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Klettern wie Spiderman


BRIGITTE.de-Mitarbeiterin Bianca Gerlach hat sich in Hamburg auf die Suche nach einem Berg gemacht und ist im Fitnessstudio fündig geworden - ideal zum Klettern lernen.

Zack, drei, vier Handgriffe, noch zwei Mal ordentlich mit den Füßen abdrücken und schwups ist man lässig wie Spiderman oben. So einfach wirkt es, wenn man den Profi-Kraxlern von unten zuschaut: wunderbar leicht. Doch als ich vor der mächtigen Wand stehe, mit dem Gurt um Hüfte und Beine, in Schuhen, die mir gefühlte sieben Nummern zu klein sind ("dadurch hat man besseren Halt"), sieht es plötzlich ganz anders aus. Nämlich unmöglich. Geradeauslaufen bekomme ich ganz gut hin, aber vertikal?

Die Muskeln zittern wie ein Presslufthammer

Gesichert werde ich durch ein Seil, das oben am Ziel in etwa acht Metern Höhe durch einen in die Wand eingelassenen Haken läuft. Ein Ende des Seils ist mit meinem Gurt verbunden, das andere hat Trainer Alejandro fest in der Hand. Beim Klettern ist man immer zu zweit. Einer kraxelt, einer sichert am Boden.

Ich trete mit dem rechten Fuß auf den lila Hartplastikbrocken, der an die Wand geschraubt ist, und halte mich mit den Händen an zwei Griffen fest. Ziehe mich langsam hoch, suche mit dem Fuß den nächsten Halt, drücke mich ab und gewinne an Höhe. Ha, wer sagt's denn? Es ist einfach! Dann klebe ich plötzlich wie ein Ypsilon mit weit gespreizten Armen etwa vier Meter über dem Boden am Kunstfelsen und kann partout keinen Halt für den nächsten Tritt finden. Meine Beine fangen vor Anstrengung an zu zittern, als hätte ich statt Gurt einen Presslufthammer umgeschnallt.

Die Hände schwitzen und verlieren allmählich ihren Griff

"Rechts, etwa auf Hüfthöhe", ruft der Trainer von unten. Auf Hüfthöhe? Wenn ich eine Schlangenfrau wäre, würde ich sicher nicht hier am Fels kleben, sondern mich gerade in irgendeinem chinesischen Zirkus zu einem Knäuel zusammenrollen. Wie bitte soll ich mich aus der Ypsilon-Haltung entgegen jeglicher Schwerkraft in ein verkrüppeltes K umformieren? Mir bleibt keine Wahl. Denn inzwischen zittern auch meine Arme, vor Anspannung und vor allem vor Angst zu fallen. Was, wenn das Seil reißt oder der Trainer unten pennt? Ich versuche das rechte Bein in die Höhe zu ziehen. Keine Chance. Zu hoch.

Meine Hände schwitzen und verlieren allmählich ihren Griff. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr, also schwinge ich beherzt das Bein ein zweites Mal nach oben, verfehle den Plastikklumpen, rutsche ab und baumele den Bruchteil einer Panik-Sekunde später in der Luft. Am Seil. Sicher in der Hand meines Trainers. Mein Herz baumelt ebenfalls auf Höhe des Trainers, so weit runter ist es mir gerade gerutscht. Doch nur ganz kurz, denn jetzt weiß ich: Es kann nichts passieren. Abrutschen ist nicht schlimm. Man muss nur vertrauen. Dem Seil, dem Kletterpartner. Ich schaukele noch etwa eine Minute über dem Boden, um mich wieder zu beruhigen und das Adrenalin-Inferno zu zügeln – und will dann nur noch zurück. An diese Wand, will diesen Tritt schaffen, will nach oben. Versuche einen anderen Weg und schaffe es tatsächlich. Ich bin oben, meine Finger sind taub, meine Arme zittern, ich bin glücklich, bin kaputt – und noch lange nicht fertig.

