Sardinien mit dem Mountainbike

Die Italiener schütteln den Kopf über die Touristen auf dem Mountainbike. Doch die Biker kämpfen sich ungerührt und mit Schweißperlen auf der Stirn die Berge rauf und werden für ihre Strapazen fürstlich belohnt - mit traumhaften Ausblicken auf die Berge und die Küste Sardiniens, mit intensiven Düften und leckerem Essen.

Sardinien - Paradies für Mountainbiker

Training während der Hitzewelle: Diese Regeln solltet ihr beachten

"Kann das Spaß machen?", fragt die Urlauberin, die im Nachbar-Appartement wohnt mit einem Blick auf unsere Mountainbikes. Ihrem Gesichtsausdruck sieht man an, dass sie das nicht glaubt. Sie deutet auf den steilen Weg, der zu unserer Unterkunft in den Bergen von Portixeddu an der Westküste von Sardinien führt: "Seid ihr das etwa auch gefahren?". Der Weg ist so steil, dass man selbst zu Fuß kämpfen muss, um nach oben zu kommen. Mit dem Mountainbike haben wir den Anstieg nur im kleinsten der 24 Gänge geschafft - und auch nur gerade so.

Kaum Kondition und ein einstündiger Anstieg

Wir, das sind 11 Mountainbiker aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Belgien und den USA und unsere zwei italienischen Guides. Eine Woche lang fahren wir durch Sardinien, von Pula, südlich der Inselhauptstadt Cagliari, bis Montevecchio, einem alten Bergarbeiterdorf im Westen Sardiniens. Jeden Tag warten bis zu 67 Kilometer und 1300 Höhenmeter auf uns.

Blick auf die weißen Mittelmeer-Strände an der Südspitze Sardiniens.

Macht das Spaß? Die Frage stelle ich mir auch, als wir uns beim härtesten Teil der Tour fast 700 Höhenmeter am Stück nach oben kämpfen. Auf Schotter, was es nicht leichter macht. Mir wird spätestens jetzt klar, dass ich zu wenig trainiert habe. Okay, ich wusste, dass Reiten und gelegentliches Joggen nicht gerade die ideale Vorbereitung für eine einwöchige Mountainbike-Tour sind. Aber Berge sind in Norddeutschland Mangelware und im Flachland zu fahren, war mir zu langweilig. Außerdem hatte ich mehrere Alpenüberquerungen mit dem Mountainbike in den Beinen, zwar aus den Vorjahren, aber dafür zum Teil mit weit mehr Höhenmetern als bei dieser Tour. Das müsste doch auch jetzt für die 700 Höhenmeter am Stück reichen, oder?

Schweißperlen brennen in den Augen

Eine Stunde etwa wird der Anstieg dauern, hat Alessandro, einer der beiden Guides, gesagt. Jeder soll sein eigenes Tempo fahren. Das tun wir, die Gruppe fällt schnell auseinander. Ich finde den Anstieg höllisch anstrengend. Meine Pulsuhr blinkt schon nach den ersten zehn Minuten aufgeregt, meine Herzfrequenz ist viel zu hoch. Ich ignoriere das Blinken und auch die Schweißperlen, die in meine Augen tropfen und ein unangenehmes Brennen auslösen. Ich versuche, mich nur auf die zwei Meter vor mir zu konzentrieren und nicht daran zu denken, wie viel noch vor mir liegt.

Steineichen und gelegentlich Pinien säumen den Weg nach oben. Ich nehme sie nur aus den Augenwinkeln war. Genauso wie die vielen Sträucher mit den roten Früchten, die aussehen wie Erdbeeren, und von denen unser Guide Alessandro später erzählen wird, dass Sie essbar sind und neue Energie bringen. Gut zu wissen.

Noch liegt Guide Renato (links) vorne. Doch Eric ist ihm mit seinem Mountainbike dicht auf den Fersen.

Aber noch bin ich nicht oben. Ich freue mich, als ich nach einer Kurve etwas weiter vor mir Christa in ihrem weißen Trikot sehe. Dann sind die anderen doch nicht so weit weg, wie ich befürchtet hatte. Christa kommt aus der Schweiz. Sie sieht nicht nur gut trainiert aus, sie ist es auch. Zu ihren Freizeitbeschäftigungen gehören Bergläufe, Halbmarathons und Gletschertouren. Hinter uns fährt Dawn, 48, Professorin aus den USA. Sie ist das Schlusslicht. Wenn es ihr zu steil wird, steigt sie ab und schiebt. Nach 20 Jahren auf dem Mountainbike muss sie sich nichts mehr beweisen. Zwischen Kongressen, Seminaren und Forschungsarbeiten fehlt ihr inzwischen die Zeit fürs Training, das merkt sie jetzt genauso schmerzlich wie ich.

