Fettleber: Wenn die Leber ein Figurproblem hat

Sie tut nicht weh und trifft selbst schlanke Menschen: Die sogenannte Fettleber gilt als neue Volkskrankheit – und ist trotzdem vielen unbekannt.

Bekommt eine Fettleber nicht nur, wer zu viel Alkohol trinkt?

Nein, Alkoholmissbrauch
 ist nur einer der möglichen Gründe dafür, dass
 das Organ aus dem Gleichgewicht gerät und Fett einlagert. Bei der sogenannten "nicht-alkoholischen 
Fettleber", kurz NAFLD
 (das "D" steht für das englische Wort "disease", also
 Krankheit) liegt die Ursache dagegen in einer Entgleisung des Stoffwechsels, meist ausgelöst durch 
falsche Ernährung und zu 
wenig Bewegung.

Blähungen, Gas

Die
 Leber sorgt nämlich nicht 
nur für die Entgiftung des 
Blutes – und damit für
 den Alkoholabbau –, sondern auch dafür, dass stets
 alle benötigten Nährstoffe 
für die Zellen bereitstehen. Deswegen hat sie immer eine kleine Menge Fett vorrätig. Bei zu üppiger Ernährung kann jedoch eine Kettenreaktion in Gang kommen, die übermäßig viel Fett einlagern lässt. Von einer Verfettung des Organs spricht man, wenn mehr als fünf Prozent der Leberzellen sichtbar Fett eingelagert haben. Bei einer echten Fettleber gilt dies sogar für mindestens die Hälfte aller Zellen.

Was sind die Folgen einer Fettleber?

Die Leber kann sich entzünden. Wird diese Reaktion nicht gebremst, vernarbt das Gewebe – man nennt das Fibrose, später Zirrhose –, und es können sich Tumore entwickeln. Doch selbst wenn das nicht geschieht: Eine zirrhotische Leber kann ihre Aufgaben irgendwann nicht mehr wahrnehmen, sodass eine Transplantation nötig wird. Und eine Leberverfettung bringt das Leben noch auf andere Weise in Gefahr: "Die Fettüberlastung des Organs erhöht drastisch das Risiko für Diabetes, Infarkte und Schlaganfälle", sagt Dr. Nicolai Worm, Ernährungswissenschaftler und Autor des Buches "Volkskrankheit Fettleber".

Trifft das Problem nur Übergewichtige?

Durchaus nicht! Wer zu viel wiegt, hat zwar ein deutlich höheres Risiko (vor allem, wenn jemand sehr schnell Gewicht zulegt), aber auch rund 15 Prozent der Schlanken haben eine Fettleber. Forscher nennen sie Tofis ("thin outside, fat inside" – also außen dünn, innen fett). "Manche Menschen können viel Fett genau dort parken, wo es hingehört, nämlich unter der Haut", sagt Worm. Das verursacht zwar unschöne Speckrollen, scheint aber besser für Leber und Stoffwechsel zu sein: Bei diesen Menschen sind mitunter trotz Übergewicht alle relevanten Blutwerte im grünen Bereich.

Kann der Körper das Fett nicht gut in der Unterhaut speichern, lagert es sich jedoch in anderen Geweben ab. Nicolai Worm: "Zuerst landet dieses 'verirrte' Fett vor allem in der Leber, später sind auch fast alle anderen Organe des Körpers betroffen." So kann es an den Gefäßen Entzündungen auslösen, die zu Arteriosklerose führen und damit das Risiko für Infarkt oder Schlaganfall erhöhen. Aber auch andere Erkrankungen werden mit der inneren Verfettung in Verbindung gebracht, wie etwa das Polyzystische Ovar-Syndrom und Alzheimer.

Sollte man also lieber möglichst fettarm essen?


Nein. Auch wenn es widersprüchlich klingt: Für die Verfettung der Leber ist vor allem ein Übermaß an Kohlenhydraten verantwortlich. Und zwar auf diesem Weg: Normalerweise gehen nach einer Mahlzeit alle verwertbaren Kohlenhydrate als Glukose-Moleküle ins Blut über und werden dann mithilfe des Hormons Insulin in die Zellen geschleust, wo sie entweder gleich für den Energiebedarf genutzt oder in Leber- und Muskelzellen gelagert werden.

Doch nur in begrenztem Ausmaß, denn eigentlich sollte Glukose lediglich eine Art "Supersprit" für kurze, intensive Anstrengungen sein. Wenn es diese in einem eher bequemen Leben nicht gibt und noch dazu reichlich Kohlenhydrate verzehrt werden, sind die Speicher in der Regel üppig gefüllt. Dadurch werden die Muskelzellen unempfindlicher für Insulin – sie halten sozusagen die Tür zu. Diese Stoffwechsellage wird Insulinresistenz genannt.

Man merkt davon nichts, weil der Körper zunächst einfach mehr Insulin ausschüttet, um die Glukose trotzdem aus dem Blut in die Zellen zu zwingen.

