Zwischen Familie und Olympia-Qualifikation

Hochspringerin Ariane Friedrich möchte sich für Olympia qualifizieren - und eine gute Mama für ihre Tochter sein. Wie ihr das gelingt und wie sie dabei von ihrer Mutter unterstützt wird, berichtet sie BRIGITTE.de.

Ariane Friedrich hat 31 Monate lang pausiert. Erst wegen einer Knieverletzung, dann wegen der Geburt ihrer Tochter Amy. Nun ist die Hochspringerin zurück – und möchte sich für Olympia 2016 qualifizieren. Doch wie schafft sie den Spagat zwischen Sport und Familie? Und inwieweit bekommt sie dabei Unterstützung von ihrer Familie? Im Gespräch mit BRIGITTE.de geben Ariane und ihre Mutter Astrid Friedrich Antworten.

Aqua-Jogging: Fitness im Wasser

BRIGITTE: Wie lange hat es nach der Babypause gedauert, wieder in Form zu kommen?

Ariane Friedrich: Ich muss ein wenig ausholen ... Nach dem vierten Schwangerschaftsmonat habe ich ein Sportverbot von meiner Frauenärztin bekommen. Bis zum Ende der Schwangerschaft durfte ich demnach kaum noch etwas machen. So habe ich viel körperliche Fitness verloren und sehr stark zugenommen – insgesamt 24 Kilo. Nach der Geburt von Amy waren etwa zehn Kilo runter, doch ich hatte immer noch 14 Kilo zu viel.

Trotzdem habe ich nicht angefangen, mir den Figur-Stress mit Kind zu machen, wie das manch andere tun, sondern hatte erst ein Jahr nach der Geburt wieder mein Normalgewicht. Ich habe nach drei Monaten angefangen, zu trainieren, das war sehr anstrengend und ermüdend. Hätte ich daneben noch diätet, wäre ich bestimmt nicht die beste Mama für Amy gewesen. Solange ich Diät halte, bin ich nicht gerade ausgeglichen. Am Anfang habe ich einen Beckenbodenkurs besucht, welchen ich nach der Geburt dringend benötigt hatte. Neben dem Beckenbodentraining konnte ich mich dort sehr nett mit vielen anderen Mamas austauschen, einige Tipps einholen sowie Kontakte knüpfen.

Wie sieht Ihr Training aus?

Gemeinsam mit meinen Trainern in Frankfurt und Oberhof haben wir am Anfang mein Training stark reduziert, es musste erst wieder eine Grundlage aufgebaut werden. Leichte Sprungübungen waren frühestens nach fünf bis sechs Monaten möglich, der Beckenboden benötigte viel Zeit, um die enormen Belastungen halten zu können. Das Schwierige bei meinem Comeback-Training war zu wissen: 'Du hast jetzt knapp anderthalb Jahre Zeit bis Olympia, um fit zu werden.' Das hört sich lange an, ist aber in Sportlerzeit gemessen sehr wenig.

Eineinhalb Jahre sind insgesamt drei Trainingszyklen, die wir absolvieren können und danach haben wir das Training ausgerichtet. Man hat immer drei Abschnitte in einem Zyklus: Die Aufbauphase, in der man viel von allem in leichter bis mittlerer Intensität macht. Dann geht man in die zweite Phase, in der die Intensität steigt – und im dritten Abschnitt, dem Wettkampfzyklus, trainiert man mit hohen Intensitäten und wenig Wiederholungen.

Wir mussten das Trainingsprogramm im ersten Jahr immer wieder neu anpassen, denn nach der Schwangerschaft waren meine Sehnen und Gelenke sehr weich. Ich musste oft zu meinem Physiotherapeuten und Heilpraktiker nach München pendeln und meine Körperstatik korrigieren lassen. Während der Schwangerschaft schüttet der Körper Hormone aus, um das Skelett sowie den Bewegungsapparat der Frau auf die Geburt vorzubereiten. Aber mit meinem Arzt und Physiotherapeuten in Erfurt und meinem Heilpraktiker in München haben wir einen speziellen Plan ausgearbeitet. Die Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert. Zusätzlich gehe ich regelmäßig zum Kieser-Training. Die Geräte vor Ort sind super, und dank besonderer Ausnahme darf ich mein eigenes Programm vor Ort trainieren.

