Bogenschießen: Eine Frage der Ruhe

Wer beim Stichwort Bogenschießen an wilde Amazonen und Kriegsgeschrei denkt, irrt gründlich. Für diesen Sport braucht man vor allem zwei Dinge: viel Ruhe und Konzentration.

Traditionssport mit Legenden-Faktor: Beim Bogenschießen kommen mir als erstes die Amazonen in den Sinn, jene wilden, männerlosen Frauen, die dem Mythos nach Kriegshelden wie Achilles mit ihren Bogenschuss-Künsten das Leben schwer machten.

Im "Outdoorcenter Baumgarten", ein paar Kilometer außerhalb Bad Reichenhalls am Fuße des Predigtstuhls gelegen, geht's allerdings prosaischer zu. Profi-Schützin und Lehrerin Sabrina verteilt wenig elegante, weiße Kunststoff-Bögen an uns. Geschossen wird auf eine Strohwand, vor der hässliche, plastikummantelte Strohsäcke, ausgeblichene Zielscheiben und eine durchlöcherte Hirschattrappe montiert sind. Immerhin: Wir ziehen uns dreifingrige Handschuhe aus Leder über, als Schutz für die Hand, mit der die Bogensehne bedient wird, und auch der Schutzgurt für den Arm, der den Bogen hält, ist aus Leder. Kaum habe ich die ledernen Accessoires übergestreift, spüre ich ein kleines bisschen Jagdfieber.

Amazonen in Position

Sabrina zeigt uns, wie man den Bogen hält, den Pfeil anlegt, das Ziel anvisiert und die Sehne korrekt spannt und loslässt. "Beide Augen auf! Füße in Snowboard-Stellung! Ellenbogen hoch! Und die Sehne gaanz weit spannen!", kommandiert sie. Die ersten Schüsse sind noch ziemlich unkoordiniert, denn die schweren Bögen sind gar nicht so einfach zu handhaben. Nicht jede von uns hat genug Kraft, um die Sehne bis zum Anschlag spannen, dabei das Ziel anvisieren und den Bogen ruhig halten zu können. Schnell greift die Schießlust unter uns Neu-Amazonen um sich, und die wenigen Dutzend Pfeile sind schnell vergriffen und müssen in immer kürzeren Abständen eingesammelt werden. Trotz Erfolgserlebnissen bleiben wir sachlich, keine vergeudet nutzlos Energie für maskulines Imponiergehabe oder gar Triumphgeschrei. Kriegen Scheibe oder Sack einen Treffer ab, erkundigt sich die erfolgreiche Schützin lieber bei Sabrina, wie sie es noch besser machen kann.

Derartige Zielorientierung ist auch ratsam, denn als nächstes sollen wir beweisen, was wir gelernt haben. Wir begeben uns in den Bogen-Parcours, der direkt hinter dem Outdoor-Center angelegt ist, wo wir auf im Wald versteckte Tiere schießen. Natürlich allesamt dankbare Objekte aus Spezialschaum. Jede von uns hat maximal drei Schuss pro Opfer. Das erste ist ein Hirsch, der es sich auf dem Waldboden gemütlich gemacht hat.

Das Beweisbild: Mein Pfeil steckt im Geweih!

Ich schieße als letzte. Nur zwei meiner "Konkurrentinnen" konnten vor mir einen Pfeil im geduldigen Körper des Tiers versenken. Mein erster Pfeil scheint fehlzugehen. Er wird aber - o Diana, Göttin der Jagd - von einem Baum direkt neben dem Hirsch umgelenkt und landet in dessen Geweih. Der Clou dabei: Vorher hatte ich gewitzelt, ich wolle den Hirsch genau in der Geweihspitze treffen. Und da steckt nun mein Pfeil.

Nach diesem Glückstreffer ist es vorbei mit meiner Konzentration. Das nächste Tier im Parcours, ein einsamer Wolf, wird von fast allen erlegt, nur von mir nicht. Trotzdem, der Titel "Top-Amazone des Nachmittags" ist mein, davon bin ich insgeheim überzeugt. Und lächle über die naive Idee, Frauen ginge es beim Sport mehr um den Spaßfaktor, und weniger ums Gewinnen...

Fazit

Das Surren der Sehne im Ohr, dem eigenen Pfeil hinterher blicken - Bogenschießen ist ein Sport für Frauen, die sich mit dem Satz "in der Ruhe liegt die Kraft" identifizieren können. Wer ein bisschen Armkraft und eine gute Portion Konzentrationsfähigkeit mitbringt, wird rasch mit Erfolgserlebnissen belohnt - eine feine Sache, auch wenn es heut zu Tage nicht mehr darum geht, Wild oder wilde Männer zur Strecke zu bringen.

Text: Wiebke Peters Fotos: Ralph Winter, Eva Lang, Wiebke Peters Organisation: women outdoors
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