Nahrungsergänzungsmittel - sinnvoll oder nicht?

Vitamine, Mineralstoffe oder Immunkuren mit Pflanzenextrakten: Nahrungsergänzungsmittel werden immer beliebter. Wer sie verwendet, sollte aber ein paar Dinge beachten.

Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?

Zum Beispiel Vitamin B12: Vor ein paar Jahren redete noch kaum jemand darüber, heute ist es buchstäblich in aller Munde. Und das nicht nur, weil es immer mehr Veganer gibt, die durch ihre Ernährungsweise fast zwangsläufig in eine Unterversorgung rutschen. Das "Nervenvitamin" soll für mehr Energie und geistige Leistungsfähigkeit sorgen - und damit für genau das, was in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr gefordert ist.

Kein Wunder also, dass der Markt für Nahrungsergänzungsmittel wächst: Allein im vergangenen Jahr gingen in Deutschland 172 Millionen Packungen in Drogerien und Apotheken über die Ladentheke - 4,2 Prozent mehr als im Vorjahr. In einer Umfrage der Verbraucherzentralen gab gut ein Drittel der Befragten an, in den letzten sechs Monaten ein oder mehrere dieser Präparate verwendet zu haben. 

Besonders eifrige Konsumenten waren Erwachsene vor dem 30. Lebensjahr. Am beliebtesten unter den Pillen, Pulvern und Säften ist Magnesium, auf Platz zwei folgen Mittel mit Vitamin A bzw. D, an dritter Stelle Kalziumpräparate. Woher der Trend zum Schlucken kommt, ist klar: Noch nie hatte Gesundheit einen höheren Stellenwert als heute, so das Frankfurter Zukunftsinstitut. Sie gilt nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern als etwas, das ständig verbessert werden kann.

Gesunde Ernährung ist trotzdem Pflicht

Kann ich die Mittel einfach so nehmen? 

Sicherer ist es, die Einnahme mit Arzt oder Ärztin zu besprechen und sich auf eine Unterversorgung hin untersuchen zu lassen. "Deutschland ist kein Vitaminmangelland", sagt Professor Christian Sina, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin in Lübeck. "Es ist möglich, sich ganzjährig zu akzeptablen Preisen vollwertig zu ernähren und täglich ausreichend frische Lebensmittel zu sich zu nehmen. So erhält man alle erforderlichen Nahrungsstoffe." 

Bestimmte Ernährungsformen oder Lebensumstände machen das Ergänzen einzelner Substanzen allerdings notwendig. In Schwangerschaft und Stillzeit beispielsweise gibt es klare Empfehlungen, dass Folsäure und Jod ergänzt werden sollten. Christian Sina rät trotzdem von Selbstmedikation ab: "Besprechen Sie die Dosierung immer mit dem behandelnden Arzt." So könne eine Schilddrüsenerkrankung der Schwangeren eine abweichende Jod-Menge erfordern.

Auch Veganer sollten regelmäßig beim Arzt ihre Blutwerte prüfen und sich zu Ergänzungspräparaten beraten lassen. Das Gleiche gelte für Vitamin D, wenn man sich in den dunklen Wintermonaten weniger als eine halbe Stunde im Tageslicht aufhält.

Sind Pillen genauso effektiv wie Gemüse? 

Nein. "Isolierte, im Labor hergestellte Vitamine und Mineralstoffe werden in der Regel nicht so gut aufgenommen wie die Inhaltsstoffe in frischen Lebensmitteln", so Ernährungsmediziner Sina. "Kalzium aus Milch und Käse kann der Körper beispielsweise besser verwerten als Kalzium aus einer Brausetablette, das Knabbern roter Paprika stellt uns mehr Vitamin C zur Verfügung als jede Kapsel. Und: Die meisten Mikronährstoffe werden vom Körper eh wieder ausgeschieden, weil er sie in der hochkonzentrierten Menge gar nicht auf einmal komplett aufnehmen kann."

Weniger ist mehr

Zumindest sind sie nicht schädlich, oder? 

Manche können sogar richtig gefährlich werden. In den 90er-Jahren mussten zwei große Vitamin-Studien in Finnland und den USA abgebrochen werden, da sich zeigte, dass die Einnahme von Beta-Carotin bei Rauchern das Risiko für Lungenkrebs erhöht. Eine US-amerikanische Studie bringt auch eine steigende Zahl von Leberfunktionsstörungen mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in Verbindung - die Autoren konnten in mehreren pflanzlichen Produkten Verunreinigungen durch Mikroben, Mykotoxine oder Schwermetalle nachweisen. 