Mutter und Tochter

Hochspringerin Ariane Friedrich lebt gemeinsam mit Bob-Olympiasieger André Lange und ihrer 2014 geborenen Tochter Amy in der Nähe von Erfurt. Sie hat ein Studium zur Polizeikommissarin abgeschlossen und arbeitet für die Thüringer Polizei. Ariane Friedrich ist Botschafterin der aktuellen "Danke Mama"-Kampagne von Procter & Gamble, die die Olympischen Spiele 2016 in Rio begleitet. Das Unternehmen honoriert damit die Stärke und Leistung von allen Müttern weltweit.

Sie sind Mutter und Leistungssportlerin: Wie werden Sie beiden Rollen gerecht?

So merkwürdig es auch klingen mag: Ich glaube, dadurch, dass ich immer noch Sportlerin bin, bin ich momentan eine bessere Mama. Weil ich etwas für mich tue, meinen Job mache, mich auspowere und auch meinen persönlichen Bedürfnissen nachgehe. Ich bin dadurch zu Hause sehr entspannt und kann mich – nachdem ich Amy aus der Krippe geholt habe – voll auf sie konzentrieren. Ich habe nicht das Gefühl, das ich kein Leben mehr habe. Die Prioritäten haben sich zwar absolut geändert, aber ich tue immer noch viel für mich, auch wenn das in puncto Gesamtbelastung manchmal grenzwertig ist. Zudem hat Amy einen ganz wunderbaren und sehr liebevollen Papa, meine Familie kümmert sich sehr um sie und meine beste Freundin hilft stets, wo sie nur kann.

Kommt Amy mit zu Ihren Wettkämpfen?

Nein, Amy bleibt in der Regel zu Hause. Entweder bin ich Mama oder Wettkämpferin, aber ich bin nicht beides zusammen. Tatsächlich fühle ich mich gerade eher als Mama. Im Wettkampf muss ich mich auf mich konzentrieren, und wenn ich vor Ort mein Kind weinen höre, will ich nur noch zu meinem Kind. Gerade, um solche Situationen gar nicht erst zu provozieren, sorgt sich dann eben der Papa um Amy. Oder die Oma, je nachdem ... Amy kommt dafür in jedes Trainingslager mit, denn ich kann nicht lange ohne meine kleine Maus verreisen. Es ist nicht gut für sie und nicht gut für mich.

Astrid Friedrich, helfen Sie als Babysitterin aus, wenn Ihre Tochter bei Wettkämpfen ist?

Astrid Friedrich: Wenn es passt, ja.

Ariane Friedrich: Wir wohnen leider nicht so nah beieinander, aber sie schaut schon, dass man das gut vereinbaren kann. Es ist ja sehr wichtig, dass man einen guten Bezug zu seinem Enkelchen hat. Das ist uns allen sehr wichtig. Wir haben viel Whatsapp-Kontakt und schicken uns Bilder und Videos hin und her.

Inwiefern konnten Sie Ihre Tochter bei ihren Zielen unterstützen?

Astrid Friedrich: Ariane war als Kind recht lebhaft und wir haben versucht, ein Ventil zu finden. Und so ist sie, auch auf Anraten ihres Lehrers, zum Sport gekommen. Das hat sich dann so weiterentwickelt: Wir haben gemerkt, dass ihr das Spaß macht und guttut, und die Schule hat auch davon profitiert. Einfach, weil man sich durch den Sport besser konzentrieren kann. Sie war in einer guten ersten Trainingsgruppe, ihre Trainerin konnte die Kinder fördern und fordern – und das ist etwas, das Ariane gutgetan hat. Dadurch kamen Erfolge und die motivierten wiederum. Als Eltern haben wir sie viel begleitet und organisatorische Sachen gemacht. Die ganze Fahrerei zu Training und Wettkämpfen, Dinge, die im Hintergrund abliefen.

