Ich kaue gern!

Supergesund, super angesagt: Der Siegeszug der fein pürierten Gemüsedrinks hält an. Doch nicht alle lieben sie. Bekenntnisse einer Smoothie-Hasserin.

Eine kleine Erhebung in meinem Bekanntenkreis hat ergeben, dass ich eine ganze Menge Leute kenne, die sich von Brei ernähren. Überraschenderweise sind die wenigsten davon im kauleisteneingeschränkten Alter (also Babys oder Greise), sondern Menschen mit festen Kiefermuskeln und krachendem Biss. Während die mir bekannten Kinder, die noch von Hipp-Gläschen leben, schon vor Erwerb der nötigen Anzahl von Zähnen (zwei oben, zwei unten) danach gieren, feste Nahrung in ihre pastinaken-musverklebten Hände zu bekommen, gehen die Erwachsenen plötzlich den umgekehrten Weg: Sie wollen die Smoothies.

Seit der erste Mensch ein angekokeltes Tier aus einem Buschbrand gezogen und festgestellt hat, dass sich Nahrung und Feuer ziemlich gut vertragen, ist eigentlich klar, dass die Fähigkeit zu kochen ein großer evolutionärer Vorteil ist. Endlich konnten wir das faserige Grünzeug unseren tierischen Verwandten überlassen, die mit großen Kiefern und kleinen Gehirnen an einer Kreuzung der Evolution zurückblieben, während wir uns mit aufrechtem Gang in die Küche begaben. Dort kochten wir viele Jahrtausende vor uns hin, knabberten ab und zu an einem Obstschnitz und entwickelten einen entscheidenden Teil menschlicher Zivilisation. Bis jemand den Hochleistungsmixer erfand.

So ein Power-Blender kriegt alles klein: Kohlstrünke, Avocado-Kerne, althergebrachte Essgewohnheiten. Er juict und smootht und mixt und steht nun viel zu oft in den Küchen gestresster Großstädter, die zwar zu wenig Zeit haben, sich ihre von Ernährungsexperten empfohlenen fünf Portionen Gemüse und Obst am Tag ungeschreddert zuzuführen. Aber durchaus genug Zeit, um aus ihrem grünbreiigen Lifestyle keine leise Sache zu machen. Schon allein, weil so ein Power-Mixer im Hochbetrieb ähnlich laut ist wie ein Porschemotor, der an der Ampel lässig angetippt wird (und für ein Küchengerät so absurd teuer, dass er als Statussymbol durchaus mit dem Sportwagen mithalten kann). Aber auch, weil es so verdammt schick geworden ist, anderen Leuten seine Ernährungsphilosophie unter die Nase und am besten gleich noch an den Gaumen zu reiben. In Büchern und Blogs und im Büro, wo das Schraubglas mit dem morgens zubereiteten Green Smoothie wie eine giftgrüne Standarte vor sich hergetragen wird, auf der Suche nach einem müden Kollegen, dem man - mit mitleidigem Blick auf dessen organverschleimenden Latte macchiato - die unschlagbaren Vorteile des Schreddertrunks aufzählen kann: morgens besser aus dem Bett, abends leichter rein, bessere Haut, mehr Energie, weniger Zwick und Zwack.

Trotz des Niedergangs der Kohleindustrie hält sich ja der irrige Glaube, irgendwelche Schlacken lagerten sich in unseren zivilisationsvergifteten Körpern ab, die dick, krank und hässlich machten und deshalb dringend rausgespült gehörten. Die Vorstellung, wir seien irgendwie geartete Müllhalden, ist zwar absurd, weil das körpereigene Reinigungspersonal Niere, Leber und Darm auch ohne Zufuhr detoxenden Superfoods ständig damit beschäftigt ist, alles rauszuschmeißen, was nicht reingehört. Aber ein schwammiger Faktor wie "persönliches Wohlbefinden", den Hardcore-Smoothie-Jünger schon nach kurzer Zeit der Bebreiung gesteigert fühlen, lässt sich nun mal schwer mit Langweiler-Fakten wegdiskutieren.

