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Besser als Joggen Yoga gegen das Älterwerden

Besser als Joggen: Frau in Yoga Position
© massimo colombo / Getty Images
Hilft Yoga gegen Altwerden? Yogalehrerin Lilla Wuttich beantwortet diese Frage klar mit Ja. Erstaunlich, was die Bewegungsabfolgen mit unserer Beweglichkeit, unseren Faszien, der Muskulatur und unserem Geist machen

 BRIGITTE WOMAN: Wenn wir darüber sprechen, ob Yoga gegen Altwerden hilft, müssen wir als Erstes klären: Was unterscheidet denn den älteren Körper vom jüngeren?

Lilla Wuttich: Der Flüssigkeitsgehalt spielt eine große Rolle. Unser Körper verliert mit den Jahren – unter anderem – an Flüssigkeit. Dieser Verlust findet vor allem in den Faszien statt, also in den Bindegewebsstrukturen, die die Muskeln umhüllen. Dort, und nicht im Blutkreislauf, wie viele denken, haben wir am meisten Wasser. Es wird durch das Hyaluron im Kollagen der Faszien gebunden. Und Yoga bewegt diese Flüssigkeit: Muskeln werden aktiviert, Knorpel und Bandscheiben werden ausgepresst. Was unglaublich positiv ist, denn danach saugen sie sich mit nährstoffreicher Flüssigkeit voll. So werden auch die Körperstrukturen umfassend versorgt, bei denen das nicht die Blutgefäße erledigen. Und eine gute Flüssigkeitsversorgung ist immer zugleich ein Jungbrunnen.

Wenn ich an Yoga denke, dann an Haltungen, in denen man um sein Gleichgewicht ringt. Welche Rolle spielt das beim Jungbleiben?

Im Laufe des Lebens werden wir ungelenker und steifer. Das hat auch mit einem nachlassenden Gleichgewichtssinn zu tun, den wir im Yoga trainieren. Auch die vielen dehnenden Momente sorgen dafür, dass wir auf längere Sicht geschmeidiger bleiben können. Diese Geschmeidigkeit schützt uns, vor allem in Momenten, in denen der Körper blitzschnell reagieren muss, also etwa, wenn wir stolpern. Dann sind wir anpassungsfähiger, können unsere Kraft besser einsetzen, um nicht zu stürzen.

Komplizierte Bewegungsabfolgen fallen vielen schwer.

Ja, denn die Entwicklung der Koordination ist etwa mit dem zwölften Lebensjahr abgeschlossen. Danach muss das Gehirn immer erst mal ausmisten, um Koordination zu lernen. Also Verknüpfungen von Nervennetzen auflösen, damit wir Neues reinpacken und neu verbinden können. Je mehr Bewegungserfahrungen wir im Laufe des Lebens gesammelt haben, also je mehr wir uns bewegt haben, vor allem auch koordinativ anspruchsvoll, auf umso mehr Erfahrungen können wir zurückgreifen. Dann fällt der ganze Prozess leichter.

Welche Rolle spielt die Muskulatur?

Wenn man beispielsweise einen Sonnengruß turnt oder Yogapositionen länger hält, hat man immer auch den Aspekt der Kräftigung dabei. Und Kraft ist eine Art Reserve. Etwa dafür, dass ich mich gut bewegen oder mich gut abfangen kann. Muskeln sind aber auch eine Reserve an Stoffwechselmasse. In der Muskulatur finden viele Stoffwechselprozesse statt. Wir verbrennen Kalorien. Wenn wir in einer Yogahaltung eine Dehnung spüren, dann zieht an dieser Stelle das Kollagen, das aufgespannt ist, um die Muskelfaser vor Beschädigung zu schützen. In dem Moment, wo die Dehnung nachlässt, fließt neue Flüssigkeit in die Faszien. Und dann haben wir wieder die bessere Versorgung und die Erfrischung der Strukturen.

