Dürfen Mütter ihre Kinder auf Diät setzen?

Eine amerikanische Mutter hat es mit ihrer siebenjährigen Tochter getan - und wütende Diskussionen entfacht. Zu Recht. Aber was tun, wenn ein Kind kein Maß beim Essen kennt?

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Meine Tochter schmiert sich in der Küche ein Brot. Wahr-scheinlich werden es zwei Brote. Oder auch drei. Wenn sie sich mit ihrem Teller gleich zu mir in den Garten setzt, werde ich verstohlen zählen, wie viele Wurstscheiben sie wieder draufgepackt hat. "Na, du hast aber Hunger!", werde ich sagen und damit meinen: Iss nicht so viel!

So viele meiner Sätze sind nur noch Verstecke, in denen sich hinterlistig das verbirgt, was ich Franzi nur selten direkt sagen will. Dass sie zu dick ist. Dass sie sich beim Essen, verdammt noch mal, zusammenreißen soll. Dass sie auf ihr Gewicht achten muss. Verletzende Botschaften. Vor allem für ein Kind. Franzi wird nächsten Monat zehn Jahre alt. Sie wiegt über 40 Kilo. Das ist objektiv betrachtet zu viel und kein Spleen von mir. Ich hatte natürlich gemerkt, dass sie in den letzten zwei Jahren ordentlich zugenommen hatte. Erste aufkeimende Bedenken ummantelte ich mit Watteworten: moppelig, rundlich war mein Kind, vor allem aber puttenhaft und süß. Franzi genoss das Leben offenbar und das Essen als wunderbaren Teil davon.

Als Franzi seit Januar immer mal wieder über Unwohlsein und Bauchschmerzen klagte, ließ ich sie an diesen Tagen vorsichtshalber nicht in die Schule gehen. Dass das regelmäßig an Dienstagen geschah, an denen sie Sportunterricht hatte, fiel mir erst im März auf, als ich mein Mädchen nach einem Klassenfest abholte. Franzi stürmte mit ein paar Freundinnen aus der Klasse. Zwischen den zierlichen Kindern wirkte mein Kind unförmig und behäbig. "Fettilein", rief ihr ein Junge zu, ich fand das fies, aber noch fieser war, dass ich dachte: Er hat ja recht. Franzi lief zu mir und sagte kein Wort. Sie schämte sich. Sie litt, und ich litt mit ihr: Mein Kind, vertrieben aus dem Paradies der unbeschwerten Kindheit - wegen Figurproblemen.

Übergewicht ist keine Privatsache, Übergewicht sieht man, und jeder fällt sein Urteil darüber.

Auf schlechte Noten, Zickenkriege und pubertäre Wutausbrüche hatte ich mich innerlich eingestellt: Bei Schulproblemen gäbe es Nachhilfe, und die meisten anderen Störfälle wollte ich mit einfühlsamen Gesprächen und Geduld in den Griff kriegen. An Übergewicht hatte ich nie gedacht. Schon, weil ich die Worte "Kind" und "Gewichtsproblem" in meinem Kopf nicht zusammenkriegte. Ich selbst hatte stets essen können, was ich wollte - ich nahm nicht zu. Freundinnen, die sich in immer wieder neue Diäten stürzten, redete ich zu, ihre Körper anzunehmen und der Gesellschaft mit ihren absurden Forderungen nach genormten Maßen nicht klein beizugeben. Hatten wir Frauen etwa jahrzehntelang gekämpft, um unsere Selbstachtung von ein paar Zentimetern abhängig zu machen und sie anschließend auf einem Laufsteg zu Grabe zu tragen?

Am Nachmittag nach dem niederschmetternden Schulbesuch schnitzte ich Möhren und Äpfel und erklärte meinem Kind, dass "wir jetzt mal ein bisschen vorsichtiger" sein müssten beim Essen. Sie wolle doch auch, dass keiner mehr über sie lacht, sie verspottet. "Wenn wir durchhalten, bist du bald bist wieder schön schlank", lockte ich. Schön schlank - mir grauste selbst vor meinen Worten. Konnten pfundigere Menschen denn nicht attraktiv sein? Natürlich. Aber Pfunde kommen mit dem Älterwerden eh. Und war es nicht meine Verantwortung als Mutter, ihr jetzt, als Kind, den Weg zu einer gesunden Figur zu ebnen?

Übergewicht ist keine Privatsache, hat die amerikanische Autorin Dara-Lynn Weiss in ihrem umstrittenen Buch "Wonneproppen" (19,95 Euro, Eden Books) geschrieben: Blödsinn, hatte ich beim Lesen noch gedacht. Jetzt verstand ich sie, sie hatte recht. Übergewicht sieht man, und jeder fällt sein Urteil darüber. In unseren Köpfen richten Schönheitsideale über Menschen. Das Wort "dick" sagt man nicht, man spuckt es aus wie etwas Ekliges. Immer wieder merke ich: Als Mutter eines dicken Kindes bist du zwar nicht allein - aber du fühlst dich so.

