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Essgewohnheiten Darf ich andere bekehren?

Essgewohnheiten: Frau füttert ihren Partner
© Rawpixel.com / Shutterstock
Ist es in Ordnung, wenn man versucht, andere zur besseren Ernährung zu bekehren? Zwei Meinungen. 
von Natali Michaely und Dorthe Hansen

"Aber ja",

findet LEBEN!-Autorin Natali Michaely

Ich mag alles, nur keine Dogmen. Was Ernährung angeht, bin ich also Göttingen – irgendwo in der Mitte. Ich liebe kreative Veggie-Küche, habe aber keine Lust auf "nur Beilagen, bitte". Lutschweiche Möhren? Danke, nein – solange ich Zähne habe, möchte ich sie benutzen. Denn Essen ist für mich Genuss, der das Leben liebenswert macht. Und wenn aus der Kantine der Duft nach Rotkohl wabert, will ich auch die Rinderroulade dazu. Das sind Erinnerungen an meine Oma, die mir am letzten Ferientag Rippchen machte, an denen ich mit Wonne herumnagte. Natürlich weiß ich um das Elend der Tiere, die nach einem Leben ohne Sonne und Würde auf unseren Tellern landen, und würde nie Fleisch essen, nur weil es "irgendwie" dazugehört. Fetttriefende Lammkeule oder acht Stunden totgegarte Pute? Ostern oder Weihnachten gehen bei mir bestens ohne.

Ein frisch gebackener Blaubeermuffin als Fest des Alltags

Nach diesem Exkurs zurück zur Frage: Darf man Freunde in Sachen Ernährung belehren? Ich finde schon. Denn gerade bei dem Thema benehmen sich viele … nun, etwas seltsam. Und wenn sie mir vor lauter unfrohen oder falschen Glaubenssäften einer No-Carb-Diät 15 Kilo abnahm. Ich beneide sie um ihr Durchhaltevermögen, sie sieht Bombe aus. Doch es gibt auch die andere Seite: Sie ist labiler als früher, voller Panik wieder zuzunehmen, und wenn sie vor Hunger die Salatschüssel ausleckt, dann sage ich ihr, was ich denke. Dass sie das Leben vor lauter Selbstkasteiung nicht vergessen soll. Und dass ein frisch gebackener Blaubeermuffin keine Niederlage ist, sondern ein kleines Fest des Alltags.

Natürlich muss man vorsichtig sein mit der Art, wie man so was vorbringt. Aber wenn man jemanden gut kennt, weiß man, was er verträgt und auf welche Weise. Tatsächlich guckte meine Freundin erst ein wenig pikiert, sagte dann aber: "Weißt du, ich bin froh, dass du mir das gesagt hat. Mir war gar nicht klar, dass ich mich so verändert habe."

In manchen Situationen ist Aufklärung nötig

Ein weiteres Beispiel ist der Freund, den ich mal hatte. Er war Vegetarier, der Tiere und seiner unreinen Haut wegen. Statt Fleisch aß er gern Käse. Wir haben einen ganzen Schweiz-Urlaub mit Raclette und Käsefondue verbracht, seine Akne blühte wie ein Streuselkuchen. "Versteh ich nicht", sagte er. "Ich ernähr mich doch gut." "BITTE?", entfuhr es mir, und wieder konnte ich meinen Mund nicht halten. Ich erzählte ihm von Kuhmilch-Unverträglichkeiten und von Kälbchen, die gleich nach der Geburt von der Mutter getrennt werden, nur damit deren Milch als Appenzeller in seinem Magen landen kann. Ja, und dann gibt es noch meinen Ex-Mann. Der kauft nur bio und glaubt, dass er damit ein besserer Mensch ist. Das darf er auch gern. Doch wenn er von mir verlangt, es ihm gleichzutun, unseres Sohnes wegen, muss ich was dazu sagen. Ganz klar: Bio ist die bessere Wahl. Doch es ist nicht das Ernährungs-Nonplusultra, sondern nur ein Fokus auf ethisch korrekte Zutaten.

Ich kann dafür kochen. Wird unser Sohn sich später eher an die Bio-Salami seines Vaters erinnern oder an mein georgisches Hühnchen – kein Bio, dafür vom Fleischer meines Vertrauens auf dem Wochenmarkt –, das uns an einem nasskalten Herbstabend rote Backen zauberte, so seelenstreichelnd war es? Ich hoffe Letzteres. Nicht falsch verstehen: Ich mag es, dass die Food-Welt rund und bunt ist und verteufele niemanden, wenn er anders isst als ich. Aber wenn ich sehe, dass es ihm oder ihr damit nicht gut geht oder dass er sich über andere erhebt, dann mache ich zwecks Aufklärung und befruchtender Diskussion meinen Mund auf. Das sind mir meine Freundinnen und Freunde wert.

