschlachtet werden; die Wollschweine der Mehringers werden eineinhalb Jahre alt.

Dass diese Tierhaltung und somit auch unser Fleisch­konsum nicht nachhaltig ist und beispielsweise dem Klima schadet, wissen wir alle. So kommt die Umwelt­organisation WWF in einer Studie zu dem Schluss, dass beinah 70 Prozent der Treibhausgasemissionen, die durch unsere Ernährung verursacht werden, von tierischen Produkten stammen. Die Tiere selbst stoßen klimaschädliche Gase aus, vor allem Methan und Lachgas – Rinder deutlich mehr als Schweine. Unser Fleisch­konsum zerstört aber auch ganze Ökosysteme und natürliche Ressourcen. Ohne Kraftfutter aus Soja beispiels­weise ist die industrielle Tierhaltung undenkbar. Für den Soja­anbau aber werden Urwälder gerodet. Ein Frontalangriff auf die grüne Lunge der Erde, der Transport nach Europa ist da noch nicht einmal eingerechnet.

Dieser Logik widersetzen sich Bauernhöfe, die wie Michaela und Johanna alte Rassen halten. Das Mutter-Tochter-Paar lacht viel, und wenn die eine einen Satz beginnt, beendet ihn schon mal die andere. Als Teenie wollte Johanna nichts vom Hof der Eltern wissen. Die ließen sie damit in Ruhe, einen Zwang zum Anpacken gab es nicht. Vielleicht erklärt das die Vertrautheit. Oder das gemeinsame Ziel: Fleischkonsum nachhaltig machen.

Inzwischen haben die zwei Frauen ihre Gummistiefel gegen Hausschlappen getauscht. Sie sitzen in der Wohnküche des Bauernhauses, auf dem Tisch ein geöffneter Laptop, Michaela muss noch den Verkauf zweier Lämmer dokumentieren. Den Hof kauften die Meh­ringers im Jahr 2003, Michaela und ihr Mann Rainer ­be­wirtschaften ihn seitdem im Nebenerwerb. Beide haben Vollzeitjobs, Michaela arbeitet im Büro, sie ist In­dustriekauffrau, Rainer ist Personalratsvorsitzender der Arbeits­agenturen in Bayern. Johanna studiert Agrar­management.

Für die Tiere sind inzwischen die zwei Frauen verantwortlich, von der Geburt der Ferkel und Lämmer bis zum Schlachter im Dorf nebenan. Michaela sagt nun: "Ich bin eine, die nicht auf Fleisch verzichten mag. Für mich gehört Fleisch schlicht zur menschlichen Ernährung. Es schmeckt super und liefert wertvolle Nährstoffe." Johanna ergänzt: "Ich verstehe jeden Menschen, der es ablehnt, dass ein Tier für ihn stirbt. Ich war selbst zwei Jahre Vegetarierin." Michaela: "Ich persönlich kann nur noch Fleisch essen, wenn das Tier ein gutes Leben hatte."

Johanna: "Man kann und darf Fleisch mit gutem Gewissen essen. Aber dafür muss das Fleisch nachhaltig sein."

Doch wie sieht diese Nachhaltigkeit aus? Michaela zeigt aus dem Küchenfenster. Unter dem Birnbaum wühlen die Mangalicas die Erde auf. Kocht Michaela, öffnet sie das Fenster, wirft den Schweinen Kartoffelschalen oder angebraunten Salat zu. Die dunkle Färbung der Wollschweine erinnert an Wildschweine. Hy­bridschweine sind rosa, weil sie nahezu borstenlos sind, das macht das Schlachten leichter. Es kostet die Tiere aber den Himmel. Im Freiland kriegen Hybridschweine Sonnenbrand. "Dass unsere Tiere den Himmel sehen und Sonne und Regen spüren, ist für mich nachhaltig" sagt Michaela.

Freilandhaltung kann aber noch mehr. Die Almwiesen in den Alpen etwa gäbe es ohne Weidetiere nicht. Oder die Deiche an der See. Die zwei benutzen ihre Finger, um die Vogelarten rund um den Hof aufzuzählen: Eisvogel, Buntspecht, Neuntöter, Waldohr­eule, Fichtenkreuzschnabel, Schwalben. Letztere nisten im Schweine­stall. Die Schafbälle und die Schweinehaufen locken Käfer und Insekten an. Im Sommer summen Bienen. Biodiversität. Die Vielfalt des Lebens.

Bei den Mehringers mähen die Schafe das Gras unter den Haselnussbäumen; die Nüsse verkauft die Familie ebenfalls. Die Tiere nehmen also auf umweltschonende Weise den Menschen Arbeit ab. Nebenbei düngen sie fressend den Boden – ohne ihn zu überlasten.

