Gute Verdauung dank Joghurt und Wurst?

Wenn sich der Bauch aufbläht, regelmäßig einen Joghurt löffeln, und alles wird gut? Was ist wirklich dran an Nahrungsmitteln, die die Verdauung in Schwung bringen sollen?

Manche Tage sind Walross-Tage. Man fühlt sich fett, die Hose kneift, der Bauch drückt. Nicht wirklich schlimm, aber lästig. Und ein gefundenes Fressen für die Lebensmittelindustrie. Probiotische Joghurts, ballaststoffreiche Müslis und andere Zusätze im Essen sollen einen schön flachen Bauch machen. Wie geht das?

Probiotische Milchprodukte

Weiße Helferlein

Stress oder falsche Ernährung können die Zahl der nützlichen Bakterien im Darm verringern, die an der Verdauung beteiligt sind - mögliche Folge: Verstopfung. Genau da setzen probiotische Joghurts an: Die spezielle Bakterienkultur darin heißt Bifidobacterium animalis. Diese Bakterien bilden Milchsäuren und schaffen auf diese Weise angenehme Lebensbedingungen auch für andere nützliche Mikroorganismen (deshalb zählt Bifidus zu den sogenannten "Probiotika"). Gleichzeitig macht die Milchsäure den Darm für "böse" Keime zu sauer, sodass diese sich schlechter ausbreiten können. Das Versprechen der Werbung: Löffelt man täglich das probiotische Becherchen, soll sich die Verdauung nach zwei Wochen spürbar verbessern. So weit die Theorie. Doch wirkt es tatsächlich?

"Die Idee, Bifidus-Bakterien einzusetzen, ist erst mal richtig", sagt Ulrich Rosien, Gastroenterologe am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Bifidus ist ziemlich robust gegenüber der ätzenden Magensäure. Deshalb überleben die Bakterien die Verdauungsprozesse im Magen, werden lebend in den Darm geschleust und können dort wirken. Eine französische Studie konnte zeigen, dass die Teilnehmerinnen mit der bakteriellen Hilfe häufiger zur Toilette gehen konnten. Trotzdem bleibt Darm-Spezialist Rosien gegenüber dem Werbeversprechen eher skeptisch. "Was der Mutter hilft, muss der Tante noch lange nicht helfen", so Rosien. Anders gesagt: Es gibt nicht das Probiotikum, das bei jedem Menschen automatisch die Beschwerden lindert. "In so einem Joghurt ist immer nur derselbe Bifidus-Stamm. Es ist nicht seriös, wenn jemand verspricht, dass genau diese Bakterien bei Ihnen die Verdauung regulieren." Zumal unklar ist, wie viele Bakterien eigentlich im Becher stecken.

Eine Million Mikroorganismen empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung pro Gramm, also 150 Millionen in einer Portion. Ob die tatsächlich im Joghurt drin sind, steht nicht drauf. Damit das aufgemotzte Milchprodukt überhaupt wirken kann, ist es entscheidend, dass man den Joghurt regelmäßig (am besten täglich) und über einen längeren Zeitraum isst. Sonst können sich die Bakterien nicht in der Darmflora ansiedeln.

Ballaststoffe in Müsli und Keksen

Knackige Fitnesstrainer

Neben den probiotischen Superbakterien werben Lebensmittelhersteller auch gern mit besonders ballaststoffreichen Produkten. Auch die sollen dem Darm Tempo machen - und schneiden dabei gar nicht so schlecht ab. "Tatsächlich können Ballaststoffe bei Verstopfungen helfen", bestätigt Wiebke Franz vom Verband für unabhängige Gesundheitsberatung (UGB). Weil Ballaststoffe unverdaulich sind, vergrößern sie das Volumen des Darminhalts. Außerdem speichern sie viel Wasser, quellen auf und regen so den Darm an, sich zu entleeren. Ballaststoffe wirken quasi wie ein Fitnesstrainer für die Verdauung.

"Nur das Trinken darf man nicht vergessen, denn sonst können die Ballaststoffe den Stuhlgang hemmen", warnt Ulrich Rosien. Was aber genau ist gemeint, wenn Hersteller Ballaststoffe versprechen? In hochpreisigeren Müslis stecken Ballaststoffe in Form von Vollkornhaferflocken oder Leinsamen, erklärt Wiebke Franz. "Keksen oder Frühstücksflocken wird gern Hafer- oder Weizenkleie zugesetzt, schon weil sie recht günstig ist." Nachteil der Kleie: Hat man besonders viele gasbildende Bakterien im Darm, löst sie Blähungen aus. Die Ernährungswissenschaftlerin empfiehlt auch bei scheinbar gesunden "ballaststoffreichen" Produkten immer den Blick auf die Zutatenliste: Wie viel Zucker versteckt sich in den Flakes oder den "gesunden" Haferkeksen, wurde mit Auszugs- oder Vollkornmehl gebacken?