"Na ja",

findet Natalis Kollegin Dorthe Hansen

Menschen, die mit mir zu tun haben, würden mich nie als eine Person beschreiben, die sich zurückhält. Niemals! Ich ertrage es kaum, meine Meinung nicht beizusteuern. Als kämpfte sich etwas in mir hoch, bis es endlich auf dem Tisch ist. Und da wären wir schon: bei Tisch. Dort bin ich ganz anders. Ein Lamm. Ich frage freundlich nach, wie es denn schmeckt, das Geschnetzelte vom Schwein oder das Lachsfilet, und gebe auch gern Auskunft zu meinem Gemüsegericht. Wenn aber jemand fragt, warum ich vegetarisch esse, antworte ich in gespielt verschwörerischem Tonfall: "Lass uns darüber bloß nicht beim Essen reden." Hihi. Denn natürlich sind das sehr unappetitliche Gründe, die meine Sicht auf Ernährung verändert haben – und sie sind seit Jahrzehnten bekannt.

Huhn zum Tatort – Der Mensch braucht Traditionen

Wenn ich also zwischen zwei, drei Gabeln Bratkartoffeln, Ratatouille oder – ja! – Gemüse-Sushi rausrücke, was ich von Tiertransporten halte oder wie es in Schlachthöfen, in den Meeren oder Aquafarmen zugeht, schmeckt das den meisten nicht. Es ist, als würde ihnen dann erst bewusst, dass das Stück Fleisch vor ihnen auf dem Teller mal ein Tier war. Huch. Oh je. Wie traurig. Ich weiß das, weil ich lange meine Beweggründe ausführlich dargelegt habe, damals, als ich erst Vegetarierin wurde und mich sogar vegan ernährte. Dann kamen immer folgende Sätze: "Aber der Mensch isst doch schon immer Fleisch", "Ich bin Blutgruppe 0, wir brauchen tierisches Protein", "Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht", "Schläfst du auf Daunenkissen?", "Das Tier ist doch schon tot".

Mein Allzeit-Lieblingssatz ist natürlich: "Ich esse gar nicht so viel Fleisch." Den haben sie alle drauf und glauben ihn sogar. Ein Freund von mir brachte ihn folgendermaßen: "Wir essen kaum noch Fleisch, also eigentlich gar nicht." Beugte sich zum Backofen runter, in dem ein Hühnchen schmorte und sagte: "Sonntagabend, ,Tatort‘, Zitronenhuhn. Das machen wir immer so." Ich sagte nicht: Also 50 Hühner pro Jahr. Stattdessen: "Der Mensch braucht eben Traditionen."

Die Zustände der Tiere ist vielen egal

Dann kam seine Frau in die Küche, eine bekennende Buddhistin. Früher hätte ich mich aufgeregt. Ich habe schon vor vielen Jahren aufgehört, für tierfreie Ernährung zu werben. Und das kam so: Eine meiner engsten Freundinnen stellte mich ihrem Kollegenkreis vor, sagte meinen Namen und: "Sie ist Veganerin." Es ist so lange her, dass der Begriff "vegan" noch nicht geläufig war, warf also Fragen auf. Meine Frage an sie war hinterher: "Was sollte das denn?" Ihre Antwort: "Ist doch ein guter Gesprächseinstieg." Ich hoffe nicht, dass sie mit Menschen, die etwa einen Reizdarm haben, ebenso verfährt. Heute weiß jeder und jede, was vegan bedeutet. Die wenigsten haben es zwar je probiert, und doch ist die Ernährungsform so präsent, dass sie für Comedy-Programme taugt. Veganer gelten als dogmatisch, überheblich und humorlos.

Letzteres kann ich bestätigen: Ich verstehe den Witz nie. Hier kommt einer: Wie nennt man eine Gruppe demonstrierender Veganer? Gemüseauflauf! Nun. Es hilft natürlich auch nicht, dass ein Typ wie Attila Hildmann fürs Vegane steht – ein Mann, ein Koch, ein Sportler, ein Idiot. Herrgott noch mal, dafür kann doch aber das Gemüse nichts! Was ich auch nicht verstehe: Braucht es wirklich das Argument Klimakrise, um über Fleischproduktion und -verzehr nachzudenken? Muss man erst einige amtliche Skandale in Schlachthöfen vorgelegt bekommen, um die Zustände des Personals zu beklagen – und über die wirklich armen Schweine dort nachzudenken? Es ist zum Verzweifeln. Dass es alle wissen. Dass es so vielen scheißegal ist. Ich möchte darüber einfach nicht mehr reden.

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