Selbstoptimierung: Der vermessene Körper

Heute schon Schritte gezählt oder per Smartphone eine Bewertung über die psychische Verfassung abgegeben? Selbstoptimierung - der neue Trend.

Merle Wuttke testete Geräte, die den Körper optimieren sollen

Ich habe eine Beule. Seit der vergangenen Nacht wölbt sich eine 50-Cent große Delle auf meiner Stirn. Leuchtet rot wie eine Kirsche an ihren besten Tagen. Ich rubble, drücke, aber – nichts passiert, die Beule bleibt. Schöner Mist. Das habe ich diesen Sensoren zu verdanken, die anhand meiner Hirnströme meinen Schlaf analysieren sollen. Zum Glück trage ich Pony, aber während ich mir die Haare föhne, denke ich: "Geht das wieder weg? Wird das schlimmer? Werde ich zur Mensch-Maschine?" Kann doch sein, dass man vor lauter Technik, Datensammlungen und Aufzeichnungen zum Androiden mutiert.

Ich vermesse mich nämlich gerade selbst. Das heißt, Geräte zeichnen jeden Tag auf, wie viel und wie ich geschlafen habe, wie viele Schritte oder Treppen ich gelaufen bin, wie viele Kalorien ich dabei verbraucht habe, wie hoch mein Körperfettanteil ist, wie oft ich mein Essen kaue, was ich esse, ob ich gut, schlecht gelaunt oder gestresst bin – also eigentlich fast alles, außer Stuhlgang oder Geschlechtsverkehr. Obwohl man natürlich auch das messen könnte – wenn man wollte.

"Quantified Self" nennt sich das Ganze. In den USA gibt es dazu eine richtige Bewegung, ihre Begründer sind die Journalisten Gary Wolf und Kevin Kelly, die 2007 dazu eine Internetseite ins Leben riefen. In Deutschland kommt die Sache erst seit einiger Zeit in Fahrt. Manche Menschen betreiben Selbstvermessung beim Sport und zeichnen ihre Leistungen im Training auf, um sich zu verbessern. Für andere ist dagegen die genaue Beobachtung der Körperfunktionen und der Psyche ein richtiger Lebensstil. Sie meinen, je mehr sie über ihre Körper wissen, desto gesünder, ausgeglichener, fitter können sie leben. Kritiker sehen darin eher einen weiteren Beweis für unseren zwanghaften Wahn zur Selbstoptimierung, und für Pharmakonzerne oder Fitness-Unternehmen sind die Daten der QS-Anhänger nichts weiter als – eine Goldgrube. Denn die persönlichen Werte, die man über Facebook, die jeweilige Website eines Geräte-Herstellers oder eine App meistens direkt ins Netz einspeist, dürfen von Herstellern und Entwicklern für Forschungszwecke genutzt werden – zumindest wenn man ihre Produkte nutzt; und die Hamburger Gruppe der QS-Bewegung schreibt sogar ganz offen auf ihrer Seite, dass "Anwender und Unternehmen, die sich für die Nutzung persönlicher Daten interessieren, herzlich willkommen sind." Interessant.

Nach ein paar Tagen Selbstvermessung lautet meine erste Erkenntnis aber zunächst: Mehr über sich selbst zu erfahren ist ein Haufen Arbeit. Jedenfalls für jemanden wie mich, die Job und Alltag am Laufen, drei Kinder sowie sich selbst bei Laune zu halten hat. Ständig wische ich auf dem Smartphone herum, checke meinen Leistungsstand oder versuche dank der App "80 Bites" täglich mindestens 80 Mal zu kauen. Wenn der Dank für diese Arbeit dann eine Beule auf der Stirn ist, gerät das mit der guten Laune schnell zur Herausforderung.

Meine Schlafüberwachung übernimmt ab heute jedenfalls ein anderes Gerät: der ZEO Sleep Coach. Das Teil, das aussieht wie ein Radiowecker, steht seit ein paar Tagen neben meinem Bett. Dazu gehört ein Stirnband, das man vor dem Schlafen gehen anlegt – am besten in völliger Dunkelheit, denn sexy ist was anderes. Die Sensoren zeichnen Schlaf- und Wachphasen auf. Legt man am nächsten Tag das Band zum Laden auf die Station, werden die Daten an das Gerät übertragen und man sieht sofort, ob man schlaftechnisch zur Elite oder zu den Minderleistern gehört.

