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Pulvernahrung: Wie gesund sind Powder Foods?

Pulvernahrung: Gehäufter Löffel Pulvernahrung
© Gita Kulinitch Studio / Shutterstock
Ob Komplett-Menü aus dem Beutel oder Algenpulver als Nahrungsergänzung: Powder Foods sind der neue Ernährungstrend. Aber ist das Pulveressen auch gesund?

Beige und dickflüssig, hm, lecker! Wirklich? Lecker? Wenn es nach dem US-Ingenieur Rob Rhinehart geht, ist dieser Brei die Zukunft unseres Essens. Er hat die Ersatznahrung "Soylent" erfunden, ein Pulver, das mit Wasser und etwas Öl angerührt wird. Angeblich ernährt er sich selbst zu 90 Prozent davon. Und liegt damit voll im Trend: "Soylent" gibt es zwar nicht bei uns, aber auch hierzulande kommen immer mehr sogenannte Replacement Foods auf den Markt, Mahlzeiten also, für die wir weder kochen noch kauen müssen.

Das ewige Streben nach Perfektion

"Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit dem Wunsch gerade junger Menschen, sich und ihre Lebensumwelt zu optimieren", sagt Prof. Marc Birringer vom Fachbereich Oecotrophologie der Hochschule Fulda. "Durch den Verzehr solcher Pulverdrinks spart man die Zeit für das Kochen, gleichzeitig nimmt man bedarfsdeckend Nährstoffe auf." Eine besonders effiziente Form des Sattwerdens also.

Genau das beschreibt auch Flüssignahrungs-Guru Rhinehart als seine Motivation. Einst viel beschäftigter Softwareentwickler im Silicon Valley, hielt ihn das Zubereiten von Tiefkühlpizza oder Asia-Nudelsuppen nur unnötig von der Arbeit ab.

Es wird suggeriert, dass jeder Mensch seinen individuellen Nährstoffbedarf mit Pulvern decken kann. Langfristig ist das aber nicht möglich.

Aber ist die Ersatznahrung auch gesund? Birringer ist skeptisch: "Es wird suggeriert, dass jeder Mensch seinen individuellen Nährstoffbedarf mit den Pulvern decken kann. Langfristig ist das aber nicht möglich. Eine ausgewogene und vielseitige Ernährung mit frischen Lebensmitteln kann viel besser auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt werden." Denn einzelne synthetisch hergestellte Nährstoffe ersetzen in der Summe noch lange nicht ein natürliches Lebensmittel.

Die Bioverfügbarkeit der Inhaltsstoffe in Obst oder Gemüse etwa ist grundsätzlich besser als im Vitaminersatz aus dem Labor. Oft verstärken sich einzelne Substanzen wie sekundäre Pflanzenstoffe auch gegenseitig in ihrer Wirkung. Darüber hinaus würde die fehlende Kaubewegung wahrscheinlich auf Dauer Probleme machen, da Kauen Zähne und Zahnfleisch festigt.

Schon etabliert: Gericht mit Pulver ergänzen

Es wäre also schon sehr abgefahren, sich komplett so zu ernähren. Pulver, die Gerichte anreichern, sind dagegen schon Alltag: zum Beispiel Algen-, Matcha-, Spinat- oder Trockenobstpulver im Müsli oder Smoothie. Was das bringt? „Wenn etwa Cranberry- oder Spirulinapulver als Superfood vermarktet wird, schärft allein diese Begrifflichkeit das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel bei Verbrauchern“, sagt Birringer.

"Die Auseinandersetzung mit wertgebenden und gesundheitsfördernden Lebensmittelinhaltsstoffen sehe ich daher positiv." Trotzdem ist es eben nicht damit getan, hier und da ein Pülverchen unterzurühren. Denn vom Obst oder Gemüse zum Pulver gehen durch diverse Behandlungsprozesse Mikronährstoffe verloren. Lagerungszeiten reduzieren gesundheitsfördernde Substanzen nochmals.

Nachteile vom Pulver

Und: "Esse ich einen frischen Apfel oder eine Gurke, ist die Flüssigkeitsversorgung für den Körper optimal", so Birringer. "Pulver hingegen bindet im Körper viel Flüssigkeit, bevor es verdaut wird, entzieht uns also Wasser." Da die Pulver wenig Volumen haben, fällt der Sättigungseffekt ebenfalls weg. Außerdem könnten die Zusätze als Ausrede genutzt werden, Motto: "Morgens Açaíbeeren-Pulver im Joghurt, dann esse ich mittags beruhigt Burger mit Pommes."

Ob sich Powder Food langfristig etablieren wird, ist fraglich. Denn schließlich ändert sich nichts schneller als Ernährungstrends. "Einige Pulver werden wahrscheinlich ihre Nische finden, genau wie Formula-Diäten inzwischen ihren festen Platz haben", sagt Birringer, womit er die dritte Variante der Pulvernahrung anspricht: Diätpulver versprechen gesundes, schnelles Abnehmen bei hoher Sättigung und gutem Geschmack. 

Tatsächlich verordnen Ernährungsmediziner teilweise Adipositas-Patienten solche Formula-Drinks, um den Einstieg ins Abnehmen zu erleichtern. Der große Vorteil gegenüber komplexen Mahlzeiten: Menge und Kaloriengehalt lassen sich viel leichter kontrollieren. Wobei es natürlich zusätzlich einer Verhaltensänderung bedarf, wenn man langfristig Gewicht verlieren will. 

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BRIGITTE 08/2020

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