Nachgefragt: Wie werden wir uns in 50 Jahren ernähren?

Insekten essen

Kunstfleisch, Algen, Heuschrecken: Die Trendforscherin Hanni Rützler weiß, was bei der Ernährung auf uns zukommt.

BRIGITTE: Warum wollen immer mehr Menschen korrekt essen?

Hanni Rützler: Essen hat heute einen extrem hohen symbolischen Wert: Durch nichts anderes drückt der Mensch sein Lebensgefühl so sehr aus. Daher werden Ernährungsentscheidungen immer bewusster und bedachter getroffen.

Aber ist ethisch korrekte Ernährung überhaupt möglich?

Die Frage ist, was wir unter korrektem Essen verstehen. Regionale boomen, weil sie uns das Gefühl geben, mehr über unser Essen erfahren zu können – über ihre Herstellung, den Weg in die eigene Küche. Lebensmittel, zu denen Menschen einen Bezug haben, kommen ihnen automatisch gesünder vor. Derzeit sehen wir, dass der Trend vom "Local Food" in Richtung "Hyper Local Food" geht: Die Leute schauen, dass das Essen aus der direktesten Umgebung, im Idealfall aus dem eigenen Garten, kommt.

Sie geben für das Zukunftsinstitut jedes Jahr den "Food Report" heraus. Wie werden wir in zehn Jahren essen?

Food-Trends sind ein Ausdruck von Lebensgefühl und Sehnsucht. Und sie werden bestimmt durch langfristig wirksame Megatrends wie Individualisierung, Gesundheit und Globalisierung. "Gut und gesund" wird auch in den nächsten Jahren der wichtigste Trend. Gefragt sind natürliche Ausgangsprodukte, gepaart mit Genuss, in neuen, einfachen Gerichten oder Produkten. Dazu gehören bequeme Lösungen wie Lieferdienste, die frisches Essen bringen, oder technische Entwicklungen, die das Kochen und Einkaufen erleichtern, aber auch ganz neue Nahrungsmittel wie All-in-one-Drinks, die uns mit allen Nährstoffen versorgen, oder Fleischersatzprodukte.

Wo liegen die Herausforderungen?

Ganz klar in der Frage der Welternährung. Prognosen zufolge leben bis 2090 mehr als elf Milliarden Menschen auf der Erde. Das wird enorme Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie wir uns ernähren. Und natürlich im Klimawandel. Sind Insekten und die Lösung, um alle Menschen satt zu bekommen? Absolut. Der Großteil der Weltbevölkerung isst Insekten ja schon längst. Lediglich im Westen haben wir noch ein psychologisches Problem damit.

Und ja, es gibt Studien, die sehen darin wirklich den Schlüssel zur Lösung des Ernährungsproblems. Insekten sind fettarm, protein- und vitaminreich, und ihre Zucht ist effizient und klimafreundlich. Und was Algen anbelangt: Ihr Einsatzgebiet wird immer vielfältiger. Mittlerweile gibt es Brat- und Curry-Algenwürste und Algenburger. Solche Produkte finden immer mehr Einzug in unsere Supermärkte.

Werden wir in Zukunft überhaupt noch echtes Fleisch essen?

In den Schwellenländern und den boomenden Wirtschaftsnationen Asiens und Südamerikas wächst der Fleischhunger – Fleisch ist ja eine Art Wohlstandssymbol. In Europa stagniert der Fleischkonsum auf hohem Niveau, in den USA ist er rückläufig. Das heißt, Fleisch verliert hier seinen Status als Leitprodukt unserer Esskultur.

Immer mehr Menschen suchen nach Alternativen. Eine davon ist In-vitro-Fleisch. Ich habe selbst den In-vitro-Burger gekostet. Er besteht aus Rindermuskelzellen, die zwar vom Tier stammen, aber im Labor gezüchtet wurden. Das ist kulturell nicht leicht zu vermitteln. Dennoch schmeckt es nach Fleisch und gar nicht schlecht. Aber dass es in Zukunft nur noch In-vitro-Fleisch geben wird, glaube ich nicht. Es wird immer die traditionelle Viehzucht geben. Wir gehen nur anders damit um. Die Qualität rückt in den Vordergrund, und Fleisch wird zur Beilage.

Im "Food Report" schreiben Sie, dass wir mehr Fisch essen sollten. Wieso?

Anders als beim Fleisch wächst der Hunger nach Fisch auch in Europa immer weiter. In Asien werden bereits mehr Fische gezüchtet als gefangen. Entscheidend ist dabei die Nachhaltigkeit. Deshalb wird beim Fisch die Phase der konventionellen Erzeugung deutlich schneller überwunden werden als beim Fleisch: Immer mehr Aquakulturen setzen auf Methoden aus der Kreislaufwirtschaft, so entsteht eine völlig neue, ökologische Produktionsweise, die den Wasserverbrauch deutlich reduziert. 

BRIGITTE 06/17

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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