Ich ahnte es schon, ich schneide nicht gut ab. Für eine schlechte, und somit leider typische Nacht, bekomme ich einen Schlafquotienten von 67 zugewiesen, was angeblich dem Durchschnittswert einer 50jährigen entspricht – ich bin 37. Mein Schlafcoach zeigt mir außerdem: Insgesamt lag ich sechs Stunden und 42 Minuten im Bett – geschlagene 56 Minuten davon wach – und nur läppische 55 Minuten verbrachte ich im echten Tiefschlaf! Klingt bitter? Klingt nicht nur so. Die Frage ist, was ich mit dem Ergebnis anfange. Bett umstellen? Heiße Honigmilch trinken? Die Kinder abschaffen? Tja, es ist wie immer: Was helfen würde, bekommt bzw. will man nicht. Die App zum ZEO Sleep Coach gibt Tipps, wie man die Schlafqualität verbessern kann, z.B. zu einem anderen Zeitpunkt ins Bett gehen, kein Fernsehen gucken. Hm, so neu ist das nicht. Da meine Laune nur schlechter wird, wenn ich zu viel über meinen Schlaf nachdenke, steige ich – wie – jetzt jeden Morgen – auf die Waage. Die trägt den schönen Namen Aria und misst mein Gewicht und meinen Körperfettanteil, das alles überträgt sie per WLAN an meinen Rechner und auf mein Internetprofil, dass ich vorher auf der Herstellerseite angelegt habe. Die Waage gehört zur Fitbit-Familie, die Firma stellt außerdem so genannte Tracker her wie den Zip oder den One. Diese zeichnen die täglich zurückgelegten Schritte und Distanzen auf und wie viele Kalorien man verbrennt. Der One zählt außerdem Stockwerke und überwacht die Schlafqualität (zwar nicht so ausführlich wie der ZEO, dafür ohne Allergie). Die Tracker sehen aus wie kleine USB-Sticks, und man klippt sie an Hose, Hemd oder steckt sie in die Tasche.

Die Waage Aria misst das Körperfett

Doch zurück zum Moment der Wahrheit, meinem Gewicht. Vor dem ersten Mal befürchte ich Schlimmes: Schließlich besitze ich seit über 15 Jahren keine Waage mehr. Aber mein Gewicht entspricht meiner ungefähren Schätzung, der Körperfettanteil liegt bei etwas über 28 Prozent, normal bei einer Frau meines Alters – trotzdem, da geht noch was. Leider anders als ich es mir vorstelle, denn proportional mit den Kilos, die ich im Laufe der nächsten Wochen verliere, steigt mein Fettanteil. Nicht sehr motivierend und richtig verstehen tue ich es auch nicht: Bin ich jetzt dünner, dafür aber trotzdem dick? Außerdem kann man die Waage leicht austricksen (oder sie mich): Je nachdem, an welchem Ort ich sie im Schlafzimmer aufstelle, wiege ich weniger bzw. mehr. Hm, ob die Ergebnisse also wirklich gelten?

Da sieht man wieder, auch die modernste Technik hat ihre Tücken.

Für viele Anhänger der Quantified-Self-Bewegung scheinen die ermittelten Werte zwar so eine Art Gesetz zu sein, dabei kann man bei manchen Dingen ziemlich tricksen bzw. wird zum Schummeln angehalten. Auf meinem Fitbit-Profil etwa kann ich außer meiner Stimmung, meinem Schlaf und meinen täglichen Aktivitäten auch eintragen, was und wie viel ich esse, um mir einen genauen Überblick über meine Ernährung zu beschaffen. Das Problem: Tippt man Blumenkohl ein, schlägt der Lebensmittelkatalog Bluefish vor, da es diesen (bislang) nur in einer englischsprachigen Version gibt. Auch die meisten Mengenangaben entsprechen der angelsächsischen Variante. Theoretisch müsste ich nachschauen wie viel Gramm eine Unze ist und auf der Küchenwaage jede Portion genau abwiegen, dafür bin ich aber zu faul. Deswegen verschätze ich mich bei den Portionsgrößen, was wiederum das Ergebnis verfälscht. Und eine Aktivität wie Fahrradfahren etwa zeichnen die Fitbit-Geräte praktisch fast nicht auf, was in meinem Fall blöd ist, da ich für viele Wege das Rad benutze.

