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Die Lieblingssünde: nachts essen

Die Lieblingssünde: nachts essen
© Evgeny Atamanenko/Shutterstock
Nachts geht man tanzen, schläft oder hat vielleicht sogar Sex. Till Raether hat da noch ganz andere Ideen und begeht: die Lieblingssünde

Nachts essen wird, soweit ich das überblicke, weder von Abnehmexpertinnen noch von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen. Diät-Pläne zum Beispiel sehen zwar neben Frühstück, Mittag- und Abendessen auch die eine oder andere "Zwischenmahlzeit" vor, aber irgendwie weiß man, ohne dass es ausgesprochen werden müsste: Es wäre nicht im Sinne der Erfinder, eine oder mehrere dieser Zwischenmahlzeiten zwischen 23 Uhr abends und 5 Uhr morgens zu sich zu nehmen, im Stehen, vor der offenen Kühlschranktür.

Auch im Freundes- und Familienkreis wird die Vorliebe, nachts zu essen, totgeschwiegen oder grundsätzlich nicht okay gefunden. Schwer vorstellbare Dialoge: "Und, hast du gut geschlafen?" - "Nein, ich habe gegessen." Oder: "Schatz, schläfst du schon?" - "Nein, ich esse noch."

Schade, denn es gibt viele gute Gründe, nachts zu essen

Erstens: aus Spaß. Man kann nicht schlafen, die Nacht erstreckt sich vor einem wie ein dunkler, ereignisloser Korridor. In dieser Situation macht es einfach Freude, der Nacht in Form eines gerösteten Honigmüslis mit Vanillejoghurt oder in Form einer Tafel Vollnuss-Schokolade noch ein schönes Ereignis abzuringen; besser jedenfalls, als im Fernsehen Bowling-Weltmeisterschaften oder Monster-Trucks anzuschauen.

Zweitens: zum Trost. Wir haben alle planmäßigen Mahlzeiten während des Tages verzehrt, meinetwegen einschließlich der vorgeschriebenen fünf Einheiten Obst und Gemüse, von Hunger kann also keine Rede sein. Aber der Tag war, ganz für sich betrachtet, beschissen. Wir sind spät von der Arbeit gekommen oder von einer verunglückten Verabredung, und jetzt gibt es nichts Besseres, als allein, im Stillen, ganz bei sich den längst verstrichenen Tag doch noch rumzureißen mit einem schönen Teller frisch gekochter Trostnudeln.

Drittens: einfach nur so. Wir sind erwachsen, niemand kann uns mehr ohne Nachtisch ins Bett schicken. Im Gegenteil, wir können das Bett zu jedem beliebigen Zeitpunkt verlassen und Nachtisch, Vorspeise, Hauptgang, eine Tüte M&M's, die Reste kalt direkt aus der Tupperdose, den Kuchen für morgen Nachmittag oder alles davon in beliebiger Reihenfolge essen. Warum also nicht?

Genau das macht es so unwiderstehlich

Gut, hungrig sind wir nachts im Allgemeinen nicht. Und eigentlich sollen wir ja schlafen. Aber genau das macht das Essen, wenn andere schlafen, so unwiderstehlich: Nachts hat man die Augen zu, Sex oder Schicht oder Kinder, die nicht durchschlafen, alles andere ist eine prickelnde Grenzüberschreitung, ein Zeichen von fröhlichem Kontrollverlust.

Nachts essen ist ein unerschöpfliches Thema: der überflüssige Döner morgens um halb drei beim Warten auf den Nachtbus; die völlig in Vergessenheit geratene kulturelle Errungenschaft des "Betthupferls"; der Besuch von weit entfernt, den man ganz, ganz spät begrüßt mit den Worten "Ihr habt doch bestimmt Hunger!", und alle freuen sich, und man redet und isst, bis die Vögel in den Bäumen vor dem Fenster zwitschern.

Unschlagbar aber ist nachts eine Käsestulle. Das Brot muss schon ein bisschen hart sein und der Käse zu dick geschnitten. Die Stulle mit ins Bett nehmen und dort essen. Im Dunkeln. Und anschließend nicht noch einmal aufstehen, um sich die Zähne zu putzen. Zwar gilt hier die alte, mir von Oma Käthe überlieferte Spruchweisheit: "Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht, wie Krümel piken."

Aber: Eine Sünde wäre keine Sünde, wenn man nicht auch einen kleinen Preis dafür bezahlen müsste.

Text: Till Raether

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