Kitesurfen lernen an der Ostsee

Mit einem Drachen und einem Brett übers Meer jagen - ein unglaubliches Gefühl. BRIGITTE-Redakteurin Katrin Schmiedekampf warf sich in die Wellen. Ihr Ziel: Kitesurfen lernen.

Als Kind wollte ich mit einem Papierdrachen davonfliegen. Bis nach Australien oder direkt zu den Sternen. Ich wollte sehen, wie das Haus meiner Eltern, die Hühner im Garten, das Freibad, die ganze Welt kleiner und kleiner wird, wollte Abenteuer erleben, die ich später meinen Freundinnen erzählen konnte. Natürlich habe ich in den letzten Jahren nicht mehr geglaubt, dass dieser Traum wahr wird.

Bis heute. Ich hänge an einem Drachen, der an mir zieht und zerrt, der mich immer höher wegtragen will, immer schneller, immer weiter. Aber zum Fliegen bin ich nicht hier, in dem kleinen Ort namens Dahme an der Ostsee. Ich möchte Kitesurfen lernen - also mit Hilfe eines Drachens und eines Surfbretts übers Meer gleiten.

Wasser, Strand und Himmel sehen aus wie auf einem Kinderbild: als hätte jemand mit Deckweiß ein paar kleine runde Wölkchen auf den blauen Himmelsgrund getuscht. Hunde tollen über den Sand, das Meer glitzert, und die Sonne strahlt so fröhlich, dass nur noch ein lachendes Smiley-Gesicht fehlt, um das Bild perfekt zu machen. Bloß meine Aufregung passt nicht zu der Szenerie. Sand und Muscheln knirschen unter meinen Turnschuhen, als ich meine Fersen in den Boden stemme, um den Drachen irgendwie in den Griff zu bekommen. Doch er zieht mich davon wie ein Pferd, das durchgeht, ich halte zwar die Lenkstange mit den Zügeln in den Händen, kann aber dennoch nichts tun. "Du musst gegen deine Reflexe handeln. Also nicht ziehen, wenn der Kite zieht, sondern nachgeben", hat ein Freund mir geraten, der schon lange kiten geht. Aber wie soll das gehen?

Kitesurf-Lehrer Christian kommt zu mir und hält mich an dem breiten Gürtel, dem Trapez, fest. "Kannst du hier bei mir stehen bleiben?", frage ich und ärgere mich über den ängstlichen Klang in meiner Stimme. Der hübsche Mann mit den dunklen verstrubbelten Haaren soll auf keinen Fall merken, dass ich mich vor einem Drachen fürchte. "Klar, ich bin hier", sagt er.

Der Kurs hat vor etwa zwei Stunden mit Trockenübungen am Strand begonnen. Zuerst haben Danilo und Rüdiger - so heißen die anderen beiden Kursteilnehmer - und ich nacheinander die Leinen eines winzigen gelb-weißen Drachens in die Hände genommen und versucht, ihn zu steuern. Ich musste feststellen: Den Trainingsflieger steigen zu lassen sieht kinderleicht aus, ist es aber nicht. Anfangs sauste er wie verrückt hin und her, wäre mir sogar beinahe auf ein paar Strandspaziergänger gekracht. "Achtung", schrie ich - und schaffte es gerade noch, einen Sturzflug zu vermeiden. Die Leinen des Drachens können messerscharf sein, habe ich gelesen. Nach und nach bekam ich ein Gefühl für den kleinen Drachen, schaffte es, ihn nach rechts und links zu bewegen. Das Gleiche soll ich nun auch mit dem weiß-blauen Kite probieren, der um einiges größer ist: Insgesamt misst er sieben Quadratmeter. Der Drachen hat Luftschläuche, die der Segelfläche eine stabile Form geben und es leichter machen, ihn auch im Wasser nach einem Absturz wieder zu starten.