Ariane Friedrich: Ja, meine Eltern haben zum Teil ihr letztes Hemd gegeben, damit sie mich unterstützen konnten. Auch in Bezug auf das Equipment, das man immer benötigt. Wir hatten einmal eine Diskussion, das weiß ich noch genau. Ich brauchte einmal wieder neue Laufschuhe, somit sind mein Papa und ich einkaufen gegangen. Die Teuersten waren gerade gut genug für meine Füße und das Budget war damit ganz schön überzogen. Da gab es dann im Anschluss großen Ärger mit Mama zu Hause.

Astrid Friedrich: Also, was heißt Ärger? Wir haben schon gesagt: 'Naja, hoffentlich sind sie das wert.' Aber das hast du eigentlich auch selbst gesagt. Du wolltest dir die Schuhe auch selbst verdienen.

Ariane Friedrich: Ja, ich habe gelernt, dass ich mir bestimmte Dinge erarbeiten und verdienen musste. Wir waren finanziell nicht gerade gut aufgestellt und die Trainingslager, die ich dann jedes Jahr besuchen musste, habe ich mir zum großen Teil selber zusammengespart und dafür gejobbt. In meinen jungen Jahren gab es noch keine deutsche Sporthilfe, die mit zwölf, 13 oder 14 an der Tür geklopft hat. In dem Alter hat man noch keine wirklichen Erfolge vorzuweisen, in denen man interessant und in deren Augen förderungswürdig ist. Das war eine harte Schule, aber sie hat mich in meinem Willen und Ehrgeiz mehr als gestärkt.

Andere konnten sich schicke Kleidung kaufen und ich habe eben für die Trainingslager gespart. Diese Dinge bedenken aber die wenigsten. Die meisten sehen nur den Erfolg und sagen: ‚Die muss ja ein Vermögen verdienen‘ – was ich nicht tue. Aber dass ich im Vorfeld schon jahrelang mein ganzes Erspartes in meine sportliche Zukunft investiert habe, um irgendwann daraus einen Nutzen ziehen zu können, sehen die wenigsten. Und dieser Nutzen bestand immer nur daraus, besser zu werden und höher zu springen. Mama und Papa haben meinen Weg stets begleitet und geholfen, wo sie nur konnten, denn sie haben immer an mich geglaubt, das war von beiden sehr stark.

Jugend und Werdegang

Wollten Sie von Anfang an Hochspringerin werden?

Nein, ich hätte vielleicht auch eine gute 800-Meter-Läuferin werden können. Aber das Training ist mir immer zu anstrengend gewesen, den Wettkampflauf fand ich super.

Astrid Friedrich: Wir haben ihr eigentlich immer geraten, sich nicht zu früh zu spezialisieren, sondern viel auszuprobieren. Zu schauen, was eigentlich zu ihr passt. Denn die Motivation muss ganz allein von ihr, und nicht von den Eltern, kommen. Wir waren auch nie die überehrgeizigen Eltern, die gesagt haben: 'Du musst einen bestimmten Plan erfüllen ...'

Ariane Friedrich: Ich wurde für jede neue Bestleistung mit einem leckeren Essen belohnt, das hat mir persönlich gereicht und war Anerkennung genug. Eine "Eiskunstlauf-Mama" war meine Mama nicht, weil ich bis heute von meinem eigenen Antrieb lebe. Ich bin ehrgeizig, weil ich das will, und nicht, weil Mama das will. Da trennt sich im Spitzensport auch die Spreu vom Weizen. Deutschland hat keinen Mangel an körperlichen Talenten, aber manchmal passt der Kopf nicht dazu – und das ist schade. Wenn man den Kopf nicht im Sport hat, das heißt, den unbedingten Willen zu gewinnen – ob man es tut oder nicht, ist zweitrangig – und auch mal Trainingsinhalte zu trainieren, die bestimmt nicht schön sind, hat man verloren. Das können heute noch weniger als bei uns damals.

Warum ist das so?