Überhaupt, das Fressen. Es ist ein neuralgischer Punkt. Hybridschweine und Hochleistungskühe brauchen Kraftfutter. Die breite Masse der traditionellen Rassen nicht. Für sie kommt Monokultur-Mais oder klimaproblema­tisches Soja gar nicht erst in den Trog. Wollschweine dürfen Gras fressen, weshalb sie auch Silage oder Heu be­kommen, bei den Mehringers stammt es von den eigenen Wiesen. Andere traditionelle Schweinerassen wie die Tu­ropolje-Schweine sind begnadete Schwimmer, sie ­können sogar ihr Futter ertauchen und fressen Wasserpflanzen.

Sterben nun diese Rassen aus, gehen zugleich deren einzigartige genetische Eigenschaften verloren.

"Nicht-Hochleistungstiere sind etwa widerstandsfähiger gegen Krank­heiten und kommen mit unterschiedlichen Witterungen besser klar", erzählt Johanna Mehringer. Weil sich die Welt wandelt und niemand weiß, was morgen sein wird, könnte das für kommende Generationen Gold wert sein.

Michaela steht an der Küchenzeile und schneidet Speck in feinste Scheiben. Nur quatschen, das gehe bei diesem Thema nicht, finden die Bäuerinnen. Man muss auch handeln. Doch könnten die alten Rassen nicht ge­nauso erhalten werden, wenn sie nicht gegessen werden? "Nicht in dem Umfang, in dem wir sie brauchen", sagt Johanna. Wollschweine sind keine niedlichen Minischweine, wie etwa George Clooney eines als Haustier hielt. Und Züchten meint eben auch: kranke Tiere aussortieren. Zuchtregeln beachten. Für Eber Leonardo suchen die Mehringers momentan ­eine/-n Käufer/-in, im Herbst werden Bonnie und Clyde fast sieben sein, dann endet ihre Zeit als Zuchtsauen. Die zwei Schweinedamen, die ihnen nachfolgen werden, sind Leonardos Nachkommen. Doch es geht um viel mehr. "Die Idee ist ja, dass wir unsere Essgewohnheiten ver­ändern", sagt Michaela.

Inzwischen steht der Speck auf dem Tisch. Er ist für unser Auge ungewohnt, deutlich mehr pures Weiß als rotbraunes Fleisch. Doch er zergeht auf der Zunge. Unter Feinschmeckern gilt das Mangalica bereits wieder als Delikatesse. Bei den Mehringers kostet ein Kilo Speck 45 Euro, 100 Gramm Salami vier Euro. Damit ist nachhaltiges Fleisch etwas für Gutverdiener.

Im Jahr isst jeder Deutsche ungefähr 60 Kilogramm Fleisch.

"Das ist der Punkt", sagt Michaela. "Nachhaltig kann Fleischessen nur sein, wenn wir es nicht täglich tun. Bei uns kaufen auch Menschen ein, die aufs Geld schauen müssen." Wer seinen Konsum mindestens halbiert, der kann sich sogar teureres Fleisch leisten. Den derzeit noch viel zu hohen Fleischhunger können alte Rassen ohnehin nicht stillen. Sollen sie auch nicht. "Nicht das Gemüse oder die Nudeln sollten die Beilage sein, sondern das Fleisch", sagt Johanna.

Fakt 1: Die Nutztierhaltung gehört zu den wichtigsten Verursachern der globalen Erwärmung.

Wenn wir unseren Fleischverzehr einschränken und dabei weniger CO2-belastetes Fleisch wählen, haben wir eine Chance, die globale Erwärmung zu begrenzen und unsere Klimaziele zu erreichen.

Fakt 2: Wiederkäuer haben einen hohen CO2-Ausstoss:

Pro Kilo konventionellen Rindfleischs werden durchschnittlich 13,3 Kilo CO2 freigesetzt. Zum Vergleich: Die gleiche Menge Mischbrot produziert 0,8 Kilo CO2, Äpfel durchschnittlich 0,3 Kilo CO2 und Tomaten 0,2 Kilo CO2.

Fakt 3: Eine vierköpfige Familie, die auf Rind- und Kalbfleisch verzichtet...

...(etwa ein Kilogramm pro Woche), spart im Jahr mindestens 500 Euro Haushaltsgeld ein und vermeidet jährlich mindestens 700 Kilo des Klimagases CO2.

Fakt 4: Die Deutschen essen am liebsten Schwein,...

...es erzeugt im Durchschnitt 3 Kilo CO2 pro Kilo Fleisch. Auf Platz zwei liegt ­Geflügelfleisch, das noch etwas mehr, nämlich 3,5 Kilo CO2 ­ verursacht.

Fakt 5: Internationale Klima- und Ernährungswissenschaftler/-innen haben sich auf gemeinsame Speiseplan-Empfehlungen geeinigt.

Nach der "Planetary Health Diet" sollte der Verzehr von Fleisch und Zucker halbiert, der von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen verdoppelt werden. Mehr Infos unter bzfe.de

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