Ich versuche den Kite direkt über meinem Kopf am Himmel zu halten. Es klappt: Plötzlich flattert er dort oben, in etwa 25 Meter Höhe, ganz ruhig vor sich hin. Ich probiere etwas Neues, steuere ihn ein Stück nach unten, in die so genannte Powerzone. Dabei bekommt er richtig Kraft, der Wind zieht am Schirm. Ich schaffe es, ihn dort zu halten und dann wieder nach oben zu lenken. "Super, langsam bekommst du ein Gefühl für den Kite", sagt Christian, "man muss im richtigen Moment reagieren." Mit Kraft habe das wenig zu tun. Daher können auch Kinder kiten lernen: Der jüngste Schüler, den Christian hatte, war sechs, der älteste 72 Jahre alt.

Auch wenn ich bisher wirklich nicht das Gefühl habe, Muskelkraft einsetzen zu müssen, bin ich erschöpft - und froh, als unser Kite-Lehrer vorschlägt, eine Pause zu machen. Wir holen den Drachen vom Himmel, schütten Sand über eine Ecke, damit er nicht wegfliegt, und laufen zu Christians Wohnmobil. Der Innenraum ist mit Leopardenstoff ausgeschmückt. Oben in der Schlafkoje liegen Kites, unter dem kleinen Tisch zwischen den Bänken döst Christians Hündin Julie. Wir trinken Espresso aus Blechtassen und reden übers Kiten. Wie lange es dauere, bis man sicher auf dem Wasser fahren könne, möchte ich wissen."Das ist total unterschiedlich. Manche schaffen das schon nach einer Woche, bei anderen dauert's ein wenig länger", sagt Christian. Wer snowboarden und lenkdrachenfliegen kann, habe es leichter. Wir zwängen uns in die Neoprenanzüge und stapfen zum Meer. Die Luft schmeckt salzig, meine Haare wehen im Wind, mit dem Board unterm Arm fühle ich mich wie eine coole Surferin, die sich gleich in die Wellen stürzen wird.

"Bodydrag" heißt die Übung, bei der wir uns auf den Bauch legen und durchs Wasser gleiten lassen sollen. Der Kite zieht mich mit einem Affenzahn durchs Wasser, ich jubele. Auch wenn ich aufpassen muss, dass mein Körper sich nicht verdreht, macht es wahnsinnig viel Spaß. Danilo, Rüdiger und ich wiederholen die Übung abwechselnd, immer wieder fällt der Drachen ins Wasser, und wir versuchen, ihn wieder zu starten. Irgendwann sind unsere Arme lahm, die Beine müde vom Lauf durch das Wasser. "Schluss für heute", sagt Christian.

Am nächsten Tag ist es windstill, die anderen Kitesurfer hängen am Strand rum und trinken Kaffee. "Das kommt oft vor, wenn man Glück hat, ist es die Hälfte der Zeit, die man fürs Kiten eingeplant hat, windig", sagt Christian. Ich bin betrübt. Wie lange wir wohl warten müssen? Einmal möchte ich doch so gern auf dem Brett stehen.

Am Nachmittag weht plötzlich ein kleines Lüftchen. Christian klettert ins Wohnmobil und holt einen riesigen silbernen Kite mit vielen kleinen Luftkammern hervor. 19 Quadratmeter ist das Gefährt groß, es würde einen bei starkem Wind wahrscheinlich davontragen. Aber für die schwache Brise ist er genau richtig. Ein paar Minuten später kreist der Kite am Himmel. Ich wate ins Wasser. Christian reicht mir das Brett und zeigt, wie ich mich ins Wasser setzen und meine Füße in die Schlaufen stellen soll. Dann klinkt er die Leinen vom Kite in meinen Bauchgurt ein. Gleich soll ich den Schirm von rechts nach links lenken, damit er anfängt, mich zu ziehen, mich langsam aufrichten, meinen Vorderfuß strecken und mit dem Hinterfuß das Gewicht halten. Ob ich mir das alles merken kann?