Um eins klarzustellen: Ich habe nichts gegen gesunde Ernährung. Ich komme aus Freiburg; wir haben schon in Reformhäusern eingekauft und Teebeutel getrennt (Biomüll, Papier, Metall), als "Öko" im Rest der Republik noch ein Synonym für irgendwas Ungewaschenes mit Jute war. Ich kann verstehen, warum die Trinker grüner Säfte schon beim bloßen Anblick ihrer chlorophyll-geschwängerten Mahlzeit einen Frischeschub fühlen. Es ist dasselbe Gefühl, das man hat, wenn im Frühling die ersten grünen Blätter sprießen: Man fühlt sich wieder als Teil der Natur und ihres Versprechens auf Erneuerung. Eine banale Erkenntnis, ja. Aber wenn man für das Gefühl, dass es für den eigenen täglich mehr verfallenden Körper noch nicht zu spät ist, unbedingt einen 700-Euro-Mixer braucht, in dem man sich gar nicht mal so schmackhafte Spinat-Sellerie-Smoothies zubereitet - dann sei es so. Allerdings bin ich immer Dingen gegenüber misstrauisch, die Ausschließlichkeit predigen. Die sich als allein selig machendes Heilsversprechen aufschwingen und andere Lebens- oder Ess-Entwürfe mit 40 000 Umdrehungen in der Minute wegschreddern wollen. Vor allem wenn sie mit einem quasireligiösen Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen einhergehen, die schwerfälliger und weniger vitaminoptimiert sind.

"Je härter die Welt da draußen ist, umso größer ist offenbar der Wunsch nach geschmeidiger Weichheit"

Ein anderer Teil meines Smoothie-Argwohns resultiert aus meiner Begeisterung für die Konsistenz von Lebensmitteln: der bissfeste Kohl, der weiche Spinat, die knackige Karotte. Zusammengeworfen und durchgemixt ergeben sie nur noch eine fantasielose Pampe, in der alle Zutaten gleichgemacht werden. Eben ein Einheitsbrei, der nicht weh tut, aber auch keine Überraschungen mehr bietet. Vielleicht ist das der Grund, warum Smoothies gerade so in Mode sind: Je härter die Welt da draußen ist, umso größer ist offenbar der Wunsch nach geschmeidiger Weichheit. Die Lage wird immer komplexer; so viele Krisenherde ohne absehbare Lösung, so viele verwirrende Standpunkte. Kein Wunder, wenn man sich da nur noch auf sich selbst und die eigene Verbesserung konzentrieren mag - den einzigen Teil, den man noch einigermaßen kontrollieren kann. Mag auch alles zusammenbrechen, wenigstens bin ich ein gesunder König in seinem kleinen Körperschloss, reicht mir Zepter und Reichsapfel, auf dass ich ihn zu Mus machen kann! Wir sollten dennoch nicht vergessen, welchen Wert es hat, feste Dinge zerbeißen zu können. Kauen ist eine Form der Emanzipation. Wer kauen kann, ist zu alt für die Mutterbrust und qualifiziert sich, ein eigenständig denkendes (und essendes) Wesen zu sein. Wer kauen kann, muss sich von niemandem mehr etwas vorkauen lassen. Keine Nahrung - aber auch keine Meinung.

Deshalb, von mir aus: Trinkt eure Smoothies, egal welcher Farbe. Lasst eure Mixer weiter rotieren. Aber legt euren Grünkohl ab und zu auch wieder neben die Mettwurst, schmeißt den Spinat in die Pfanne und steckt eure Gurkenschnitze in einen "Moscow Mule". Geht einfach mal wieder ohne Optimierungswillen raus, setzt euch unter einen Baum und guckt stumm dabei zu, wie die Blätter um euch herum ihr Chlorophyll zur Schau tragen, ohne es ihnen sofort aussaugen zu wollen. Es ist vor allem unser Kopf, der manchmal entschlacken muss. Damit wir auch morgen noch kraftvoll zubeißen können.

Text: Andrea Benda Ein Artikel aus der BRIGITTE Woman 05/2016

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