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Scheinfasten Wir machen den Selbstversuch

Scheinfasten: Schüssel mit Suppe
© Gayvoronskaya_Yana / Shutterstock
Fasten und trotzdem essen – neue Programme erlauben genau das. Und versprechen beim "Scheinfasten" dieselben Effekte wie beim Hungern. Ein Selbstversuch.

Andreas Michalsen lächelt mich vom Bildschirm an. "Heute ist ein Tag für Kreativität, der Körper hat sich jetzt vollständig umgestellt, alle Vorgänge laufen reibungslos." Mein Magen knurrt laut. Der Mann hat gut reden! Michalsen, Chefarzt am Berliner Immanuel Krankenhaus und Mitbegründer von "Salufast", begleitet mich in kleinen Videos durch sein Fastenprogramm: 15 Mahlzeiten wurden mir in einer Box zugeschickt – unter anderem Dinkel­- müsli, Linsen mit Ananas und Kürbissuppe. Puristen des kontrollierten Hungerns werden sich jetzt vermutlich an ihrer Gemüsebrühe verschlucken. Fasten? Mit Essen?

Die gleichen Resultate wie beim klassischen Fasten?

Genau das soll möglich sein, versprechen Michalsen und sein amerikanischer Kollege, der Altersforscher Valter Longo. Und zwar mit denselben positiven Effekten auf die Gesundheit wie beim traditionellen Fasten: weniger schädliches Cholesterin im Blut, sinkender Blutdruck, abnehmendes Körperfett, Anti-Aging. Wie aber kann man essen und trotzdem ähnliche Resultate erzielen wie beim klassischen Fasten? "Es gibt inzwischen einige Studien, die zeigen, dass man nicht so strikt in der Kalorienreduktion sein muss wie etwa beim Fasten nach Buchinger", erklärt Michalsen. Er verweist etwa auf eine Untersuchung aus dem Jahr 2017, bei der 50 gesunde Erwachsene drei Monate lang je fünf Tage eine Scheinfasten-Diät durchführten. Kurz nach Ende waren bei allen Teilnehmenden die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes gesunken. Valter Longo, einer der Studienautoren, hat aus seinen Erkenntnissen früh eine Geschäftsidee gemacht: ProLon, Fasten aus der Box. Knapp 200 Euro kosten die Essensrationen, die aus Fertigsuppen, abgepackten Oliven und Nussriegeln bestehen.

Bei Salufast sind es rund 120 Euro. Dafür bekomme ich für fünf Tage je drei kleine gefriergetrocknete Mahlzeiten, die mit heißem Wasser aufgegossen werden, pro Tag nimmt man damit nur 480 bis maximal 580 Kalorien zu sich.

Autophagie - Das Recyclingprogramm

Wenn man (schein-)fastet, fehlen dem Körper etwa Kohlenhydrate, die er leicht in Zucker umwandeln kann, er muss seine Energie aus anderen Quellen gewinnen. Deshalb beginnt die Leber, Fette in sogenannte Ketonkörper umzuwandeln und an Hirn, Muskeln und Organe zu liefern. Obwohl das System in Stress gerät, schadet diese Art der Versorgung ihm nicht, im Gegenteil: Weil der Stoffwechsel alle Reserven mobilisiert, werden verstärkt beschädigte Zellen gereinigt oder abgebaut. "Autophagie" nennt sich dieses Recycling­programm unseres Körpers, das durch Fasten befeuert wird. Es stärkt unter anderem das Immunsystem und senkt wahrscheinlich auch das Krebs- und Demenzrisiko.

Ganz ohne Nebenwirkungen läuft diese Umstellung des Stoffwechsels aber leider nicht ab. Nachdem ich noch hochgestimmt in den ersten Tag gestartet bin, setzen bereits nachmittags die ersten angekündigten Begleiterscheinungen ein: Mir ist kalt, schwindelig und ich habe Kopfschmerzen. Und so wird es leider auch in den nächsten vier Tagen bleiben. Keine Fasten-Euphorie, nirgends. Vielleicht liegt es ja gemeinerweise daran, dass ich mich vorher schon gesund ernährt habe und eher schlank bin. Schon 2006 hat Michalsen in einer Studie gezeigt, dass vor allem Menschen mit einem BMI über 25 beim Fasten gute Laune bekommen.

Der oxidative Stress sinkt, der Blutdruck geht runter. Aber wie soll all das funktionieren, wenn Sie lediglich fünf Tage weniger essen?

Françoise Wilhelmi de Toledo bewertet das Problem etwas anders. Sie sitzt im Vorstand der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung und leitet die Forschungsabteilung der Fastenklinik Buchinger Wilhelmi am Bodensee. Longos Scheinfasten oder Michalsens Salufast-Programm findet sie zu kurz gedacht: "Unsere Studien zeigen, dass sich beim klassischen Fasten fantastische Effekte einstellen: Der oxidative Stress sinkt, der Blutdruck geht runter. Aber wie soll all das funktionieren, wenn Sie lediglich fünf Tage weniger essen?" So wundert sich die Fastenärztin auch kein bisschen über meinen Durchhänger: "Ihnen fehlt das völlige Umschalten von Stoffwechsel, Ver­dauungstrakt und Bewusstsein." Für Wilhelmi de Toledo sind die neuen Programme Diäten, kein Fasten.

Nun muss man fairerweise sagen, dass ein Besuch in der Klinik am Bodensee mehrere Tausend Euro kostet. Genau dort setzt auch Andreas Michalsen an. "Wer die finanziellen Möglichkeiten hat, soll gerne zwei Wochen in eine Fastenklinik gehen. Aber was ist mit allen anderen?" Er gesteht dem klassischen Heilfasten sogar zu, vermutlich etwas besser zu wirken. "Wenn ich aber mit einer anderen Methode, die günstiger und alltagstauglicher ist, über 80 Prozent der Effekte erziele und weniger Nebenwirkungen habe, ist das dann nicht trotzdem sinnvoll?"

Auf die lange Sicht kommt es an

Wichtiger scheint ohnehin zu sein, wie man sich langfristig verhält. "Die Ergebnisse von begrenztem Fasten sind nur eine Momentaufnahme", erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Christina Holzapfel von der TU München. Klar, dass sich kurzfristig das Blutprofilverbessere –"aber was ist mit den langfristigen Werten?" Fastenprogramme gäben zwar eine klare Struktur vor und könnten der Einstieg in eine gesündere Ernährung sein. Entscheidend sei aber etwas anderes: Wie man sich nach dem Fasten ernährt.

So empfiehlt auch Andreas Michalsen nach dem Salufast-Programm Intervallfasten – also 14- bis 16-stündige Essenspausen täglich. Denn so praktisch das Scheinfasten aus der Box auch sein mag: Danach kommen 360 Tage Alltag. 

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BRIGITTE 09/2021

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