Es geht los. Der Drachen zieht an, ich stehe auf - und knalle vornüber. Tropfend und lachend stehe ich auf. "Gleich noch mal", sagt Christian, wieder knalle ich sofort nach vorn. Beim dritten Mal bleibe ich lockerer in den Knien und gleite ein paar Meter übers Wasser, bis ich schließlich umkippe. Noch mal, denke ich und verstehe, warum Kitesurfen in den letzten Jahren zu einer Trendsportart geworden ist. Selbst als Anfänger hat man schnell Erfolgserlebnisse. Und der Sport ist nicht mehr so gefährlich, seit neue Schirme und Sicherheitssysteme auf den Markt gekommen sind, mit deren Hilfe man in brenzligen Situationen sofort den Zug aus dem Drachen nehmen kann.

Zurück an Land beobachte ich die anderen Kitesurfer, die meterweite Kunstsprünge über das Wasser machen. Ob er sich für Kite-Wettbewerbe interessiere, will ich von Christian wissen. "Nee", sagt er, "bei mir hat immer der gewonnen, der mit dem fettesten Grinsen aus dem Wasser kommt." Dann holt er die Blechtassen aus dem Wohnmobil, gießt Rotwein ein, breitet ein paar Brotscheiben, Oliven und Camembert auf seinem Kiteboard aus und lädt uns zum Abendessen ein.

Tipps für Anfänger

Die besten Kitesurf-Möglichkeiten finden Sie an Nord- und Ostsee. Hier gibt es mehr Platz und bessere Wellen als auf den Seen im Süden. Das ist gerecht, denn dafür fehlen im Norden die Berge für alpinen Wintersport. Auf eigene Faust sollte allerdings niemand mit diesem Sport beginnen, darum hier ein paar gute Surfschulen:

Kitesurf-Lehrer Christian unterrichtet in der Surf- und Kiteschule Pelzerhaken, Ostsee Tel. 045 61/52 83 93, mobil 01 77/280 20 89, www.surfschule-pelzerhaken.de Wochenendkurse für Anfänger ab 200 Euro

Windgeister Fehmarn, Ostsee Tel. 043 72/18 06, www.windgeister.de Zweitägiger Einsteigerkurs mit insg. 10 bis 12 Unterrichtsstunden 195 Euro

Kite Island, Rügen-Suhrendorf, Ostsee Tel. 03 83 05/822 40, www.surfen-auf-ruegen.de Wochenendkurs inkl. zwei Übernachtungen ab 225 Euro

Wassersportcenter X-H20, Nordsee St. Peter-Ording, Nordsee, Tel. 048 63/47 88 00, www.x-h2o.de Fünf Stunden Unterricht an Land und fünf im Wasser, zusammen 190 Euro

Surfers Spirit, Gardasee Tel. 089/61 39 81 60, www.kitekurse-gardasee.de Drei-Tages-Kurs ab 239 Euro

Alle Kitesurf-Schulen finden Sie unter Tel. 08 81/931 10, www.vdws.de

Kurse werden von Mai bis Oktober angeboten. Drei bis vier Schüler pro Lehrer sind ein gutes Verhältnis. Für eine Einzelstunde werden um die 50 Euro verlangt.

Ein Trainingskite für die ersten Flugversuche kostet etwa 120 Euro. Für eine Ausrüstung mit Kite, Board, Neoprenanzug, Schuhen und Trapez zahlt man ungefähr 1700 Euro, für einem Anfängerkurs werden die Sachen (außer Schuhen) meist umsonst gestellt.

Wie sieht Kitesurfen bei den Profis aus? Zuschauen kann man bei der Seat Kitesurf Trophy, 14. bis 16. August auf Fehmarn. Weitere Erfahrungsberichte, Tipps und Termine finden Sie unter www.oase.com

Basiswissen steht im Buch "Kiteboarding Work- und Stylebook" (95 S., 14,90 Euro, Delius Klasing Verlag 2009)

Text: Katrin Schmiedekampf Fotos: Patrick Ohligschläger Ein Artikel aus der BRIGITTE 18/09
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