Auch Karin Riemann-Lorenz von der Verbraucherzentrale Hamburg warnt: Der Hinweis "Ballaststoffe" auf der Packung mache ein Produkt noch nicht empfehlenswert. Sie findet es bedenklich, wenn sich "Lebensmittel mit schlechten Nährstoffeigenschaften durch den Zusatz vermeintlich gesundheitsfördernder Substanzen ein gesundes Image erwerben wollen." Am besten sei es, möglichst viele natürliche Ballaststofflieferanten wie Vollkorn, Obst und Gemüse auf den Speiseplan zu setzen.

Präbiotische Zusätze in Wurst oder Wasser

Sanfte Anschubser

Auch Säfte und sogar Schokolade versprechen inzwischen Verdauungswohltaten. Solchen Produkten sind meist sogenannte "Präbiotika" zugesetzt. Zu diesen Stoffen gehören zum Beispiel die Mehrfachzucker Inulin und Oligofructose. Der menschliche Darm kann mit Ihnen eigentlich nichts anfangen, dazu fehlen ihm die passenden Enzyme. Aber nützliche Darmbakterien haben Inulin zum Fressen gern, sie vermehren sich durch die Präbiotika prächtig - mit dem gleichen Effekt, den auch probiotische Joghurts haben. Und noch einen Vorteil hat der Mehrfachzucker im Zusammenspiel mit den Keimen. "Nachdem er von den Mikroorganismen zerlegt wurde, bildet er mehr Teilchen als vorher", erläutert Rosien.

Mehr Teilchen aber binden mehr Wasser, die Folge: Der Stuhl wird weicher und kann den Darm besser passieren. Während probiotische Bakterien-Kulturen nur in gekühlten Milchprodukten eingesetzt werden oder aufwändig verkapselt werden müssen, lassen sich Inulin oder Oligofructose in Brot, Schokolade, Müsli, Saft und sogar Mineralwasser verarbeiten (z. B "Prebiotic Plus" von Bad Brückenauer oder "Near Water Hirschquelle actiness").

Ob solche Produkte die Verdauung wirklich verbessern, hängt von der Menge der zugesetzten Präbiotika ab. Es klingt zwar gut, wenn Säften, die ohnehin schon verdauungsfördernd wirken, auch noch das Bakterienfutter zugesetzt wird (z. B. "Rabenhorst Plus - Pflaume + Inulin"). Doch letztlich sind gerade mal 1,5 Prozent Mehrfachzucker im Rabenhorst-Saft. Ernährungsfachfrau Karin Riemann-Lorenz empfiehlt aber 15 Gramm am Tag - und sieht in den Beimischungen kaum mehr als einen Werbegag. Immerhin gibt es seit Neuestem ein Markenzeichen, das garantieren soll, dass in einem Produkt überhaupt eine wirksame Menge an Inulin oder Oligofructose steckt: Wo das Beneo-Logo draufklebt, ein blau-weißes Männchen in einem blauen Halbkreis, sollen fünf Gramm Mehrfachzucker pro Portion drin sein (bei Joghurt also in einem Becher, bei Brot in 100 Gramm). Allerdings: Beneo ist nicht unabhängig, sondern eine Initiative von Lebensmittelfirmen und dem weltweit größten Hersteller von präbiotischen Zusätzen.

Kritisch bleiben sollte man also allemal. Vor allem auch bei eigentlich wenig gesunden Produkten wie Wurst und Schinken, die neuerdings als präbiotische Wellness-Produkte daherkommen (etwa "Zimbo Vital-Schinken" oder "Well Life" von Könecke). Zwar ist in dem Brotbelag meist nicht nur Inulin, sondern auch weniger Fett - das macht ihn aber noch lange nicht so gesund für den Darm wie Obst und Gemüse.

Dennoch: Der Hamburger Darm-Experte Rosien sieht prinzipiell kein Problem darin, dass Müsli oder Brot zur Präbiotika-Quelle werden. "Eigentlich wäre eine ausgewogene Mischkost ideal. Aber wer das nicht mag oder nicht hinkriegt und stattdessen zu einem Fertigprodukt greift, tut zumindest das Nötigste für seinen Darm."

Wann Joghurt & Co. auf keinen Fall helfen

Meist sind die Ursachen der Verstopfung harmlos:

Ungesunde Ernährung, zu wenig getrunken, zu wenig Bewegung

Bei diesen Anzeichen aber wird's kritisch, dann sollte man zum Arzt gehen:

Zum Nicht-aufs-Klo-Können kommen starke Bauchschmerzen

Verstopfung und Durchfall wechseln sich ab

Im Stuhl ist Blut

Beim Stuhlgang treten starke Schmerzen auf

Die Verstopfung hält über Wochen an

BRIGITTE BALANCE Heft: 02/08 Text: Markus Brügge Foto: SyB/Fotolia

Wer hier schreibt:

Markus Brügge

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