Fenchel wird zur Glücksdroge

Während ich noch gegen das Bedürfnis ankämpfe, auch vom Mountainbike abzusteigen und zu schieben, sehe ich zwischen den Bäumen einen orangefarbenen VW-Bus. Es ist der Tourbus, der uns begleitet. Der zweite Guide Renato erwartet uns dort mit Wasser, Keksen und kleingeschnittenen Bananen- und Orangenstücken. Was für eine Oase! Das härteste Stück an diesem Tag ist geschafft.

Es kommt mir vor, als würden die Orangen in Sardinien süßer und saftiger schmecken als sonst. Überhaupt zeigt sich die Natur auf dieser Tour in einer nie gekannten Intensität. Oder wird die Wahrnehmung durch die Anstrengung geschärft? Da sind zum Beispiel die Düfte. Mal riecht es intensiv nach Eukalyptus und Myrte, dann ein paar Meter weiter nach Curry. In der Nähe der Küste kommt der salzige Geruch des Meeres dazu. Einmal entdecke ich am Rand eines Weges einen Strauch mit wildem Fenchel. Ich zerreibe die Blüten zwischen den Fingern und sauge den herrlich-intensiven Fenchelgeruch auf. Es fühlt sich an, als würde ich Glücksdrogen einnehmen.

Selbst die wunderschönen Sandstrände und das saubere türkis-schillernde Wasser, das viele Bade-Touristen nach Sardinien lockt, erlebt man als Mountainbiker intensiver. Wie bei unserer Badepause am letzten Tag am Strand von Piscinas, der zu den riesigen Sanddünen der Costa Verde gehört. Am Vormittag fuhren wir noch von Montevecchio aus am Fluss Irvi entlang Richtung Strand. 18 Mal querte der Weg den Fluss - und wir sind mit den Rädern mittendurch gefahren. Das sah man uns auch an: Durch den hohen Eisengehalt ist das Flusswasser fast orangefarben, wie die Spritzer auf unseren Beinen. Dann die Badepause: Der Körper ist vom Biken aufgeheizt, die Muskeln sind müde, das Wasser trägt und kühlt, man fühlt sich von einer Sekunde auf die nächste ganz leicht und entspannt.

Traumtrail auf Sardinien: Downhill entlang der Küste südlich von Pula.

Doch die Entspannung hält nicht lange: Nach der Erfrischung erwartet uns ein langer Schotteranstieg. Um uns zu motivieren, verspricht Guide Alessandro einen tollen Ausblick auf Küste und Berge in Sardinien. Ich kämpfe mich durch den Schotter und das Geröll mit dem Mountainbike nach oben. Meter für Meter. Es dauert nicht lange, da fängt meine Pulsuhr wieder an, warnend zu blinken. Die Herzfrequenz steigt auf 170, auf 180. Viel zu hoch, aber egal. Ich will nicht aufgeben. Immer wieder feuere ich mich in Gedanken selbst an "Los, los, los, du schaffst es!". Entspannen während der Fahrt ist nicht drin, fährt man bei so einem steilen Anstieg zu langsam, kippt das Rad sofort zur Seite. Das will ich um jeden Preis verhindern. Denn ist man erstmal abgestiegen, ist der Neustart nicht nur technisch, sondern auch mental echt schwierig.

Der Kopf entscheidet, nicht die Beine

"Los, weiter. Das geht schon noch!". Mein Rekordpuls: 185. Ich fühle die Wärme in meinem Gesicht, das Pulsieren des Blutes. Der Schweiß fühlt sich an, als hätte jemand warmes Wasser über meinen Kopf gekippt. "Weiter, weiter, weiter!". Der Kopf entscheidet jetzt, ob ich weitermache, nicht die Beine oder die Kondition. Der Ergeiz packt mich. Ich habe keine Lust mehr, mit den Letzten zu fahren. Ich will nach vorne. "Los, weiter!" Noch eine Kurve, dann sehe ich die anderen stehen. Der höchste Punkt ist erreicht. Ich komme als vierte an und fühle mich großartig. Völlig durchgeschwitzt, nach Atem ringend, mit hochrotem Kopf, aber mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht. Ich hab's geschafft!

Spätestens jetzt kann ich Renato, unseren Guide, verstehen. Er hat seine Bürotür vor kurzem hinter sich geschlossen - für immer. Vorher arbeitete er nur in den Ferien als Mountainbike-Guide, jetzt ist es sein Hauptberuf. Er wird künftig jeden Tag solche Aussichten genießen, den Duft von Myrthe und Eukalyptus riechen und abends spüren, dass sein Körper mehr getan hat, als nur am Schreibtisch zu sitzen.

Dabei ist es besonders für einen Italiener eine ungewöhnliche Entscheidung. "Unsere Freunde schütteln den Kopf über uns", erzählt Guide Alessandro lachend. Die Kombination aus Mountainbiken und Urlaub ist in deren Augen ganz seltsam, was auch erklärt, warum bei unserer Tour sonst kein einziger Italiener mitfährt und sie auch bei anderen Touren eher die Ausnahme sind. "Die Italiener starten lieber morgens mit dem Mountainbike los, powern sich am Vormittag ein paar Stunden richtig aus und sind dann mittags rechtzeitig zum Pasta-Essen wieder zu Hause", erzählt Alessandro.