Dabei ging es mir doch gar nicht um die Einhaltung irgendeines unsinnigen Schlankheitsideals. Mir ging vor allem um das Wohlergehen meines Kindes. "Du spinnst ja", winkte mein Mann ab, der, wie ich, noch nie Gewichtsprobleme hatte, "willst du unser Kind etwa auf Diät setzen?" Wollte ich das? Ich war unsicher. Ich wünschte mir eine Freundin, die Ähnliches erlebt hatte. Oder einen Zauberstab, mit dem ich Franzis Speckröllchen einfach weghexen könnte.

Ich erhoffte mir Unterstützung von der Kinderärztin und meldete Franzi deshalb deutlich früher als geplant zur U 11 an. Bei der letzten Untersuchung vor anderthalb Jahren war Franzis Gewicht gerade noch als passabel durchgerutscht. Jetzt ergaben ihre 44,3 Kilo auf 139 Zentimeter den eindeutigen Befund: Übergewicht. Die Ärztin guckte uns daraufhin sehr kritisch an: mein fettes Kind und mich, die Mutter, die es fahrlässig verfetten ließ. Sie empfahl, Franzi beim Moby-Dick-Netzwerk anzumelden, einem Gesundheitsprogramm für übergewichtige Kinder. Franzi sah niedergeschlagen aus, als wir die Praxis verließen. Aber ich fühlte mich besser: Jetzt ging es nicht mehr um das Ideal einer überehrgeizigen Mutter, sondern um die Gesundheit unseres Kindes - das musste doch auch mein Mann begreifen.

Ich bin zur Nein-Mutter geworden. Zur Verräterin an mir und meinen Werten.

Doch der findet auch meine Politik der winzigen Schrittchen albern. Und stapelt gnadenlos weiterhin dicke Käsewulste auf sein Abendbrot, während ich mich bei Tisch mit Franzi solidarisch zurückhalte. Dafür fühle ich mich mies, wenn ich mir morgens, kaum dass sie aus dem Haus ist, ein Franzbrötchen ordentlich mit Marmelade bestreiche. Oder wenn ich mal wieder lustlos Pizza mit Vollkornmehl, fettarmem Käse und Gemüse fabriziere und versuche, Franzi den Aufstrich aus Tomatenmark oder Senf schönzureden. Wenn ich nach all den Jahren plötzlich Verzicht statt Genuss und Spaß beim Essen predige. Ich bin zur Nein-Mutter geworden. Zur Verräterin an mir und meinen Werten. Dass Franzi kaum mault, füttert mein schlechtes Gewissen noch.

Die ersten zwei Kilo weniger feierten wir mit einem Shopping-Bummel. Aber die Hose, auf die Franzi so scharf war, weil fast alle Mädchen aus der Klasse sie trugen, gab es nicht in ihrer Größe. Ich hätte heulen können, als mein Kind verzweifelt an dem unerbittlich auseinanderklaffenden Reißverschluss zerrte. Ständig zweifelt man als Mutter eines dicken Kindes. Vor allem, ob man es nicht direkt in eine Essstörung treibt. Früher hat Franzi mir Bilder mit Bauernhöfen und Pferden gemalt - vor Kurzem hat sie eine Ernährungspyramide gezeichnet. Alles dreht sich nur noch ums Essen.

Immerhin turnt sie jetzt regelmäßig in der netten Sportclique aus der Moby-Dick-Gruppe. Die reden nicht übers Abnehmen - die laufen, bleiben in Bewegung. Und, das Beste: Sie mobben nicht. Das Buch von Dara-Lynn Weiss endet damit, dass sie stolz auf ihre Tochter ist, weil sie sogar im Ferienlager, fern der strengen Mutter, brav Kalorien zählt. Ich hoffe sehr, dass unsere Geschichte ein anderes Ende findet.

Übergewicht & die Folgen

1,1 Millionen Kinder in Deutschland sind übergewichtig, weitere 800000 sogar adipös. Die Grenze ist schnell überschritten. Insgesamt gelten 15 Prozent aller Deutschen zwischen drei und 17 Jahren als zu dick. Und es werden immer mehr. Neben seelischen Leiden haben diese Kinder vor allem Gelenkprobleme und Haltungsschäden. Außerdem steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Beschwerden und Diabetes. Erwiesen ist, dass Kinder besonders in den ersten Schuljahren zunehmen. Warum das so ist, wurde noch nicht erforscht. Viele Experten fordern schon lange, Ernährung als eigenes Schulfach einzuführen. Von schnellen Diäten für Kinder raten sie ab: Die Pfunde seien meist schnell zurück, langfristig helfe nur die Umstellung des (Ess-) Verhaltens und mehr Bewegung.

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Protokoll: Caroline Kast Ein Artikel aus BRIGITTE 17/13
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