Insekten essen – welche sind gesund?

Lebensmittel mit Insekten sind auf Trend-Kurs – und das nicht ohne Grund. BRIGITTE-Autorin Monika Herbst fragt sich: Müssen wir uns kulinarisch an Krabbler und Kriecher gewöhnen?

Misstrauisch beäuge ich die getrocknete Heuschrecke, die samt Flügeln und Beinen vor mir liegt. Sie ist etwa vier Zentimeter lang und schaut, als würde sie mich mit ihren großen, rotbraunen Augen ansehen. Insekten essen? Ist das nicht eher etwas für D-Promis im Dschungelcamp? Ich verziehe angewidert das Gesicht. Dabei gehöre ich als umwelt- und ernährungsbewusster Mensch eigentlich zur Zielgruppe der Insektenfood-Hersteller. Doch es geht mir wie vielen: "Ich ekel mich vor dem Verzehr von Insekten" - diese Aussage treffe voll und ganz zu, antworteten gut ein Drittel der Teilnehmer in einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

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Außerhalb Europas gehört Insektenfood schon lange zum Alltag

Laut Ernährungsreport des Landwirtschaftsministeriums können sich aber immerhin 31 Prozent der Menschen vorstellen, Nahrungsmittel aus Insekten zu kaufen. Für sie liegen auch schon die ersten Produkte in den Regalen. Handelsketten wie Rewe, Kaufland, Edeka, Budni und dm bieten zum Beispiel den Grillen-Riegel "Swarm-Protein" an. Auch einen tiefgefrorenen Burger-Patty von "Bugfoundation" und Nudeln von "Plumento Foods" mit Buffalowürmern gibt es.

Der Anteil der Insekten in den Produkten liegt zwischen zehn und 30 Prozent. Sie sind zu Mehl verarbeitet, das macht das Probieren leichter, weil es nicht nach Krabbeltier aussieht. Erst seit Anfang vergangenen Jahres dürfen Insekten in ganz Europa als "Novel Food" überhaupt zugelassen werden, in Ländern wie Dänemark, Belgien, den Niederlanden und der Schweiz schon länger. Außerhalb Europas gehört Insektenfood ohnehin schon lange zum Alltag – immerhin gibt es etwa 2000 essbare Arten, verzehrt werden sie meist gegrillt, geröstet oder getrocknet. Für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung – unter anderem in Asien sowie Mittel- und Südamerika – ist es völlig normal, Insekten zu verzehren. Vor allem zwei Gründe sprechen für Mehlwürmer, Grillen, Buffalowürmer oder Heuschrecken auf dem Teller:

Insekten essen ist nachhaltig

In den Industrieländern werden riesige Mengen an Land, Wasser und Energie benötigt, um Fleisch zu produzieren. Weltweit wächst die Bevölkerung, gleichzeitig steigt der Fleischhunger. Essbare Insekten könnten eine Alternative sein, um die Ernährung global zu sichern, so die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, in ihrer Studie "Edible Insects".

Das wird deutlich, wenn man die Ökobilanz von Rindfleisch und Grillen vergleicht, wie es die Verbraucherzentrale Hamburg getan hat: Um die gleiche Menge Fleisch zu erzeugen, braucht man für Grillen statt Rinder viermal weniger Futter, 12,5 Mal weniger Platz, 15500 Mal weniger Wasser. Dabei produziert man 100 Mal weniger C02. Und: während man von einer Grille 80 Prozent essen kann, sind es bei einem Rind nur 40 Prozent.

Insekten essen ist gesund

Insekten enthalten nicht nur viele Proteine, sondern auch Vitamine und Mineralstoffe wie B12, Zink und Eisen sowie mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Vom Nährstoffgehalt sind sie vergleichbar mit Fisch. Was uns zurzeit noch abhält, ist der Ekel. "Insekten zu essen, ist für die meisten von uns eine gruselige Vorstellung", schreibt Hanni Rützler, Expertin für Foodtrends, in einem Essay. Und ergänzt: "Da helfen die ernährungswissenschaftlichen und ökologischen Argumente, die für den Verzehr von Krabbeltieren, Raupen und Larven sprechen, kaum."

Ich will selber ausprobieren, ob mich vor allem die Vorstellung, ein Krabbeltier zu verspeisen, abhält, oder ob es am Geschmack liegt. Als Erstes esse ich den fertigen Patty des Insekten-Burgers. Er ist lecker und kräftig wie sein fleischliches Pendant. Aber pur? Abends beim Fernsehen ganze Heuschrecken und Würmer knabbern statt Chips? Das ist eher Mutprobe als Genuss. Zusammen mit einer Freundin als Verstärkung probiere ich gefriergetrocknete Heuschrecken und Mehlwürmer – und atme auf, nachdem ich den ersten Mehlwurm zerkaut habe. Er schmeckt: nach nichts. "Wie knusprige Luft", sagt meine Freundin.

Bei der Heuschrecke ist es ähnlich, sie ist nur etwas intensiver und nussiger. Pur wird das nichts. Beim nächsten Mal greife ich daher zum "Insekten-Kochbuch" von Folke Dammann. Die Rezepte klingen wie eine feine Auswahl von Tapas: "Grillen mit Honig und Sesam" oder "Frittierte Heuschrecken mit Limetten-Dip" etwa. Klar, Garnelen, die als Krustentiere mit Heuschrecken verwandt sind, essen wir ja auch nicht ungewürzt und gefriergetrocknet.

Und was ist mit der Tierethik?

"Massentierhaltung", sagt Baris Özel, Geschäftsführer von "Bugfoundation", die den Insekten-Burger herstellen, "ist für Insekten das Paradies." Sie würden auch in der Natur oft auf engem Raum zusammenleben, für sie sei eine solche Haltung also unproblematischer als für Säugetiere. Auch die Tötung sei deutlich tierfreundlicher, da die wechselwarmen Tiere einfach einschlafen, wenn sie tiefgekühlt werden.

Aber: Wer Insekten isst, tötet Tiere. Das lässt sich auch nicht mit Euphemismen wie "entovegan" (für Vegetarier, die Insekten essen) schönreden. Folgerichtig lehnt der Verein ProVeg, der sich für vegetarische und vegane Ernährung einsetzt, das Essen von Insekten ab. Tatsächlich verstehen wir von Insekten noch zu wenig, um mit Gewissheit sagen zu können, ob sie wirklich Schmerz empfinden können oder nicht.

Wie wird die Zukunft aussehen? Noch fehlen gesetzliche Regelungen und Hygienestandards

Auch noch wichtig zu wissen: Für die Zucht der Krabbeltierchen gibt es noch keine Standards, es fehlen gesetzliche Regelungen und unabhängige Kontrollen: "Wichtig sind Hygienevorschriften für Produktion und Fütterung, damit sich keine Keime vermehren können und die Tiere wirklich sauber sind", kritisiert Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Wird sich der Insektentrend bei uns also durchsetzen? Trendforscherin Hanni Rützler ist skeptisch, zu groß seien die Vorbehalte. Christoph Thomann vom Online-Versand Zirpinsects dagegen glaubt: "Insekten zu essen, wird in spätestens zehn Jahren auch bei uns normal sein." Meine Vorbehalte sind nach dem Probieren definitiv geringer als vorher. Auch wenn ich beim Snacken vorerst lieber bei Chips bleibe.

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BRIGITTE 09/2019

Wer hier schreibt:

Monika Herbst
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