Eine Studie der Yale University hat inzwischen gezeigt, wo der Blutzucker dann landet: Er wird in der Leber zu Fett umgebaut, das dort dann gelagert oder mit dem Blut in andere Gewebe transportiert wird. Mit fortschreitender Verfettung von Leber und Bauchspeicheldrüse werden dann auch diese Organe insulinresistent, der Zuckerstoffwechsel entgleist immer mehr, sodass irgendwann selbst übergroße Insulinmengen nicht mehr ausreichen, um die Glukose nach einer Mahlzeit aus dem Blut zu schaffen. Diesen Zustand nennt man Diabetes.

Wie macht sich eine Fettleber bemerkbar?


Erst einmal kaum. Denn da die Leber keinen Schmerz empfindet, treten meist erst Beschwerden auf, wenn sie bleibend geschädigt ist. Bei heftigen Koliken in diesem Bereich handelt es sich um wandernde Gallensteine. Eine Fettleber macht sich allenfalls dann bemerkbar – zum Beispiel durch ein Druckgefühl im Oberbauch –, wenn sie bereits stark vergrößert ist. Lange vorher spüren Betroffene häufig große Müdigkeit; aber dieses unspezifische Symptom bringt kaum jemanden auf die richtige Spur. Viele sind also erkrankt, ohne es zu wissen. Laut einer Hochrechnung der Universität Greifswald haben bereits 42,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland eine krankhaft verfettete Leber.

Und woher weiß ich dann, ob ich selbst betroffen bin?


"Eine Fettleber lässt sich erst spät auf Ultraschallbildern entdecken, nämlich wenn deutlich mehr als zehn Prozent der Zellen Fett eingelagert haben", sagt Worm. Derzeit kommt man der Leberverfettung am einfachsten mit dem sogenannten Fatty-Liver-Index (FLI) auf die Spur. Ihren eigenen Wert können Sie sich auf vielen Internetseiten ausrechnen lassen (z. B. www.leberfasten.de) – und zwar aus Body-Mass-Index (BMI), Bauchumfang und den Blutwerten für das Leberenzym Gamma-Glutamyl-Transferase (GGT) und die Triglyceride (freie Fette), die bei vielen Routineuntersuchungen ohnehin erhoben werden.

Je weiter der FLI über 30 liegt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fettleber vorliegt. Mit weiteren Labortests kann Ihr Arzt dann ermitteln, wie sehr der Stoffwechsel bereits entgleist ist.

Kann ich einer Fettleber gegensteuern?

Auf jeden Fall, denn die Leber kann wieder genesen und der Stoffwechsel sich normalisieren, wenn man abnimmt. Es gibt aber auch einen schnelleren Weg, die Leber effektiv zu entfetten: Fasten. "Der Schlüssel liegt in einer drastisch gesenkten Energiezufuhr", sagt Nicolai Worm. Probanden der University of Newcastle – alle waren Diabetiker –, die täglich 800 Kalorien in Form von Pulver-Shakes, Gemüse und etwas Dip zu sich nahmen, verloren schon in der ersten Woche 30 Prozent des Leberfettes, und sofort besserten sich Blutzucker- und Blutfettwerte. Nach Ansicht von Ernährungswissenschaftler Worm sollten die täglich erlaubten Kalorien möglichst wenig Kohlenhydrate enthalten, aber mehr Proteine als beim klassischen Heilfasten mit Süppchen und Säften: "Sonst wird zu viel Muskelmasse abgebaut."

Bei starkem Übergewicht reicht einmal zwei Wochen Fasten allerdings meist nicht, um die Zellen wieder empfindlich gegenüber Insulin zu machen und den Stoffwechsel zurück in die Spur zu bringen. Dann hilft nur, das zu verändern, was die Leberverfettung verursacht hat: den Lebensstil aus zu wenig Bewegung und zu vielen Kohlenhydraten. 

Das hält die Leber schlank

Drei Tipps, um vorzubeugen:

  • Entspannung fördern: Stresshor­mone fachen Entzündungsprozesse im Körper an, und die beeinflussen den Zuckerstoffwechsel negativ.
  • Muskeln aufbauen: Selbst bei Menschen, die bereits eine Insulin­resistenz haben, verbessert jede sportliche Einheit die aktuelle Stoff­wechsellage, und der Effekt hält jeweils für den Rest des Tages an. Besonders vorteilhaft ist dabei Kraft­training, denn gut entwickelte Muskeln können mehr Blutzucker speichern und verbrauchen zudem bei jeder Aktivität mehr Energie.
  • Insulinbedarf senken: Iss' weniger leicht verdauliche Kohlenhydrate (Getreideprodukte, Süßes) und dehnen die Pause zwischen Abendessen und Frühstück so weit wie möglich aus. Dadurch verschaffst du deinem Körper in der Nacht eine heilsame Mini­-Fastenzeit.
BRIGITTE 6 / 2018

Wer hier schreibt:

Kirsten Segler
Themen in diesem Artikel
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