Der Schrittzähler Fitbit One

Verlass ist dagegen auf die Grundfunktionen der Tracker, die über einen Mini-USB-Stick an meinem Rechner selbstständig meine Daten ins Netz übertragen – oder synchronisieren, wie das so schön im Self-Tracker-Deutsch heißt. In den ersten Tagen bin total angefixt und berauscht von meinen eigenen Leistungen, ständig synchronisiere ich, weil ich sehen will, wie viele Schritte oder Stockwerke ich diesmal geschafft habe. Schon nach meinem ersten Tag als Selbstvermesser bekomme ich ein Schrittabzeichen und – bin komischerweise stolz darauf. Als ich kurz darauf die Danta-Pyramide bestiegen habe, weil ich laut Tracker 24 Stockwerke gelaufen bin – kein Wunder, wir wohnen im fünften Stock ohne Fahrstuhl – schickt mir das Gerät einen Liebesbeweis: "Mag dich, Merle" steht auf dem Display. Süß oder sinnfrei? Egal, es hat eine Seele!

In der QS-Bewegung geht es viel um den Austausch mit anderen Anhängern. Und natürlich gibt es auch auf der Internetseite von Fitbit eine Community. Die Hamburger Gruppe besteht aus 13 Mitgliedern, die meisten sind Männer. War ja klar, Selbstvermessung funktioniert schließlich hauptsächlich über Zahlen und Technik. Ich bin neugierig. Da gibt es das coole Bild von "Arne" in schwarz-weiß, oder von "Kaischi", der freundlich und direkt in die Kamera schaut. Ich weiß nicht, ob Andreas immer zu Fuß ins Büro geht oder Fitnesstrainer ist, auf jeden Fall schafft er im Schnitt 16 000 Schritte! Ich könnte mich dieser Gruppe anschließen und mich in der täglichen Rangliste messen, aber erstens fürchte ich als Totalversagerin dazustehen und zweitens würde ich Freunde im echten Leben auch nie Kaischi nennen – also warum jetzt damit anfangen?

Schließlich finde ich es schon komisch genug, von fremden Menschen in den Arm genommen zu werden. Auf der Seite moodpanda.com (auch als App), auf der man täglich eine kurze Meldung zu seiner Stimmung abgibt, hat mich gerade erst Shelley umarmt: Nachdem ich meine Laune mehrere Tage lang auf einer Skala von 1 bis 10 mit fünf bewertet hatte, steigerte ich mich auf sieben – worin Shelley offenbar einen Grund sah, mich per Umarmung zu motivieren weiter zu machen – ich kenne die Frau nicht, falls sie überhaupt eine Frau ist, sondern weiß nur, dass Shelley ihrem Moodpanda-Profil nach ziemlich oft glücklich ist. So oft, dass sie gern anderen davon abgibt. Eine Grafik auf dem jeweiligen Nutzer-Profil zeigt nämlich den wöchentlichen Verlauf der eigenen Stimmung: Ich bin demnach zur Hälfte glücklich, zu je einem Drittel zufrieden bzw. schlecht drauf. Normal also. Nicht normal dagegen: mein Stresslevel am Abend. Das Smartband, das ich den ganzen Tag um mein Handgelenk trage, misst anhand meiner Hauttemperatur, wie gestresst ich bin. Laut Auswertung volle 100 Prozent, ich zeige 286 Stressreaktionen – in einer Stunde! Kein Wunder, 18 Uhr ist mein persönliches Höllenfeuer: Die Kinder sind überdreht und hungrig, der Vater noch nicht aus dem Büro zurück, ich bin vom Tag erschöpft, ebenfalls hungrig und mäßig erfolgreich, in dem Versuch das Abendbrot ohne Schreierei vorzubereiten.