Kann Yoga in puncto Jungbleiben deswegen mehr als, sagen wir mal, Joggen?

Ja. Und auch, weil es die Beweglichkeit verbessert. Wenn man Joggen betrachtet, hat man oft das Problem, dass zum Beispiel die Wadenmuskulatur verkürzt.

Für wen ist Yoga nicht geeignet?

Wenn jemand einen grünen Star hat, also der Augeninnendruck erhöht ist, sind Übungen mit dem Kopf nach unten wie der "herabschauende Hund" ungeeignet. Auch wenn ein Blutdruckproblem besteht, das nicht kontrollierbar ist, kann es sein, dass Yoga in der klassischen Form ungünstig ist. Aber ich kann die Bewegungen ja sehr gut anpassen. Da ist dann die Frage: Was ist Yoga? Und für mich ist Yoga alles, was mit der Absicht geschieht, präsent zu sein und zu beobachten. Was also mit Achtsamkeit ausgeführt wird. Wenn ich meinen Arm nach oben hebe, kann ich das ganz mechanisch tun. Oder ich mache das wirklich mit einer Genauigkeit, fühle in den Arm hinein. Wie fühlt sich das an? Welche Muskeln werden beansprucht? Wo kann ich fühlen, dass es eine Bewegungseinschränkung gibt? Und schon ist es Yoga.

Und da spürt man, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Genau, damit kann ich meinen Körper erforschen. Oft gewinnt man dabei übrigens Erkenntnisse, die viel größerer Natur sind als "Hier zwickt es". Auch weil Yoga eben nicht nur aus den körperlichen Bewegungen besteht. Atemübungen gehören genauso zum Yoga und Meditation. Wir bekommen also Handwerkszeug, mit dem wir unseren Stress besser bewältigen können. Und Stress ist der Hauptfaktor des Alterns. Er aktiviert Gene, die uns altern lassen.

Stress?

Richtig. Wie schnell wir altern, ist nur zu zehn bis 15 Prozent genetisch bedingt, heißt es. Es gibt Menschen, die ein unglaublich traumatisches Erlebnis hatten und danach innerhalb kürzester Zeit wirklich altern, als hätten sie fünf oder zehn Jahre ausgelassen, in rasantem Tempo. Das ist die Wirkung von Stress. Deswegen ist Meditation auch so hilfreich, weil das eine Methode ist, mit der wir unser Nervensystem runterfahren und umschalten können: vom Sympathikus – dem Anteil, bei dem wir powern und in Action sind – auf den Parasympathikus oder Vagusnerv, der für Erholung und Regeneration zuständig ist.

Und das gelingt mit Yoga?

Vor allem durch die meditativen und Atemanteile daran. Über den Atem haben wir direkten Zugriff auf unser vegetatives Nervensystem, das sonst unbewusst gesteuert wird. Wir können uns sagen: Ich atme jetzt ganz ruhig und langsam ein und aus, und darüber polt sich unser Nervensystem vom Sympathikus auf den Parasympathikus um. Wenn wir uns aber sagen: Jetzt lass ich mal mein Herz langsamer schlagen! Oder: Jetzt habe ich mal einen niedrigeren Blutdruck! Dann funktioniert das nicht. Atmen, das können wir alle. Solange wir leben, können wir atmen.

Sollte eine 50-jährige Frau vor ihrem ersten Yogakurs zum:r Ärzt:in gehen? Oder kann sie einfach im Internet ein Video aufrufen und anfangen?