Viele Jugendliche und Kinder sind bequem geworden. Natürlich nicht alle, man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber viele denken, dass einem der Erfolg in den Schoß fällt. Und im Leistungssport ist das ganz sicher nicht so. Wenn wir nicht aufpassen, wird unsere Jugend oder der Großteil davon keinen Erfolg mehr haben. Wir müssen jetzt versuchen, unsere Jugend davor zu schützen, ihr alles zu geben und zu ermöglichen. Denn nur Hungrige wollen etwas erreichen und haben einen unbedingten Willen.

Inwiefern hat sich Ihr Leben als Sportlerin durch die Geburt Ihrer Tochter verändert?

Ich war noch nie das größte Organisationstalent. Das musste ich wirklich ändern. Das bin ich mit Sicherheit noch immer nicht, aber ich habe mich sehr in meinem Tagesablauf verbessert. Ich stehe jetzt bestimmt zwei Stunden früher auf. Vor einigen Jahren hab ich noch gedacht: 'Boah, vor 10 Uhr sieht mich niemand im Training.' Heute stehe ich um neun Uhr im Training und denke mir: 'Jetzt kann‘s losgehen.' Das hat sich definitiv geändert, weil meine Tochter nicht ausschläft und um 7 Uhr, spätestens halb 8, wach ist. Wir machen sie fertig, bringen sie zur Krippe, und dann geht’s zum Sport. Ich lege meine Einheiten so, dass ich alles erledigen kann. Ich versuche mich wirklich immer mit ihr zu beschäftigen und Zeit für sie zu haben, obwohl ich sie den größten Teil des Tages in der Krippe abgeben muss.

Ernährung und Sport

Was steht eigentlich auf Ihrem Ernährungsplan?

Darüber könnten wir jetzt vermutlich zehn Seiten füllen. Generell: Ich bin eine Befürworterin davon, dass Mamas nicht Diät halten sollten, wenn sie stillen. Denn das ist weder für sie noch für das Kind gut. Das Stillen ist an sich ja schon die beste Diät.

In der Trainingsphase habe ich in der Regel vier bis fünf Kilo mehr als im Wettkampf, da ich die Kilos als Substanz brauche, um harte und lange Einheiten energetisch zu verkraften. Worauf ich zum Großteil verzichte, ist Schweinefleisch. Das ist für mich kein wertig hohes Fleisch. Wenn ich Fleisch esse, dann meistens Bio-Fleisch. Huhn, Pute, Wild und Fisch, viel Gemüse. In der Saison esse ich selten Reis und keine Nudeln, da Nudeln ein gemischtes Nahrungsmittel sind, Reis ist nach der Basenlehre sauer. Ich verzichte außerdem auf Laktose, also Milchprodukte, da Laktose Wasser bindet und ich eine Unverträglichkeit habe. Ansonsten versuche ich noch, glutenfrei zu essen, das schaffe ich aber nicht immer. Und jetzt denken bestimmt alle 'Oh Gott, isst sie überhaupt Süßes?'. Ja, und mit voller Leidenschaft – leider. Aber spätestens drei Tage vor einem Wettkampf lasse ich zuckerhaltige Produkte weg.

Was essen Sie kurz vor dem Wettkampf?

Ich bin ein absoluter Fan von meinem basischen Müsli, das ich mir selbst zubereite. Ich esse also morgens mein Müsli, mittags würde ich beispielsweise Lachs mit Zitrone, Spinat und zwei großen Salzkartoffeln essen. Nachmittags esse ich vielleicht noch einen Apfel oder eine Banane und abends würde ich momentan einen Eiweißdrink zu mir nehmen. Das hört sich vielleicht nach Quälerei an, ist es aber eigentlich nicht. Natürlich grummelt abends auch mal mein Magen, aber ein stückweiter Hunger gehört nun einmal dazu, insbesondere, wenn es auf einen Wettkampf zugeht. Man darf jedoch nicht vergessen: Ich bin Leistungssportlerin und ich darf beim Abnehmen meine Kraft nicht verlieren. Uns mit Schönheitsvorstellungen und Idealproportionen zu vergleichen, ist nicht der Sinn unserer Sportart.

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