lldikó von Kürthy: "Ich will mich nicht ernähren, ich will was essen!"

"Eine Bowl ist eine Schüssel!" - Bestsellerautorin lldikó von Kürthy hat den Hype um Foodtrends und Superfood gehörig satt. 

Eine der mannigfaltigen, unangenehmen Nebenwirkungen bei der Nutzung sozialer Medien ist, dass man sehr genau erfährt, was andere Menschen essen. Oder von dem sie wollen, dass wir glauben, dass sie es essen.

Wenn ich hip sein will, wie muss ich mich dann ernähren?

Unterernährte Frauen verunsichern mich mit Selfies, auf denen sie kurz davor sind, in gigantische Burger oder überlebensgroße Currywürste zu beißen. Und langweilige Influencerinnen, die man früher Schnorrer nannte, schaufeln exotisches Superfood aus Bowls, die man früher Schüsseln nannte, in sich hinein. Superteure Goji-Beeren aus China beispielsweise, die hierzulande "Gewöhnlicher Boxdorn" heißen und missachtet an den Rändern bevorzugt ostdeutscher Städte wuchern.

"Wenn ich hip sein will, wie muss ich mich dann ernähren?", frage ich mich dann und wann und jetzt endlich mal den Mann, der die Antwort kennt.

"Das kommt drauf an, bei wem Sie hip sein wollen", sagt der Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl. "Es gibt die radikal regionalen Esser, die sich quasi aus dem eigenen Vorgarten ernähren, es gibt die Gesund-Esser, die sich durch Superfood ewige Jugend und Schönheit versprechen, es gibt die Hightech-Interessenten, die technischen Innovationen nicht abgeneigt sind und sich für Clean-Meat oder auch Nahrung aus dem 3-D-Drucker erwärmen können, und außerdem ist die japanische Küche gerade angesagt wegen ihrer Klarheit in Geschmack und Design."

Und was ist mit dem Trend zum Nachschlag? 

"Und was ist mit dem Trend zum Nachschlag und zur zweiten Nachspeise?", maule ich übellaunig, denn ich hab schon wieder Hunger.

"Den gibt es nicht", sagt Dr. Kofahl bedauernd. "Die Gesundheit ist bei der Ernährung zum zentralen Argument geworden. Die ständige Reflexion gehört zum Essen dazu, was zu immer weniger Genussmomenten führt und zu einer Lebensphilosophie des Weglassens. Den Nachtisch zum Beispiel. Absurd aus meiner Sicht. Ein Übermaß des Maßhaltens greift um sich."

Nun hat der Herr Kofahl leicht reden, schlank und gut aussehend, wie er ist. Seine Nachspeisen scheinen sich nicht trotzig an seinen Hüften festzuklammern. "Na und?", sagt er. "Vor 150 Jahren hätte ich mit meiner Konstitution als ewig ärmlich aussehendes Klappergestell gegolten. Und bei einer Hungersnot wäre ich als Allererster gestorben."

"Ich würde noch eine Weile lang durchhalten", sage ich mürrisch, denn die Weihnachtskilos halten sich in diesem Jahr besonders hartnäckig.

"Die Stigmatisierung von Übergewicht macht kränker, als das Gewicht selbst", führt Dr. Daniel Kofahl daraufhin ins Feld. "Auf lange Sicht sind wir alle tot. Wir sollten uns die Fähigkeit zum Genießen zurückerobern."

Darauf ein Dessert. Ach was. Zwei!

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