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Essensgewohnheiten: Warum essen wir, was wir essen?

Essensgewohnheiten: Snacks
© HBRH / Shutterstock
Die meisten Menschen kämpfen gegen hartnäckige Ernährungsmuster, die in der Kindheit angelegt worden sind. Werden wir die wieder los – und wenn ja, wie? Ein Gespräch mit dem Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl.

Schmeckt nicht gibt‘s nicht: Man kann sich an alles gewöhnen, auch an Gemüse

BRIGITTE: Sie sagen, die ersten 1000 Tage entscheiden darüber, wie wir später essen. Ich denke dabei an: Karottenpüree, Milch, Griesbrei. Schwer vorstellbar, dass diese Zeit so prägend für unser Leben ist...

DR. MATTHIAS RIEDL: Viele meiner Patienten kämpfen mit alten Ernährungsmustern. Also habe ich recherchiert und kam zu der Erkenntnis: Nur wenn ich verstanden habe, wie meine Ernährungsprägung in der Kindheit abgelaufen ist, kann ich meine heutige Essweise verändern. Während der Schwangerschaft und den ersten beiden Lebensjahren wird die Grundlage gelegt. Es ist reiner Zufall, was ich mag – wäre ich in Hongkong geboren, hätte ich andere Vorlieben. Außerdem wird in dieser Zeit geprägt, welche Emotionen ich mit dem Essen befriedige. Wenn mir das bewusst wird, kann ich aktiv werden und dieser Prägungsfalle entkommen: Indem ich Neues ausprobiere und über den Mere-Exposure-­Effekt Gewohnheiten verändere.

Wenn ich Nahrungsmittel, die mir eigentlich nicht schmecken, mehrere Male probiere, verändert sich nämlich irgendwann auch mein Geschmack.

Das müssen Sie genauer erklären ...

Mere-Exposure-Effekt bedeutet, dass ich ein Lebensmittel häufiger esse, damit aus einer Abneigung eine Vorliebe werden kann. Wenn ich Nahrungsmittel, die mir eigentlich nicht schmecken, mehrere Male probiere, verändert sich nämlich irgendwann auch mein Geschmack.

Heißt: Wie häufig muss ich den verhassten Brokkoli kosten, bevor ich mich irgendwann auf ihn freue?

Zwischen 20 und 30 Mal.

Ganz schön oft, wenn man ihn nicht mag!

Stimmt. Es ist so: Für viele Geschmacksrichtungen wie Knoblauch oder Schärfe werden die Weichen schon im Mutterleib gelegt. In den ersten beiden Lebensjahren ist es dann wichtig, Kindern möglichst viele natürliche Lebensmittel und Geschmäcker anzubieten, die ganze Bandbreite des Essens. Und nicht nur einmal im Monat, sondern jede Woche. Was wir in dieser Zeit versäumen, wenn das Fenster für das Essenlernen sperrangelweit offen steht, büßen wir später –und müssen dann eventuell 30-mal Brokkoli probieren, bis wir ihn mögen.

Wer Kinder hat, weiß wie nervig es ist, sie zum Grünzeugessen zu motivieren...

Sie reagieren oft ablehnend – ein Sicherheitsprinzip der Evolution, um die Überlebenschance zu erhöhen. Trotzdem kann Gemüse zum Lieblingsgericht werden, wenn Eltern ohne Zwang möglichst früh möglichst viele verschiedene Gemüsesorten füttern und Vorbilder sind, indem sie frisch kochen und abwechslungsreich essen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Vorliebe über das Leben bleibt, ist groß.

Aber wie verhindere ich, dass mein Kind sofort alles wieder ausspuckt?

Der Klassiker: Ich koche Gemüse, stelle es meinem Kind hin, und es pult die Pa­­prika raus. Jetzt kann ich sagen: Das ist gesund, iss das bitte. Oder ich sage: Toll, gib mir das mal, ich mag das gerne. Das führt zu einer höheren Toleranz. Oder man schneidet Sellerie klein oder stampft es in den Kartoffelbrei, damit das Kind es nicht sieht, aber den neuen Geschmack trotzdem kennenlernt. Sellerie ist ja für viele gewöhnungsbedürftig.

Ein Vorbild beim Essen zu sein, das ist heute schwer, wo viele Eltern arbeiten und nur wenig Zeit zum Kochen haben ...