Zwei Stunden später dagegen macht sich dafür Entspannung breit, mein neuer Freund und ich sind im Schwimmbad. Garmin Swim sieht aus wie eine coole Uhr, ist aber ein Schwimmcomputer, der Bahnen, Tempo, Strecke und Effizienz aufzeichnet. Ich zähle nicht wie sonst gelangweilt 1500 Meter runter, ein kurzer Blick reicht, und ich sehe sogar, wie schnell ich pro Bahn bin. Dank dieses Mini-Rechners werde ich von Training zu Training besser, denn mich packt der Ehrgeiz das jeweilige Tempo zu verbessern. Wenn ich möchte, kann ich das Ergebnis später in mein Online-Tagebuch auf Garmin Connect hoch laden und mit meinen bisherigen Resultaten vergleichen oder an Freunde weiterleiten. Aber als ich nach Hause komme, ist es weit nach 22 Uhr und überhaupt: Brauchen Geräte nicht auch mal `ne Pause? Auf jeden Fall brauche ich mal eine von ihnen. Als ich das erste Mal wieder ohne Tracker und Co. durch den Tag gehe, fühle ich mich jedenfalls befreit. Keine Kontrolle, kein Zwang zur Disziplin. Aber ich bin ja heute auch schon brav bestimmt 6000 Schritte gelaufen ...

Schrittzähler, Apps und andere Spielereien

Fitness Die Firma Fitbit (www.fitbit.com) bietet verschiedene Self-Tracker an. Der Zip kostet 59,95 Euro, misst Schritte und Kalorienverbrauch. Eignet sich für alle Aktivitäten, die zu Fuß erledigt werden. Der Tracker Fitbit One (ca. 100 Euro) zeichnet noch ein bisschen mehr auf (z.B. Stockwerke) sowie die Schlafaktivität und verfügt über einen Vibrationsalarm, der sanft weckt. Von Garmin (www.garmin.com) gibt es außer der Schwimmuhr (Garmin Swim, 149 Euro) u.a. die Laufuhr „Forerunner 10“, die besonders für Einsteiger geeignet ist. Sie ist mit GPS ausgestattet, zeigt Tempo, Distanz und Kalorienverbrauch an und gibt per Signal Feedback, wenn man einen weiteren Kilometer geschafft hat. Ab 129 Euro. Gerade fürs Lauftraining gibt es außerdem etliche Apps, die helfen das Training zu verbessern und/oder Austausch mit anderen Läufern bieten, etwa Runtastic, Runkeeper oder Micoach.

Ernährung Ebenfalls von Fitbit kommt die Waage Aria. Sie misst Gewicht, Körperfettanteil und sendet die Daten per WLAN an Rechner oder Smartphone. Ca 119 Euro. Die App 80 Bites soll helfen, weniger und bewusster zu essen (ca. 0,99 Euro), und bei der kostenlosen App FooDDB kann man online ein Ernährungstagebuch führen.

Psyche Der ZEO Sleep Coach (ca. 150 Euro) misst Schlafeffizienz, Dauer und verfügt über eine intelligente Aufwachfunktion, die dann weckt, wenn die beste Aufwachphase erreicht ist. Ähnlich funktioniert die App Sleep Cycle (0,99 Euro) fürs iPhone. Sie weckt, wenn man sich in der leichtesten Schlafphase befindet und wertet Schlafstatistiken aus. Die Meditationsapp Equanimity zeichnet Meditationssitzungen auf, läutet diese mit einem Gong ein und aus und führt Buch darüber, wie oft man überhaupt zur inneren Versenkung im Alltag kommt. Für iPhone, iPad, leider teuer (ca. 5 Euro). Auf www.moodpanda.com) zeichnet man seine Stimmungslage auf und teilt diese mit anderen, gibt es auch als App fürs Smartphone.

Mehr Infos Auf www.quantifiedself.com, der Gründerseite der Bewegung, erfährt man mehr über die Motive der Selbstvermesser, findet Tipps für Apps, Geräte und Webseiten und Foren zum Thema. Außerdem ist gerade auf Deutsch das Buch "Fitness für Geeks" (24,90 Euro, O’Reilly-Verlag) erschienen. Ebenfalls mit jeder Menge mehr oder weniger nützlichen Tipps, Tools und Theorien zum Thema.

Der ZEO Sleep Coach

Text: Merle Wuttke Fotos: Brita Sönnichsen

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Merle Wuttke
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