Essen unter Olivenbäumen: Renato (links) und Alessandro bereiten das Picknick vor.

Die Armen. Damit verpassen sie auch die wunderbaren Picknicks, auf die wir uns jeden Tag freuen. Unter Olivenbäumen oder zwischen Steineichen servieren Alessandro und Renato Reissalat, geschnittene Birnen und Hartkäse an einem Tag, Salat aus Kichererbsen, Mais, Radicchio und mit sardischem Honig bestrichenen Hartkäse am nächsten. Dabei vergessen Sie nie, das mitgebrachte Tischtuch auszubreiten.

Kaum zu glauben, dass wir abends trotzdem wie ein Rudel hungriger Wölfe um den Abendbrottisch kreisen. Die Sarden essen oft erst um halb neun, viel zu spät für ausgepowerte Mountainbiker. Zum Glück gelingt es Alessandro meist, sie auf acht Uhr runterzuhandeln. Und dann wird aufgetischt:

Herausforderung für hartgesottene Fleischesser

Los geht es mit gebratenen und eingelegten Zucchini, Auberginen, Pilzen, Wurstscheiben, Käse und vielem mehr. Und das ist erst der Anfang! Bei Rosanna, in deren Bed & Breakfast in Nuxis wir übernachten, gibt es danach fantastische selbst gemachte Ravioli mit Käse-Spinat-Füllung. Dann der Hauptgang: riesige Platten mit Spanferkel (das berühmte sardische "porcheddu"), Ziegenfleisch und eine weitere sardischen Spezialität, die vor allem aus Innereinen besteht und die selbst für hartgesottene Fleischesser eine Herausforderung ist. Von den Mandelkeksen und dem Obst, die es traditionell zum Dessert gibt, schaffen wir kaum noch was. Als "Schlaftrunk" gibt es noch Espresso und "Mirto", einen Likör aus Myrthe, der auf der Insel sehr beliebt ist. Uff.

Mit vollem Bauch liege ich im Bett und träume noch mal vom Highlight der Tour, der alten römische Küstenstraße zwischen Nora und Bithia. Ein Singletrail, der auch für weniger erfahrene Mountainbiker größtenteils fahrbar ist und der hinter jeder Kurve neue spektakuläre Blicke auf das Meer freigibt. Es gibt eine schwierigere Stelle, bei der ich lieber absteige. Dafür ist Eric in seinem Element. Er ist mit 29 Jahren der Jüngste der Gruppe und auch der Wagemutigste. Obwohl er sich bei einem Sturz vom Bike schon mal das Rückrat gebrochen hat, fährt er nach wie vor vorne direkt nach dem Guide zügig runter.

Fordernder Untergrund: Auf Sand und Geröll geht es mit dem Mountainbike nach oben.

Er ist längst nicht mehr zu sehen, als ich nach der schwierigen Passage wieder auf mein Mountainbike steige. Die anderen auch nicht. Ich genieße die Ruhe. Es duftet nach Kiefern, das Grün der Macchia-Sträucher leuchtet, der Himmel ist blau, die Sonne gibt alles und mein Mountainbike scheint wie von selbst über die kleinen Absätze und Steine auf dem Weg zu gleiten. Jetzt bloß nicht aufwachen!

"Macht das Spaß?", hatte die Urlauberin gefragt. Ich kann nur sagen: "Ja. Und es gibt kaum etwas Schöneres."

Sardinien - ideal, um die Mountainbike-Saison zu verlängern

Autorin Monika Herbst

Fazit: Mountainbiker, die die Saison verlängern wollen, sind im Frühling und Herbst auf Sardinien richtig. Traumhafte Ausblicke, geniales Essen und viel Natur erwarten sie. Einziger Nachteil: Für Technikfreaks gibt es wenig Abwechslung. Die Routen führen überwiegend über breite Schotterwege und Asphalt. Ausnahme ist bei dieser Tour der traumhaft schöne und gut fahrbare Downhill an der Küstenstraße zwischen Nora und Bithia und ein paar wenige anspruchsvolle Singletrails.

Anbieter für Mountainbiken auf Sardinien

Die beschriebene Tour wird von www.dolcevitabiketours.com, einem sardischen Unternehmen, unter dem Namen "Forests and old Mines of Sulcis" angeboten. Sie kostet 800 Euro für 8 Tage, inklusive aller Übernachtungen, drei Mahlzeiten pro Tag, Gepäcktransport und Begleitung durch zwei Guides. Die Betreuung ist hervorragend und man bekommt guten Einblick in das Land. Weitere Informationen zur Tour: www.dolcevitabiketours.com

Sardinien-Urlaube mit dem Mountainbike bieten außerdem an:

  • DAV Summit Club
  • Gallura Bike Point
Text: Monika Herbst Fotos: privat/ Monika Herbst

Wer hier schreibt:

Monika Herbst
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.