Das Abseilen ist eine weitere Herausforderung. Wie heißt es so schön: What goes up, must come down. Aber wie? Ich soll mich mit meinem ganzen Gewicht in den Gurt setzen, meinen Griff lösen, loslassen. Hört sich einfach an, kostet aber ordentlich Überwindung. Niemand gibt gern die Kontrolle über sich ab, vor allem nicht in acht Metern Höhe an kleine Riemchen rund um den Hintern. Aber auch das meistere ich und lasse mich triumphierend abseilen. Sicher nicht zum letzten Mal.

Fazit

Klettern macht unglaublichen Spaß – aber erst, wenn man die Angst vorm Fallen überwunden und gelernt hat, dem sichernden Partner zu vertrauen. Dann stehen Endorphin-Kick und Adrenalin-Rausch nichts mehr im Wege. Es macht extrem glücklich, durch Konzentration, Kraft und den Kampf gegen viele, viele Schweinehunde endlich oben anzukommen.

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Infos: Klettern für Anfänger

Trendsport Klettern

In Deutschland klettern rund 250 000 Menschen, 40 Prozent sind Frauen. Insgesamt 370 Kletteranlagen gibt es inzwischen im Bundesgebiet und es kommen ständig neue dazu. Rund die Hälfte wird vom Deutschen Alpenverein betrieben. Die erste künstliche Kletteranlage wurde 1970 im Freien eröffnet - auf dem Teufelsberg in Berlin. Ende der 80er Jahre folgten die ersten Indoor-Kletterhallen.

Klettern - wer darf und was bringt's?

Klettern eignet sich für fast jeden, egal ob sieben oder siebzig. Arme, Beine und Bauch werden trainiert, und für Rückenschmerzen-Geplagte ist der Sport perfekt, weil Rücken- und Nackenmuskulatur gedehnt und gestärkt werden. On top verbessert man beim Klettern Beweglichkeit, Koordination, Gleichgewicht und Reaktionsvermögen. Nicht zu vergessen der emotionale Kick, wenn man gegen die Angst gesiegt hat.

Kletterarten

Man unterscheidet beim Freiklettern zwischen Top-Rope und Lead-Rope. Als Anfänger startet man mit Top-Rope, ist also durch ein Seil ganz oben am Fels gesichert. Beim Lead-Rope steigt der Kraxler jeweils ein Stück ohne Sicherung auf und hängt das Seil von Haken zu Haken bis oben ein.

Eine weitere Art ist das Bouldern. Dabei hangelt man sich in Absprunghöhe über dem Boden an der Wand entlang. Alles komplett ohne Seil. Bouldern eignet sich perfekt zum Trainieren. Dicht über dem Boden einmal um den Fels herum geklettert lassen sich Griffe – etwa festhalten mit nur einem Finger – hervorragend üben.

Sie wollen auch?

Dann sollten Sie als Erstes einen Kurs belegen – oder erstmal an einem Schnuppertag herausfinden, ob Ihnen der Aufstieg in die Höhe liegt. In den Kursen lernt man alles über Materialien, Sicherungstechniken und Knoten, aber auch Tricks und Kniffe, wie man am besten nach oben kommt. Die Ausrüstung – Schuhe, Seil, Gurt und Karabinerhaken – kann man sich in der Regel vor Ort ausleihen. Ihnen fehlt noch ein Kletterpartner? Kein Problem: Meist findet sich in den Kursen ein Gleichgesinnter für zukünftige Kraxeleien, viele Hallen bieten auch offene Gruppenabende an, an denen man sich abwechselnd sichert. Eine Übersicht über die Anlagen des DAV in Deutschland bietet der Alpenverein.

Kosten

Wer sich noch nicht sicher ist, kann bei einem etwa zweistündigen Schnupperkurs in einer Kletterhalle (Kosten zwischen 10 und 30 Euro) erste Erfahrungen an der Wand sammeln.

Sie wollen auf jeden Fall klettern? Dann bietet sich ein - in der Regel halbtägiger - Kletterkurs an (Kosten zwischen 40 und 75 Euro). Danach können Sie ohne Trainer starten.

Wer schon klettern kann, kauft eine Tageskarte. Die kostet je nach Anlage zwischen 5 und 13 Euro. Dazu kommen nach Bedarf die Kosten für eine Leihausrüstung (3 bis 6 Euro).

Text: Bianca Gerlach Fotos: Kay-Michael Schilling

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