Lebensmittel-Schummel der Verbraucherzentrale melden

Großer Erfolg für das im Juli gestartete Portal lebensmittelklarheit.de: In den ersten 100 Tagen haben schon 3800 Verbraucher Fälle von Etikettenschwindel gemeldet. Hauptärgernis: Es ist nicht drin, was drauf steht. Einige Hersteller haben bereits reagiert und Missstände beseitigt. Über das neue Internetportal der Verbraucherzentrale sprachen wir mit dem Projektleiter Hartmut König.

BRIGITTE: Was ist das Ziel des neuen Angebots der Verbraucherzentrale im Internet?

Hartmut König: Verbraucher sollen auf www.lebensmittelklarheit.de eine Anlaufstelle haben, wenn sie sich durch Begriffe auf Lebensmittel-Etiketten oder in der Werbung getäuscht fühlen. Dabei geht es nicht um verdorbene Ware oder um Schadstoffe und verbotene Substanzen wie beim Dioxin-Skandal.

Es geht vielmehr um den großen Graubereich, wo Hersteller durch Bezeichnungen oder Bilder etwas versprechen, was das Lebensmittel selbst dann nicht hält.

Es werden zum Beispiel saftige dicke Erdbeeren auf einem Joghurtbecher abgebildet, in Wirklichkeit sind aber nur wenig Konzentrat und Aromastoffe enthalten. Solche Probleme und auch Beschwerden der Verbraucher haben in jüngster Zeit massiv zugenommen. Wir prüfen sie und stellen die fraglichen Produkte online.

BRIGITTE: Warum wird bei der Werbung oder der Kennzeichnung so viel geschummelt?

Hartmut König: Die Hersteller wollen zum Beispiel mit einem Gesundheitsvorteil werben, deshalb drucken sie "ohne Glutamat" aufs Etikett. In Wirklichkeit ist dann Hefeextrakt enthalten, der wie ein Geschmacksverstärker wirkt, aber nicht als solcher deklariert werden muss. Oder die Hersteller wollen Geld sparen. Wenn man Kaffee mit Maltodextrin streckt, spart das Kaffeesteuer und teuren Röstkaffee. Echter Käse ist teurer als Käse-Imitat, Fleischreste mit Enzymen zu einer Art Schinken zusammenzukleben ist kostengünstig. Da gibt es viele technische Neuerungen, mit denen man teurere traditionelle Rohstoffe durch billige ersetzen kann. Damit die Konsumenten beim Geschmack und der Optik keinen Unterschied merken, sind häufig viele Zusatzstoffe wie Aromen und Farbstoffe nötig.

Hartmut König ist Leiter der Ernährungsabteilung der Verbraucherzentrale Hessen e.V.

BRIGITTE: Aber welche Zusatzstoffe drin sind, steht doch auf dem Etikett.

Hartmut König: Schon, aber oft ist die Schrift viel zu klein oder mangels Kontrast schlecht lesbar. Leider gibt es für die Gestaltung bisher noch keine Vorschrift. Und welcher Verbraucher ist schon mit einer Lupe im Supermarkt unterwegs? Außerdem ist vieles optisch den bekannten Produkten nachempfunden, wie der so genannte Analogkäse, der aussieht wie geraspelter Schnittkäse. Probleme gibt es auch dort, wo Ware offen verkauft wird, auf Märkten, im Imbiss, in Restaurants. Da müssten sich Kunden im Grunde die Verpackung zeigen lassen, um sicherzugehen. Das macht aber keiner.

BRIGITTE: Was passiert konkret mit den Beschwerden auf der neuen Website?

Hartmut König: Die Verbraucher nennen uns das betreffende Produkt, bei dem sie sich getäuscht fühlen. Am besten schicken sie ein Foto der Verpackung mit. Sollten unsere Experten bestätigen, dass hier eine Täuschungsabsicht vorliegt, schreiben wir den Anbieter an. Der hat eine Woche Zeit, Stellung zu nehmen, erst danach wird das produkt auf der Plattform veröffentlicht.

BRIGITTE: Welche Verbesserungen erwarten Sie?

Hartmut König: Wir hoffen natürlich, dass viele Hersteller einsichtig sind und die Kennzeichnung schnell verbessern, ohne dass wir rechtlich, zum Beispiel mit Abmahnungen, vorgehen müssen.

Hier können sie Täuschungen melden: www.lebensmittelklarheit.de

10 Beispiele für Etikettenschwindel: Das haben Mitarbeiter der Verbraucherzentrale schon alles im Handel entdeckt.

Interview: Beate Koma Foto: Stills-Online

Wer hier schreibt:

Beate Koma
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