Essstörung: Haben Sie heute schon ans Essen gedacht?

Millionen Frauen essen zu wenig oder zu viel. Und denken deshalb nur ans Essen. Die Ernährungsexpertin Dr. Lisa Pecho über Auswege aus der Gedankenfalle und den richtigen Umgang mit Essgestörten.

BRIGITTE: Haben Sie heute schon ans Essen gedacht?

Dr. Lisa Pecho: Natürlich. Heute früh habe ich überlegt, was meine Tochter auf ihr Pausenbrot bekommen soll. Dann habe ich überlegt, was ich frühstücken mag. Und heute Abend kommen Gäste, da muss ich überlegen, was ich koche.

BRIGITTE: Viele Frauen rechnen die Kalorien vom Frühstück mit den Kalorien vom Mittagessen gegen, gönnen sich ein Stück Kuchen am Nachmittag und verzichten dafür aufs Abendessen. Wie viele Essensgedanken sind normal?

Dr. Lisa Pecho: Die Alarmglocken müssen klingeln, wenn Sie nicht mehr essen, bis Sie satt sind, wenn Sie darüber nachdenken, ob Sie beispielsweise noch ein halbes Honigbrötchen frühstücken können, weil Sie schon ein Müsli oder ein ganzes Brötchen hatten. Jemand, der seinem Körper genug Nahrung gibt, macht sich keine Gedanken übers Essen.

BRIGITTE: Das heißt: Sobald meine Gedanken nur noch ums Essen kreisen, esse ich zu wenig?

Dr. Lisa Pecho: Oder zu viel. Zumindest nicht mehr normal.

BRIGITTE: Viele Frauen nerven diese Gedanken ja selbst, sie würden sie gern einfach abstellen ...

Dr. Lisa Pecho: ... und trotzdem streng kontrolliert weiteressen, um kein Gramm zuzunehmen. Da kann ich nur sagen: Das geht nicht. Jeder Mensch hat von Natur aus ein festgelegtes, individuelles Körpergewicht, den so genannten Set Point. Der allerdings liegt in der Regel ein paar Kilo über unserem Schönheitsideal. Als ideal sehen wir einen BMI von höchstens 19 an - meiner schwankt übrigens zwischen 23 und 24. Wer restriktiv isst, gibt seinem Körper nicht genug Nahrung. Dass dann die Gedanken nur noch ums Essen kreisen, ist eine normale Reaktion des Körpers.

BRIGITTE: Wie komme ich raus aus der Gedankenspirale?

Dr. Lisa Pecho: Indem ich mein Verhalten ändere, denn das können wir leichter steuern als unsere Gedanken. Das heißt: Ich stelle mich nicht mehr auf die Waage. Ich esse normale Portionen. Und normalisiere so mein Gewicht in Richtung meines Set Point. Das ist kein einfacher Weg. Ich würde mir deshalb Hilfe von außen holen und zu einer professionellen Ernährungsberatung gehen. Es ist absurd: Jedes Baby weiß, wann es statt ist. Viele Frauen aber haben ihr natürliches Sättigungsgefühl verloren.

BRIGITTE: Warum ist es uns so wichtig, dünn zu sein?

Dr. Lisa Pecho: Von Frauen wird erwartet, dass sie auf immer mehr Ebenen perfekt funktionieren: im Job, als Mutter, im Haushalt, als Partnerin. Wenn mir alles zu viel wird, dann kann es eine Art von Entlastung sein, sich mit dem Essen zu beschäftigen und nicht mit den dahinterliegenden Problemen. Restriktive Esserinnen haben oberflächlich betrachtet einen Bereich ihres Lebens perfekt im Griff. Das gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Und dann gilt in unserer Gesellschaft die Gleichung: Wer dünn ist, ist schön, fit und erfolgreich. Schon leicht übergewichtige Menschen gelten als maßlos und undiszipliniert. Wer will das schon sein in unserer Leistungsgesellschaft?

BRIGITTE: Das Robert-Koch-Institut hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass ein Drittel der Mädchen zwischen 14 und 17 essgestört sind. Was soll ich tun, wenn meine elfjährige Tochter eine Diät machen will?

