Lieblingssünde: Zu viel essen

In Zeiten von XXS und Size zero ist ausreichende Nahrungsaufnahme eher verpönt. Dabei macht viel essen viel Spaß, findet Nikola Haaks und begeht - die Lieblingssünde.

Nicole Richie wird sich bald in Luft auflösen, Kate Bosworth sowieso, und Victoria Beckham hält sich als Reinkarnation von Ötzi wahrscheinlich auch nicht mehr lange. Die Hälfte der Bevölkerung Hollywoods wird zu Mikrobenstaub zerfallen, übrig bleiben lediglich ein paar unverwüstliche Beckenknochen, Nasenplastiken und Silikonpolster. Schlimme Zeiten, die da kommen. Bald auch bei uns, denn solche Trends schwappen ja rüber. Aber um mich muss sich niemand Sorgen machen. Wenn ich überhaupt im Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme verenden sollte, dann weil ich platze. Und dass jemand geplatzt ist, habe ich lange nicht mehr gelesen.

Ich esse normalerweise gesund und maßvoll. Das normale Ich-sitze-viel-am-Schreibtisch-und-will-nicht-zu-sehr-aus- dem-Leim-gehen-Programm eben. Aber, es gibt Ereignisse, zum Beispiel Hochzeiten oder ähnlich geartete Feiern, die meinen Nicht-aus-dem-Leim-gehen-Alltag aus seinem trostlosen Trott reißen. Ereignisse, auf die ich mit nur einem Vorsatz gehe: Exzessivität. Exzessiv feiern und genauso exzessiv die guten Dinge essen, die einem dort vorgesetzt werden. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Diese Schlemmerorgien bedürfen allerdings, um ihren vollen Reiz zu entfalten, einer geringfügigen Vorbereitung. Die fängt mit dem geeigneten Kleid an (passabler Stretch-Anteil oder herausragen-der Schnitt) und hört mit einer kontrollierten Nahrungsaufnahme im Vorfeld auf. Denn Völlerei mit vollem Magen macht keinen Spaß. Ich plädiere hier nicht für Wattebäuschchen in Cola light getränkt oder Esspapier, aber wichtig ist: ein paar Tage vorher keine aufwändigen Kreationen, nichts Exotisches, nichts Blähendes - das gibt's ja alles bei der Feier. Nach drei oder vier Tagen Reduktionskost hat man genau den richtigen Appetit auf Seeteufel an Balsamico-Jus, Rinderlendchen auf Champignon-Mousse und geeistes Cappuccino-Parfait, oder was Büfett und Menü sonst noch hergeben. Meine allergrößte Lieblingssünde ist die Hochzeitstorte. Die wird ja in der Regel um Mitternacht serviert. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gästen, die das mehr- stöckige Gepäck gern mit den unwürdigen Worten: "Oh Gott, nicht noch was Süßes!" kommentieren, verspüre ich zu genau diesem Zeitpunkt (der letzte Sketch ist halbwegs nüchtern über die Bühne gegangen, der erste Tanz getanzt) einen wunderbaren Appetit auf schwere sahnige Creme, umhüllt von einer dicken Marzipanschicht. Große Enttäuschung rufen bei mir Obsttorten hervor. Eine Hochzeitstorte muss schwer, sahnig und monströs sein, alles andere ist ein Skandal.

Die Torte ist der Höhepunkt des hemmungslosen Schlemmens. In Einzelfällen kann es nach ihrem Genuss trotz besagter Vorbereitung zu kleinen Aussetzern kommen, aber das ist nicht weiter schlimm. Auf der vorletzten Hochzeit unseres ehemaligen Außenministers, auf die ich mehr oder weniger zufällig geriet, verfiel ich nach drei Stücken Mousse-au-Chocolat-Torte in Bewegungs- und Kommunikationsunfähigkeit. Diesem Zustand begegnet man am besten in leicht ausgestreckter Sitzposition für mindestens 20 Minuten, in denen einem auch möglichst niemand ein Gespräch aufzwängen sollte. Abgelegene Ecken dafür finden sich in jedem Restaurationsbetrieb. Man darf sich jetzt nur nicht hängen bzw. gehen lassen, sondern sollte bei nächstbester Möglichkeit wieder auf die Tanzfläche zurückkehren. Denn wie war das? Wer schlemmen kann, kann auch feiern.

Text: Nikola Haaks Foto: clipart.com BRIGITTE Balance 4/2006
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