Ist Superfood auch supergut?

Exoten wie Açai, Goji und Chia - sogenanntes Superfood - tauchen als Zutat immer häufiger in Lebensmitteln auf. Doch sind sie wirklich so gesund?

Tief im Amazonas-Dschungel lebt ein Indianerstamm, der seit Jahrhunderten eine besondere Beere (oder Pflanze oder Nuss) verwendet, die reich ist an Antioxidanzien (oder Vitaminen oder Omega-3-Fettsäuren). Die Namen für diese Nahrungsmittel sind ebenso exotisch, wie die Orte, wo sie herkommen: Camu, Maca, Açaí und Lucuma sind nur einige davon. Studien haben gezeigt, dass dieses Lebensmittel sogar Blaubeeren, Holunderbeersaft und Rotwein in ihrer gesundheitlichen Wirkung übertreffen – möglicherweise beugen ihre Inhaltsstoffe sogar Krebs (oder Herzinfarkt oder Alzheimer) vor.

Merkt ihr was? Diese Geschichte habt ihr schon häufiger gehört, mit wechselnden Hauptdarstellern. Sie steht auf Smoothie-Fläschchen oder Joghurtbechern, wird in Food-Blogs verbreitet und soll zum Kauf von Nahrungsergänzungsmitteln anregen. Der Sammelbegriff für diese wundersamen Lebensmittel: Superfood.

Mythos Superfood - was steckt dahinter?

"Was bei allen gleich ist: die Geschichte dahinter. Immer ist es ein weit entferntes Land und ein Naturvolk, das dank des betreffenden Superfoods keinen Brustkrebs, kein Übergewicht oder nur selten Herzinfarkt bekommt", erklärt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW. Dass dabei Faktoren wie Bewegung, die sonstige Ernährung oder Stress außen vor bleiben, werde bei den Erzählungen über das neueste Wunder-Essen gern verschwiegen. Der Mythos ist dabei offenbar ein gutes Kaufargument: Laut einer Umfrage der British Dietetic Association haben 61 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon mal ein Lebensmittel nur deshalb gekauft, weil es als Superfood bezeichnet wurde. Insbesondere in Form von Smoothies oder Saft sind die Früchte mit Wunder-Wirkung derzeit gehyped.

Wie gesund ist Açaí wirklich?

Die Wahrheit liegt in der Mitte. Nehmen wir etwa den Superstar unter den Superfoods, die Açai. In Brasilien wächst die dunkelblaue Beere an Palmen und wird dort frisch oder als Saft verzehrt. Bei uns findet man sie inzwischen in Joghurt, Saft, Smoothie, Müsli, Schokolade - es gibt sogar einen Sekt mit Açaí. Aber wie super sind die Beeren?

Tatsächlich hat die Açai einen hohen Gehalt an Anthocyanen. Dieser dunkle Pflanzenfarbstoff wirkt antioxidativ, das heißt, er schützt die Körperzellen vor freien Radikalen. Aber die brasilianische Beere enthält auch Fett (Omaga-3-Fettsäuren). In Deutschland gibt es viel Übergewicht, daher brauche es bestimmt keinen exotischen Energie-Lieferanten, meint Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel. Und in Sachen Anthocyan-Gehalt können es unsere einheimischen Lebensmittel wie Rotkohl, rote Trauben, Holunder und schwarze Johannisbeeren locker mit der Açai aufnehmen.

An der Açaí zeigt sich auch das Grundproblem vieler Superfoods: Man bekommt sie selten frisch. Weil Superfoods den Weg zu uns nicht überstehen, werden sie vor Ort getrocknet oder zu Pulpe (einer breiigen Masse) verarbeitet. Wie viel Superfood später im Endprodukt steckt, erkennt der Verbraucher nicht, so Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Und sie nennt einen weiteren Nachteil für die Gesundheit: "Zuckerreiche Müslis oder Milchprodukte werden mit ein paar Açaí-Beeren nicht gesünder."