Schwierige Frage. Ich bin 55, fühle mich topfit und habe nicht das Gefühl, einen Arzt um Erlaubnis bitten zu müssen, ob ich jetzt joggen gehen, Yoga machen oder zum Crossfit gehen kann. Aber wenn man zum Beispiel unter Rückenbeschwerden leidet oder vielleicht schon einen Herzinfarkt hatte, dann würde ich mich absichern. Ich persönlich glaube, dass man am besten aufgehoben ist im persönlichen Kontakt mit einer Yogalehrerin oder einem Yogalehrer. Wenn man in die Geschichte des Yoga schaut, ist Yoga lange genau das gewesen: Lernen vom Guru. Das Gurugehabe, das können wir gern ablegen. Aber das Wissen vermittelt zu bekommen im direkten Austausch, in Anpassung an meine Person, das ist nach meinem Empfinden sehr wichtig. Und viele Yogalehrerinnen und -lehrer sind sehr, sehr bemüht, auf dem Gebiet dazuzulernen und das wirklich gut zu machen.

Für Frauen um die 50 wird oft Hormon-Yoga angeboten. Was kann es?

Hormon-Yoga ist ein Gemisch aus Yogastellungen, kombiniert mit einer sehr intensiven Atemform und Energielenkung. Es heißt, dass man darüber Zugriff hätte auf die Hormondrüsen, also etwa die Hirnanhangsdrüse, die Schilddrüse oder die Eierstöcke, wo Östrogen entsteht. Diese These finde ich ein bisschen schwierig.

Warum?

Yoga ist superwertvoll, aber es ist kein Allheilmittel. Hormonregulation findet unglaublich fein abgestimmt in den unterschiedlichen Hormonsystemen statt, in der Stoffwechselsituation, die individuell gegeben ist. Und wenn wir da einen direkten Zugriff auf die Hormondrüsen hätten, würden wir uns permanent komplett durcheinanderbringen und nicht mehr funktionieren. Der Körper ist immer darauf aus, ein hormonelles Gleichgewicht herzustellen. Darauf können wir nicht zugreifen. Und das ist auch gut so. Dennoch kann Hormon-Yoga ganz erstaunliche Wirkungen hervorbringen. Ich habe von vielen Frauen gehört, dass sie ihren Kinderwunsch erfüllen konnten oder ihre Wechseljahresbeschwerden in den Griff bekommen haben. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man die Hormone direkt beeinflusst. Sondern damit, dass der Körper durch die Reize aus Bewegung, Atmung und Energie Lenkung überhaupt wieder regulationsfähig wird.

Warum war er das denn vorher nicht? Einfach, weil er aus dem Tritt war?

Genau. Das passiert oft durch Stress. Oder weil wir unsere Bedürfnisse übergehen. Weil unser Tag-Nacht-Rhythmus durcheinandergeraten ist, weil wir nicht regelmäßig und gut schlafen. Wenn das wieder ins Lot kommt, kann sich viel verändern.

Also abschließend gefragt: Hilft Yoga gegen Altwerden? Ja oder nein?

Wenn ich nur ein Wort habe, sage ich Ja. Eindeutig sogar. Yoga wird natürlich nicht verhindern, dass der Körper sich verändert über die Jahre. Aber es kann dafür sorgen, dass wir einfach langsamer altern und dass dieses Altern lebenswerter stattfindet. Auch weil wir irgendwann im Leben auf spirituelle Suche gehen. Wir möchten wissen: Wo kommen wir her? Was machen wir hier auf dieser Erde? Die Religion kann vielen diesen spirituellen Halt nicht mehr geben. Yoga als ein ganzheitliches System mit einem philosophischen Hintergrund kann da eine gute Hilfestellung sein, diese Fragen für sich zu beantworten. Damit werden wir zufriedener mit unserem Leben und uns selbst und können die Dinge besser annehmen.

Danke für dieses schöne Schlusswort.

Dieses Interview entstand im Rahmen des BRIGITTE WOMAN-Podcasts MENO AN MICH. Darin sprechen unsere Medizinredakteurin Diana Helfrich und Podcasterin Julia Schmidt-Jortzig jede Woche mit spannenden Frauen über Fragen, die Frauen mitten im Leben stellen. Hier könnt ihr direkt reinhören.

Brigitte

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