Auch bei der Dosierung sollte man vorsichtig sein: Ein Zuviel schadet möglicherweise. "Vor allem fettlösliche Vitamine wie A und E, die der Körper vor allem in der Leber oder im Fettgewebe speichert, können zu einer Überdosierung und zu erhöhten Leberwerten führen", so Christian Sina. 

Und selbst zur Wirkung von hoch dosierten wasserlöslichen Vitaminen oder Mineralstoffen gibt es nicht genügend Studien, die mögliche Schäden ausschließen. "Manche Konsumenten bedenken nicht, dass sie schon über die Nahrung und angereicherte Lebensmittel weitere dieser Nährstoffe zu sich nehmen. Und in einigen der angebotenen Mittel steckt die fünfzigfache Menge dessen, was wir eigentlich bräuchten", sagt Angela Clausen, Ökotrophologin von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. 

Als im letzten Jahr die Stiftung Warentest 35 Mittel untersuchte, wurde die maximale empfohlene Tagesdosis bei 26 überschritten. Besonders hoch dosiert waren dabei Produkte aus dem Internet. Informationen über empfohlene Höchstmengen geben das Bundesinstitut für Risikobewertung oder die Verbraucherzentralen (www. klartext-nahrungsergaenzung.de).

Werden die Produkte genauso streng kontrolliert wie Arzneimittel?

Laut Umfrage der Verbraucherzentralen vertraut jeder zweite auf staatliche Prüfungen zur Sicherheit und Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln. Zu Unrecht: "Sie fallen unter die Lebensmittel, nicht unter Medikamente - auch wenn sie oft so aufgemacht sind. Daher unterliegen sie keiner Prüf- und Zulassungspflicht", so Ökotrophologin Clausen. Die Produkte werden nur stichprobenartig getestet, nachdem sie bereits auf dem Markt sind. Ob und wie einzelne Zutaten wirken und welche Nebenwirkungen möglich sind, ist also nicht immer bekannt.

Was ist, wenn man sie mit Medikamenten kombiniert? 

Sie sollten bedenken, dass gefährliche Wechselwirkungen auftreten können. "Manche Substanzen verstärken, schwächen oder blockieren Wirkstoffe aus Medikamenten", so Angela Clausen. Goji-Beeren beispielsweise können die Wirksamkeit bestimmter Blutgerinnungshemmer verstärken, sodass die Blutungsneigung erhöht ist. "Auch Inhaltsstoffe der Grapefruit bergen die Gefahr, dass manche Medikamente schlechter verstoffwechselt werden und länger als erwünscht im Körper bleiben", ergänzt Christian Sina. Zudem verfälschen manche der Ergänzungspräparate Blut- oder Urinwerte. Deshalb die Einnahme sämtlicher Pillen und Pulver - gerade auch pflanzliche - besser mit dem Arzt absprechen.

Superfoods, Vitamin B12 & Co.

Und wie sollte man die Präparate einnehmen? 

Magnesium und Kalzium sollten im richtigen Verhältnis eingenommen werden, Folsäure nicht mit Zink und Selen nicht mit Vitamin C - oft stehen Mikronährstoffe nämlich in sogenannter Resorptionskonkurrenz. "Vereinfacht gesagt blockiert die große Menge eines Stoffes den für einen anderen Nährstoff ebenfalls nötigen gleichen Transportweg im Körper", erklärt Angela Clausen. 

Auch manche Lebensmittel hemmen die Aufnahme, z. B. blockieren Kaffee oder Tee Eisenpräparate, Spinat oder Rhabarber Kalziumprodukte. Es gibt aber auch Substanzen, die sich bestens vertragen und bei gleichzeitiger Einnahme in der Wirkung verstärken, etwa Eisen und Vitamin C oder die fettlöslichen Vitamine A, D, K, E und hochwertiges Öl.

Gibt es bei Nahrungsergänzungsmitteln bestimmte Trends?

Oh ja. "Momentan sind im Massenmarkt hauptsächlich Magnesium und Superfoods gefragt", sagt Angela Clausen. Kuren mit Darmbakterien haben sich in den vergangenen Jahren ebenfalls etabliert, parallel zur Forschung über die Bedeutung dieser Mikroorganismen. Sie machen aber einen kleinen Marktanteil aus - und belegt ist ihre therapeutische Wirkung bisher nur bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen.

Warum die Vorlieben schwanken, liegt einmal an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch daran, dass die Anforderungen in Familie und Beruf sich verändert haben. Mit Vitamin B12 für stärkere Nerven sorgen zu wollen, ist deswegen absolut verständlich. Aber eine Kapsel kann eben nicht alles lösen.

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Brigitte 19/2018

Wer hier schreibt:

Tanja Eckes
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