Körper und Seele im Gleichgewicht

Ob Model-Bilder oder eine missverstandene Bemerkung: Es braucht oft nicht viel, damit selbst normalgewichtige Menschen in Dauer-Diäten und Essstörungen hineinrutschen. Die Therapeutin Julia Onken kämpfte selbst jahrelang gegen ihr Gewicht. In ihren Buch erklärt sie, wie Körper und Seele wieder ins Gleichgewicht kommen.

"Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Julia Onken, und ich war esssüchtig." Auf den ersten Blick ein Satz, den man in einem Ratgeberbuch erwartet. Doch Julia Onken, die Autorin von "Zurück ins Gleichgewicht", ist Psychologin und Therapeutin - und damit jemand, der eigentlich keine seelischen Probleme haben sollte. Aber auch sie hat sich jahrzehntelang Diäten unterworfen und sich "in unzähligen psychoanalytischen Sitzungen mit sämtlichen Möglichkeiten psychischer Fehlentwicklung auseinandergesetzt" - eine handfeste Ursache für ihr Gewichtsproblem hat sie dabei jedoch nicht gefunden.

Als einzige Lösung kam ihr in den Sinn: Warum nicht eine Gruppe mit Leidensgenossinnen gründen, um offen über das gewichtige Problem zu sprechen? Die Erlebnisse und Erfahrungen der Gruppe hat Onken in ihrem Buch zusammengefasst. Wichtigste Erkenntnis: Fast jede der Frauen, die aus den verschiedensten Berufsgruppen kommen, hat ihre ersten Diätversuche gemacht, als sie noch ein absolutes Normalgewicht auf die Waage brachten. Doch das Gewicht steigerte sich im Laufe der Jahre durch Diäten und Jojo-Effekte kontinuierlich. Jede Frau hat dabei ihren ganz individuellen Leidensweg durchwandert.

Drei Gewichtsbiografien

Nina hatte als Kind eher Unter- als Übergewicht. Doch wenn sie neue Kleider brauchte, hörte sie immer die besorgte Stimme der Mutter, dass das Kind "schon wieder zugenommen" habe. Nina bezog das sofort negativ auf sich und dachte, sie sei zu dick. Doch sie begriff zu spät, dass sich ihre Mutter nur darum sorgte, wie sie in der von Not bestimmten Nachkriegszeit die Kleidung bezahlen sollte. Längst war sie schon in einer Leidenszeit zwischen Hungerperioden und Fressanfällen gefangen.

Fiona dachte auch schon als Kind, sie sei zu pummelig, da sie von ihren Klassenkameraden gehänselt wurde. Als ihr erster Freund ihr mit 16 Jahren sogar den Kosenamen "Hummel" gab, war damit der Grundstein für eine verhängnisvolle Diätkarriere gelegt. Dass auf den Bildern von damals eine ganz normaler Teenager zu sehen ist, konnte das nicht verhindern. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes führte sie den Kampf gegen sich und ihren Körper fort: Tagsüber aß sie genau so diszipliniert, wie sie den Tagesablauf ihrer Familie managte. Und nachts, wenn alles schlief, fiel sie über den Kühlschrank her.

Auch Julia Onken, die Autorin selbst, beschreibt in dem Ratgeber schonungslos ihre Essstörungen: Wie sie schon mit 19 den ersten Abnehmversuch startete. Wie sie das Model Twiggy um deren knabenhaften Körper und die kleinen Brüste beneidete. Und wie sie sich auf eine Hungerkur setzte, um ihren Idol mehr zu ähneln.

Übergewicht ist nicht das wahre Problem

Alle Geschichten haben einen großen gemeinsamen Nenner, wie die Autorin treffend zusammenfasst: "Nicht das Übergewicht ist das Problem, sondern der Wahn, die pure Vorstellung übergewichtig zu sein, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo das noch gar nicht der Fall war." Je mehr Kilos sich am Körper sammeln, umso schlimmer foltern und kasteien sich die Frauen. Wie aber kann man nun mit seinem Körper wieder ins Gleichgewicht kommen? Laut Onken funktioniert das nur, wenn man anfängt, wieder selbst über sein Leben zu bestimmen - und vor allem wieder zu sich selbst zurückzufinden.

Wie die Frauen in ihrer Gruppe das umzusetzen versuchen, schildert die Autorin eindrücklich in ihrem Buch. Die Mitglieder der Gruppe müssen sich mit lange unterdrückten Wünschen und Bedürfnissen auseinandersetzen - denn oft hat man eigentlich Durst, ist müde, erschöpft oder traurig - und anstatt dann etwas zu trinken, zu schlafen oder jemanden von den Sorgen zu erzählen, holt man sich lieber etwas zu essen. Der Ratgeber begleitet die Gruppe auf ihren Umwegen zum inneren Gleichgewicht, angefangen beim Wegwerfen der Waage über die Suche nach schöner Unterwäsche in großen Größen bis hin zur Entdeckung der "seelischen Vollwertkost". Denn eines müssen die Frauen in mühevoller Arbeit erst lernen: Das Ziel ist nicht immer eine kleinere Kleidungsgröße.

Julia Onken: Zurück ins Gleichgewicht. Vom Abnehmen und über das Glück, das eigene Maß zu finden. Beck'sche Reihe, Verlag C.H. Beck. 9,95 Euro.

Haben Sie auch vergleichbare Diätkarrieren gemacht? Schreiben Sie uns zu dem Thema oder tauschen Sie sich im Forum aus.

Text: Angelika Dehmel Foto: Verlag C.H. Beck
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