Schädliche Wirkungen durch Antioxidanzien

Überhaupt ist das mit den angeblich wundersamen Inhaltsstoffen so eine Sache. Etwa die Antioxidanzien. Fast alle Lebensmittel, die bislang zum Superfood erklärt wurden, enthalten viel davon, seien es Pflanzenfarbstoffe oder Vitamine. Und weil Studien immer wieder zeigen, dass Antioxidanzien freie Radikale abfangen, die unsere Körperzellen schädigen, rangeln die Superfoods um den ersten Platz bei den sogenannten ORAC-Werten ("Oxygen Radical Absorbing Capacity"). Der ORAC-Wert gibt an, wie schnell ein Lebensmittel freie Radikale neutralisiert. Das kann Matcha-Grüntee besser als Goji-Beeren, die den Granatapfel übertrumpfen, der wiederum Blaubeeren und die Açaí-Beere toppt.

Doch so einfach ist es nicht: "Der ORAC-Wert ist ein Laborwert, der im Reagenzglas ermittelt wird und nicht im menschlichen Körper", sagt Verbraucherschützerin Angela Clausen. Trotzdem werben Hersteller von Lebensmitteln gern mit diesem Wert. Doch Ernährungswissenschaftlerin Daniela Graf vom Max-Rubner-Institut warnt: "Antioxidanzien wie sekundäre Pflanzenstoffe können, in großen Mengen verzehrt, schädliche Wirkungen haben. Beispielsweise ist beschrieben, dass es zu Wechselwirkungen mit Medikamenten und zu einer schlechteren Aufnahme von Vitaminen kommen kann." Die Expertin für Ernährung rät davon ab, Pillen oder Pulver einzunehmen, in denen Extrakte aus angeblichen Superfoods wie Matcha, Spirulina oder Moringa hoch konzentriert stecken.

Goji-Beeren auf dem Prüfstand

Dass die exotische Herkunft vieler dieser Lebensmittel auch problematisch sein kann, zeigt die Goji-Beere. Sie gilt aufgrund ihres hohen Antioxidanzien-­Gehalts als Jungbrunnen und wird in China traditionell bei Bluthochdruck eingenommen. Doch Goji­-Beeren sind nicht gesünder als heimische Früchte. Und kommen sie aus China, sind sie oft mit Schadstoffen belastet. "Untersuchungen haben immer wieder hohe Pestizidwerte gezeigt, da sollte man vorsichtig sein", rät Angela Clausen. Auch ökologisch sind exotische Lebensmittel nicht gerade super - wegen der langen Transportwege und der Gefährdung des Bestands. So wäre der Hoodia­-Kaktus fast ausgerottet worden, weil er in den Vereinigten Staaten eine Zeit lang als Appetitzügler galt.

Und schließlich steckt manches in den "Wunder"-Nahrungsmitteln, das gar nicht wunderbar ist. Beispielsweise können Goji­-Beeren die Wirkung von gerinnungshemmenden Medikamenten stören, Chia­-Samen, die wegen ihrer angeblich schlank machenden Effekte gerade sehr angesagt sind, enthalten Saponine, die die Darmschleimhaut reizen können, und die Gerbstoffe in Amaranth­-Getreide bremsen die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen im Körper. Außerdem: Die meisten Untersuchungen zeigen, dass nicht die einzelnen Substanzen wie Chia, Goji und Co. gesund sind, sondern eher die Mischung verschiedener Stoffe in einem Nahrungsmittel unserem Körper guttut.

Verteufeln muss man die Superfoods, wie Chlorella, Quinoa, Chiasamen, Granatapfel und Co. deshalb nicht, sondern sie eher als das sehen, was sie sind: eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan. Im vergangenen Jahr übrigens bat das Institute for Functional Medicine in Washington zehn Ernährungsexperten, ihr persönliches Superfood zu wählen. Welches Food war neben Sauerkraut ganz vorn dabei? Spinat. Manchmal braucht es eben gar kein exotisches Pulver oder Samen, man muss nur auf Mutti hören.

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Wer hier schreibt:

Markus Brügge
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