Dr. Lisa Pecho: Da fällt mir der gestrige Abend ein: Eine Freundin meiner zwölfjährigen Tochter aß mit uns. Als ich mir Butter aufs Brot schmierte, fragte sie total erstaunt: Machst du keine Diät? Es gibt viele Kinder, die mit diätierenden Müttern aufwachsen und sehr früh erleben, dass Körper und Gewicht eine wichtige Rolle spielen. Wie sollen diese Kinder dann ein normales Verhältnis zum Essen entwickeln? Ich würde mich also zunächst einmal fragen, was für ein Essverhalten ich meinen Kindern vorlebe. Wenn die Mutter in die andere Richtung zieht, dann hat das Kind fast keine Chance. Und dann würde ich mit meiner Tochter sprechen, ihr zuhören und sie fragen, was sie an ihrem Körper stört. Und zwar, ohne das zu bewerten. Sonst macht das Kind sofort dicht.

BRIGITTE: Was, wenn es längst nicht mehr um eine Diät geht - sondern meine Tochter sich regelmäßig übergibt?

Dr. Lisa Pecho: Im Anfangsstadium verheimlichen die meisten Bulimiker ihre Krankheit. Wenn ich also mitbekomme, dass mein Kind sich übergibt, dann ist die Bulimie meist schon fortgeschritten. Vermute ich nur, dass mein Kind bulimisch ist, sollte ich es ganz direkt ansprechen. Im optimalen Fall fängt es an zu reden. Häufig aber wird alles einfach abgestritten: Die Essstörung ist wie eine gute Freundin, die heimlich bleiben muss, um sie nicht zu verlieren. Eltern sollten sich in so einem Fall professionelle Hilfe holen. Ein Arzt etwa erkennt im besten Fall, ob an dem Verdacht etwas dran ist. Vor allem aber hat er eine Brückenfunktion: Weil er nicht Teil der Familie ist, kann das Kind sich leichter öffnen.

BRIGITTE: Mein Kind oder meine beste Freundin hat eine Essstörung. Wie verhalte ich mich richtig?

Dr. Lisa Pecho: Indem ich mich interessiere, nachfrage und gemeinsam nach Lösungen suche. Wenn die Essstörung aber schon sehr weit fortgeschritten ist, alle Gespräche nur noch um dieses Thema kreisen und sich trotzdem nichts ändert, dann muss ich mich abgrenzen. Einem Alkoholiker kauft man auch keinen Kasten Bier. Essgestörte aber werden gern betüdelt, nach dem Motto: Wenn du die Gemüsesuppe nicht magst, magst du dann lieber Pudding, oder was kann ich dir sonst kochen? Das Thema Essen aber sollte irgendwann völlig außen vor sein, sonst hat der Betroffene das Gefühl: Wenn ich die Essstörung verliere, verliere ich auch die Aufmerksamkeit meiner Mutter oder Freundin. Das durchzuhalten ist schwer. Aber es ist der einzige Weg.

<frage name = "BRIGITTE">Viele Frauen schrammen mit ihren Essticks knapp an einer Störung vorbei: Die eine isst zweimal pro Woche nur Obst, eine andere mittags immer Salat, die Dritte nach 18 Uhr gar nichts mehr. Wie schütze ich mich davor, nicht in diese Ess-Falle zu tappen?</frage> <antwort name = "Dr. Lisa Pecho">Ich muss mir klarmachen, was diese Frauen durchmachen. Sie wiegen vielleicht ein paar Kilo weniger als ich, aber um welchen Preis? Ihre Gedanken kreisen ständig ums Essen. Das ist, als würde ich nach Feierabend und am Wochenende nur an meinen Job denken. Und zwar voller Angst und beladen mit Schuldgefühlen. Was für ein Verlust an Lebensqualität! Mein Leben ist eingeengt, und das nicht nur in Gedanken: Ich gehe dreimal pro Woche ins Fitnessstudio, jogge jeden Tag - und habe nicht mehr so viel Zeit für soziale Kontakte. Jeder muss für sich entscheiden: Ist es das wert?</antwort>

BRIGITTE Heft 10/08 Interview: Madlen Ottenschläger

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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