Schmerzen beim Joggen: Die besten Tipps

Schmerzen beim Laufen hat fast jeder Jogger mal. Einfach weiterrennen oder ernst nehmen? Kommt drauf an!

Vor einiger Zeit begann die Sehne unter meiner Kniescheibe beim Joggen zu schmerzen: bei jedem Schritt, vor allem bergauf, mal stechend, mal dumpf ziehend. Was nun: pausieren oder ignorieren? Ich setzte ein paar Tage aus, aber es wurde nicht besser. Ich lief weiter, nichts änderte sich. Also ging ich zum Orthopäden. Und der fand: nichts. Ich war frustriert. Und erstaunt. Kann man denn Schmerzen haben, ohne dass etwas verletzt ist? Und wenn Schmerzen nicht gleichbedeutend sind mit Verletzungen – wofür sind sie dann ein Signal?

Der Experte weiß: Die meisten Schmerzen bei Läufern sind das Resultat einer Überbelastung

Für Dr. Matthias Marquardt ist das nichts Ungewöhnliches. Der Internist und Sportmediziner aus Hannover hat sich auf Läufer spezialisiert, und es ist nicht selten, dass seine Patienten keine sichtbaren medizinischen Befunde haben. Röntgen, Ultraschall, MRT? Alles unauffällig. "Das liegt daran, dass ein Großteil der Laufbeschwerden funktionelle Ursachen hat. Die Schmerzen entstehen durch Überlastungen und Fehlbewegungen, es ist aber nichts kaputt", so Marquardt. "Überhaupt sind über 80 Prozent der Beschwerden bei Läufern Überlastungsschäden – also Entzündungen der Knie- oder Achillessehnen, unspezifische Rückenschmerzen, Schienbeinkantensyndrom, Probleme am Vorderfuß."

Weniger als ein Fünftel sind dagegen auf akute Verletzungen zurückzuführen, die man in bildgebenden Verfahren sehen kann, wie beispielsweise ein Bänderriss nach dem Umknicken auf einer Baumwurzel – und wo unbedingt eine Laufpause eingelegt werden muss, damit das beschädigte Gewebe heilen kann. "Chronische Überlastungen dagegen werden durch Rumsitzen nicht unbedingt besser", so Marquardt.

Wenn nichts gerissen, gebrochen oder gestaucht ist, kann man in der Regel in gewissem Umfang weiterlaufen, eventuell muss man das Training etwas umstellen

Schmerz gilt eigentlich als Warnsignal des Körpers. Er ist aber vor allem ein Konstrukt des Gehirns: "Besteht er über mehrere Monate, kann er sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickeln und von seiner körperlichen Ursache lösen", sagt die Schmerzmedizinerin Dr. Tina Schleper vom Hamburger Krankenhaus Tabea. Rezeptoren in Muskeln, Gelenken, Faszien und Sehnen funken ungewohnte Signale ans Gehirn, das daraus eine Gefahr schlussfolgert und Alarm schlägt. Bei Läufern kann dieser Mechanismus allerdings auch durch einen gesteigerten Trainingsumfang oder eine veränderte Körperhaltung ausgelöst werden. Schmerzen sind folglich nicht immer gleichbedeutend mit Verletzungen.

Was also tun, wenn es beim Laufen immer wieder an derselben Stelle zwickt? Zunächst gilt es herauszufinden, was los ist – am besten bei einem Sportarzt, der Erfahrung mit Läufern hat. "Wenn nichts gerissen, gebrochen oder gestaucht ist, kann man in der Regel in gewissem Umfang weiterlaufen, eventuell muss man das Training etwas umstellen", sagt Laufarzt Marquardt. "Wichtig ist, die Ursache der Beschwerden zu finden, zu beheben und die Funktion des betroffenen Körperteils wiederherzustellen: zum Beispiel mit Einlagen, einer Änderung des Laufstils, einer Sehnentherapie oder Muskeltraining."

Gezieltes Muskeltraining kann den typischen Beschwerden vorbeugen: Welche Übungen helfen?

Vieles davon haben wir glücklicherweise selber in der Hand. Der häufigste Fehler, den wir machen, ist ein Übertraining: "Mehr als die Hälfte der Laufbeschwerden geht zurück auf zu hohe Laufumfänge, ein zu schnelles Tempo oder zu kurze Regenerationszeiten", so Marquardt. Die Faustregel von Trainingswissenschaftlern lautet hier: Strecke vor Tempo erhöhen und die Strecke von Woche zu Woche um maximal zehn Prozent steigern –weniger ist hier oft mehr.

Häufig quälen uns auch verkürzte Muskeln und Faszien – weil sie am Gelenk ziehen und Druck ausüben. Hier helfen gezielte Übungen zur Dehnung oder Kräftigung von Bein-, Hüft- und Rumpfmuskeln. Wie Forscher aus Ohio und Indiana herausfanden, reduziert zum Beispiel ein Training der Bauch- und Rückenmuskeln die Beschwerden von Läufern im unteren Rücken, eine Hüftkräftigung die Schmerzen an der Patellasehne. Und auch am Laufstil kann man was tun. Kniebeschwerden zum Beispiel treten selten bei Vorfußläufern auf, Achillessehnenprobleme seltener bei Fersenläufern. (Konkrete Übungen zu den Läuferbeschwerden gibt’s hier: Laufverletzungen im Überblick).

Paradox: Die Liebe zum Laufen lässt die Schmerzen noch stärker werden 

Wenn der Schmerz allerdings nicht weniger wird, sondern immer und immer wieder auftritt, kann es auch der Kopf sein, der uns quält. Das Gehirn merkt sich unangenehme Erfahrungen. "Die andauernden Schmerzen können Spuren im Nervensystem hinterlassen, ein Schmerzgedächtnis entsteht", so Schmerzmedizinerin Schleper. Die Folge: Beim nächsten Mal tut es früher und stärker weh. Auch Stimmung, Stress, Erfahrungen und Ängste können den Schmerz verstärken. Je mehr Bedeutung wir dem Laufen geben, desto größer kann die Qual ausfallen.

Schon paradox: Man liebt das Laufen und muss aufhören, weil es so wehtut. Und dann verschlimmert die Trauer darüber die Probleme auch noch. Und noch etwas kommt dazu: Setzen begeisterte Läufer aus mit ihrem Sport, verstärkt sich im Gehirn die Idee, dass im Körper etwas Schlimmes los ist. Katastrophisierung und Angst und Vermeidungsverhalten nennen es Experten, wenn man die Beschwerden dramatisiert und Strategien gegen Bewegung entwickelt, um künftig Schmerz zu verhindern. "Wenn kein akuter Gewebeschaden vorliegt, ist es daher auch für den Kopf wichtig, sich weiter zu bewegen, statt sich zu schonen", so Schleper.

Meine Kniebeschwerden waren übrigens weg, nachdem ich meine Laufeinheiten durch Radtouren, Kniebeugen, Ausfallschritte und ein tägliches Stretchingprogramm ersetzt habe. Ich fokussiere mich seitdem nicht nur auf das Laufen, sondern achte mehr auf meinen Körper, die nötigen Pausen und vor allem: starke und bewegliche Muskeln. Läuft.

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BRIGITTE 11/2019

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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