Das ist der Kern des Problems. Viele Eltern denken: Das, was es im Supermarkt gibt, kann ich kaufen und meinen Kindern geben. Sie meinen es gut. Und prägen sie trotzdem falsch. Wir sind gerade dabei, eine ganze Generation zu verderben: durch anerzogenes Snacking und eine minimale Auswahl an Lebensmitteln. 25 verschiedene Gemüsesorten, Kräuter und zuckerarme Obstsorten sollte jeder Mensch in der Woche essen, um gesund zu bleiben. Nur: Das schaffen die meisten Leute nicht mehr. Sie essen zu viele Fertignahrungsmittel, die Kunstaromen enthalten und den Geschmack falsch prägen. Rührt man dann frische Erdbeeren in einen Naturjo­g­hurt, schmeckt das nicht mehr, weil man das süße Kunstaroma eines fertigen Erdbeerjoghurts gewöhnt ist. Woher kommt die Explosion an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Rheuma, Darmerkrankungen? Auch daher, dass wie so viele minderwertige Fertignahrungsmittel und versteckten Zucker in Lebensmitteln zu uns ­nehmen. Das unseren Kindern zu geben, grenzt an Kindesmisshandlung.

Wann beginnt denn eigentlich die Phase der Ernährungsprägung?

Schon vor der Schwangerschaft. Studien haben gezeigt, dass sich die Ernährung des Vaters auf das Brustkrebsrisiko der Tochter auswirkt. Und aus dem Zweiten Weltkrieg weiß man, dass Hungerphasen während der Schwangerschaft den Stoffwechsel des ungeborenen Kindes beeinflussen und auf Sparmodus programmieren. Gibt es später viel zu essen, bleibt der Stoffwechsel sparsam, Übergewicht entsteht. Diese Evolution im Schnellformat wirkt auch andersrum: Wenn die Mutter während der Schwangerschaft dick ist, prägt sie das Kind, später ebenfalls übergewichtig zu werden.

Kinder lernen: Ich muss nur nerven, dann kriege ich das süße Zeug.

Und was ändert sich dann ab dem ­zweiten Lebensjahr?

Bis dahin funktioniert der Hunger-Sättigungs-Mechanismus bei Kindern perfekt. Dann kommt das hedonistische Essen dazu: Appetit und Verlangen. Hunger hat bei Erwachsenen ja oft emotionale Ursachen: Man isst, weil man traurig, gelangweilt, gestresst ist oder sich belohnen möchte. Und die Ursachen dafür liegen in der Kindheit, weil Eltern ihre Kinder mit Essen ruhigstellen oder trösten, obwohl sie nicht danach verlangen. Das fördert späteres Fehlverhalten. Kinder lernen: Ich muss nur nerven, dann kriege ich das süße Zeug.

Und die Dressur kriege ich beim Kind nicht wieder raus?

Doch, mit Konsequenz. Aber das dauert und kostet Kraft.

Viele Menschen sind heute verunsichert, wenn es um gesundes Essen geht. Vegan, Paleo, Keto – woher weiß ich eigentlich, was gut für mich ist?

Die zentrale Frage lautet: Was braucht der Mensch? Nämlich: genug Eiweiß, möglichst aus pflanzlicher Herkunft. 500 Gramm Gemüse täglich wegen der sekundären Pflanzen- und der Ballaststoffe. Pflanzliche Öle und Fischöl. Nicht mehr als 25 Gramm Zucker am Tag. Und nur zwei bis drei Mahlzeiten. Unser Probleme sind das ständige Essen, das Übermaß an prozessierten Kohlenhydraten und die Zusatzstoffe, die der Darmflora schaden. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Gesundheit, denn es findet ein regelrechtes Arten­sterben der Darmbakterien statt – Übergewicht, Darmkrankheiten, Verstopfung sind die Folge. Was hilft: die Erkenntnis, dass das, was ich esse, nicht in Stein gemeißelt, sondern Ergebnis meiner Prägung und unserer ernährungsfeindlichen Umwelt ist. Ich brauche außerdem Neugier, um neue Rezepte auszuprobieren und sie zu meinem Repertoire zu machen, durch viele Versuche.

Ich kann mich jedes Mal fragen: Warum esse ich dieses Lebensmittel gerade?

Wie komme ich überhaupt meinen Ernährungsmustern auf die Spur?

Ich kann mich jedes Mal fragen: Warum esse ich dieses Lebensmittel jetzt gerade? Esse ich aus Augen- oder Magenhunger – oder weil ich traurig, frustriert oder gelangweilt bin? Wer das verstanden hat, kann seine Gewohnheit überschreiben, zum Beispiel, indem Schokolade durch Kaffee ersetzt wird.

Haben Sie selbst auch eine Ernährungsprägung aus der Kindheit?

Ich bin aufgewachsen mit dem Satz: Iss deinen Teller leer. Noch heute schaffe ich es nicht, etwas liegen zu lassen.

Weiterlesen Dr. Matthias Riedl: „Die Macht der ersten 1000 Tage“ (272 S., 19,99 Euro, GU)

 

Die Macht der ersten 1000 Tage: Buchcover
© PR / Brigitte

Dr. Matthias Riedl ist Diabetologe und Ärztlicher Leiter des ­medicum Hamburg. In der NDR-Sendung „Die Ernährungs-Docs“ coacht er regelmäßig Patient*innen.

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BRIGITTE 09/2020

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