Das Zauberwort "Ohne"

Lebensmittelhersteller werben seit Jahren damit, was alles NICHT in ihren Produkten drin ist: Gluten, Aromastoffe, Geschmacksverstärker ... Aber müssen wir wirklich so viel weglassen, um gesund zu bleiben?

Wenn es ums Essen geht, kann es gar nicht sauber genug zugehen. "Clean eating" heißt auf Neudeutsch der durch­ aus lobenswerte Trend, unverarbeitete Nahrungsmittel stets frisch zuzubereiten. Aber mal ehrlich: Wer schafft das schon wirklich immer?

Vermutlich eher wenige. Die Hersteller wissen das und reagieren auf den Verbraucherwunsch nach größtmöglicher Natürlichkeit, indem sie verstärkt die Etiketten ihrer Produkte "sauber" halten: Konservierungsstoffe, Aromen, alles, was bei der potenziellen Kundschaft aus irgendeinem Grund - berechtigt oder nicht - in Verruf geraten ist, soll nicht in der Zu­tatenliste auftauchen. Stattdessen wird auf der Verpackung groß damit geworben, was eben NICHT drin ist.

Das Sortiment an Lebensmitteln, die als frei von Geschmacks­ verstärkern, Zucker, Gentechnik, Farbstoffen et cetera beworben werden, wächst daher unaufhörlich. Kurzum: Die Industrie hat die sogenannten "Clean Labels" als effektives Marketing­ Instrument entdeckt - und es geschafft, Waren mit "sauberen" Etiketten zu modernen Lifestyle­-Produkten aufzuwerten.

Was dabei häufig vergessen wird: Keineswegs ist all das schädlich, was aus der Rezeptur verbannt wird. Wer profitiert, ist deshalb auch nicht unbedingt die Gesundheit, sondern vor allem der jeweilige Hersteller, der für sein "reines" Ange­bot mehr Geld verlangen kann. Denn für das vermeintliche Qualitätsmerkmal "frei von" oder "ohne" bezahlen Kunden bereitwillig extra - häufig das Doppelte oder gar Dreifache, das bestätigen Umfragen immer wieder.

Das bekannteste Beispiel für den "frei von"-Hype ist die Vielzahl der Lebensmittel, die mit dem Versprechen verkauft werden, kein Gluten oder keine Laktose zu enthalten. Früher richteten sich die Hersteller mit solchen Produkten nur an diejenigen, die dieses spezielle Warenangebot wegen Allergien oder Unverträglichkeiten wirklich brauchten - schließlich kann ein gesunder Mensch Gluten und Laktose problemlos verdauen. Doch durch die großen "frei von"-Packungsaufschriften wird mittlerweile durchaus bewusst suggeriert, dass Gluten (ein in Getreiden wie Weizen enthaltenes Protein) und Laktose (der natürliche Milchzucker) schädliche Zusätze seien und der Verzicht darauf für alle und jeden gesünder wäre.

Selbst die Platzierung des Alternativ-Sortiments im Supermarkt ist Teil der Marketingstrategie: Meist steht es in der Naähe der Bio-Produkte - das verleiht ihm den Anschein besonders hoher Qualität und einer gesundheitsfördernden Wirkung. Dass diese Spezial-Waren deutlich teurer sind als die konventionellen, fällt in dieser Umgebung kaum noch auf.

Und was ist mit Zusatzstoffen? Sind die nicht wirklich gefährlich? In der Europäischen Union sind etwa 300 zugelassen, auf den Packungen müssen sie mit E-Nummern gekennzeichnet sein. Ob sie der Gesundheit schaden könnten, ist teilweise tatsächlich unklar. So gibt es etwa Hinweise darauf, dass sogenannte Azofarbstoffe bedenklich sind, weshalb auf den entsprechenden Produkten die Warnung "Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen" stehen muss. Der Wunsch, all diese Zutaten sicherheitshalber ganz zu meiden, ist also durchaus nachvollziehbar.

Mikroplastik im Teebeutel

"Frei von Altöl" hat eine ähnliche Aussagekraft

Nur: Die Lebensmittel mit "Clean Labels" erfüllen dieses Bedürfnis oft gar nicht. So ist die Auslobung "ohne künstliche Farbstoffe" nach Ansicht der Verbraucherzentralen meist nichts wert, da sich zwischen "künstlich" und "natürlich" nur schwer eine klare Grenze ziehen lässt. So enthielten getestete Schoko-Erdnüsse mit diesem Hinweis sogar eine ganze Reihe von Farbstoffen, die teilweise - und absolut legal - mit Kupfer chemisch angereichert waren. Seit die Azofarbstoffe in Verruf geraten sind, suchen die Hersteller außerdem oft nach Ersatz aus färbendem Obst und Gemüse. Selbst wenn Kritiker dieses Verfahrens darin keine Gefahr für die Gesundheit sehen, empfinden sie es doch immerhin als Täuschung: Wenn ein Kirschjoghurt mit Rote-Bete-Pulver gefärbt ist, wirkt er hochwertig, auch wenn er kaum Kirschen enthält. Und billiges Algenpulver kann Wasabi-Erdnüssen eine tiefgrüne Farbe geben, obwohl lediglich Spuren des japanischen Meerrettichs drin sind.

Eine weitere Natürlichkeit suggerierende Formulierung lautet: "ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe". Und dass es oft nicht einfach "ohne Geschmacksverstärker" heißt, hat einen Grund: Meist wird zwar auf Mononatriumglutamat verzichtet, das bei den Kunden verpönt ist. Stattdessen wird allerdings, auch in Bio-Produkten, Hefeextrakt verwendet. Für die Hersteller hat das den Vorteil, dass sie keine abschreckend wirkende E-Nummer auf der Packung angeben müssen - Hefeextrakt (der von Natur aus übrigens sehr viel Glutamat enthält) dürfen sie als "normale" Zutat auflisten. Da sich dieser Trick inzwischen herumgesprochen hat, mischen manche Produzenten Tomatensaftkonzentrat in Lebensmittel. Auch der wirkt von Natur aus geschmacksverstärkend. Besonders irreführend sind die "frei von"-Versprechen, wenn die Hersteller sich selbst dafür loben, dass sie einen Stoff weggelassen haben, den sie in dem angebotenen Produkt ohnehin nicht verwenden dürfen. So werden Minipizzen, fertige Spaghetti bolognese und Schinkensalat als "frei von künstlichen Aromen" angepriesen - obwohl sie das laut Aromenverordnung ohnehin sein müssen. In Wahrheit sagt der Hinweis also ungefähr so viel aus wie das Versprechen, das Lebensmittel sei "garantiert ohne Altöl" oder "frei von Rattengift".

Text: Susanne Schäfer Ein Artikel aus der BRIGITTE 12/2016
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