Skispringen: Können Frauen das auch?

Zum ersten Mal dürfen Frauen am Samstag zum Weltcup im Skispringen starten. Wie sich das anfühlt und was Skispringen mit der Gebärmutter zu tun hat.

Lange war Skispringen eine reine Männerdomäne. Einen wirklichen Grund dafür gab es nicht. Doch die Sprüche der Herren ließen tief blicken: Gian-Franco Kasper, der derzeitige Präsident des Internationalen Skiverbandes, behauptete 1997, die Gebärmutter einer Frau könne bei der Wucht des Aufpralls platzen. Ob ihn sein Psychologie-Studium für solche Aussagen qualifizierte? Aber er war nicht alleine mit solchen vorgeschobenen hobbymedizinischen Äußerungen: Auch beim deutschen Skiverband war man der Meinung, die Wirbelsäule der Frauen könne leiden.

Am Samstag, 3. Dezember 2011, starten die Frauen zu ihrem ersten Weltcup im Skispringen im norwegischen Lillehammer. Die Saison geht bis 10. März 2012, bis dahin treten die Frauen beim Skispringen 14 Mal an.

Wer darauf hofft, das Springen live im Fernsehen verfolgen zu können, wird allerdings enttäuscht. So weit sind wir dann doch noch nicht. Zwar findet sich beim ZDF durchaus mal der Programmpunkt "Skispringen Weltcup", aber auf Nachfrage erfährt man, dass sich der auf die Männer bezieht. Vom Frauen-Skispringen werde lediglich in den Zusammenfassungen berichtet.

Wie fühlt sich das an, selber zu springen? Autorin Katja Töpfer hat sich auf die Schanze gewagt - obwohl sie nicht mal Skifahren kann.

Selbstversuch im Skispringen: Bitte fertig machen zur Landung!

Wäre ich wirklich mutig, würde ich die Sache jetzt abbrechen. Würde die Skier abschnallen und hoch erhobenen Hauptes die Treppe hinuntersteigen. Doch die Furcht vor der Schmach überwiegt. Und so gehe ich in die Knie, der Boden unter mir neigt sich. Ich rutsche zur Kante, bringe die Skier in die beiden Spurrinnen. Meine Hände krallen sich links und rechts an zwei Eisenstangen fest. Jetzt nach vorn kippen, in die Hocke sinken lassen, bis der Bauch die Oberschenkel berührt. Das Gewicht meines Körpers zieht mich nach unten.

Bis zu diesem Moment kannte ich Skispringen nur aus der Sofaperspektive. Zählte die Flugmeter der Adler, bewunderte sie für elegante Landungen und Disziplin beim Kaloriensparen. Skispringen bringt Helden hervor wie Janne Ahonen, Jens Weißflog, Simon Ammann. Aber ob ich das auch könnte?

"Du und Skispringen?" Als ich meinem Mann von dem Vorhaben erzählte, hielt er das für einen Scherz. "Du kannst ja nicht mal Ski fahren." Das sei nicht unbedingt ein Hindernis, überzeugte mich Jens Greiner-Hiero, als wir uns am Telefon für ein Skisprungtraining verabredeten. Wichtig sei vor allem ein gutes Balancegefühl. Greiner-Hiero hat gut reden, er selbst kann schließlich richtig weit springen. Er war sechsfacher Seniorenweltmeister, ein Mal deutscher Vizemeister. Heute trainiert er beim WSV 08 Lauscha in Thüringen die Jugend. Weil die Ausrüstung der Kinder Geld kostet und das im Verein knapp ist, kam er auf die Idee, Skisprungkurse für Gäste anzubieten. Für jemanden, der im Westen aufgewachsen ist, mag das verrückt klingen. Doch in der DDR war Skispringen in vielen Regionen ein Breitensport. "In Thüringen hatte vor der Wende fast jede Gemeinde eine eigene Schanze", erzählt der 35-Jährige. Bei Greiner-Hiero klingt das Skispringen eigentlich einfach: Nein, Vorkenntnisse seien nicht erforderlich. Nein, Unfälle habe es bei seinen Kursen bisher noch nicht gegeben. Und nein, man müsse vor dem ersten Sprung auch nicht lange üben.

Wir treffen uns am Morgen im Vereinsheim. Holzgetäfelte Wände, in den Regalen stehen Pokale und Wimpel, die Wirtin hat ordentlich eingeheizt. Auf dem Tisch dampft es aus den Tassen mit starkem Filterkaffee. Dazu gibt es Trockenübungen. Zuerst die Ausgangsposition. In die Hocke gehen, Rücken gerade, Arme zeigen seitlich nach hinten. Das Wichtigste beim Absprung: Die Fußspitzen nach oben ziehen. "Niemals mit dem Vorderfuß abspringen, sonst geraten die Skier ins Trudeln", warnt Jens Greiner-Hiero. In der Luft den Körper gerade halten, nach vorn ausstrecken, Skier in V-Stellung bringen. Für die Landung üben wir einen "Telemark-Ausfallschritt". Ich hüpfe ein paar Mal vom Stuhl. "Das klappt super", sagt Greiner- Hiero. "Dann gehen wir jetzt zur Schanze."

"Wie? Jetzt schon?" Mein Herz sackt in die Knie, als ich vom Tal zur Schanze hinaufschaue. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als würde mir der Berg die Zunge herausstrecken. Wir stapfen die Treppen hinauf zu einer kleinen Plattform, auf der sich die Kleiderkammer befindet. Hier bekomme ich meine Ausrüstung: Skier, die 80 Zentimeter länger sind als ich selbst und aussehen wie zu lang geratene Snowboards. Außerdem einen blauen Schaumstoffanzug, einen Helm und Stiefel mit knallengem, nach vorne geneigtem Schaft, der mich zwingt, mit angewinkelten Knien zu gehen. Mit meinem Watschelgang wirke ich eher wie eine Ente als ein Adler kurz vorm Abheben. Ich habe noch eine kurze Schonfrist. Am Auslauf der Schanze kann ich noch ein wenig üben und den Berg auf Skiern hinunterrutschen. Ich bin froh, dass ich die riesigen Bretter unter meinen Füßen nicht abbremsen muss. Einfach seitlich in den Schnee fallen lassen. Das klappt.

Stufe 23. Ich denke daran, wie meine Knie die Landung überstehen werden. Und an Eddie the Eagle, den schlechtesten Skispringer aller Zeiten. Der Handwerker aus Bristol war nie ein professioneller Sportler, wollte aber unbedingt einmal an den Olympischen Spielen teilnehmen. Mit Skispringen suchte er sich eine Sportart aus, in der er in Großbritannien keine Konkurrenz hatte. Unter dem Helm trug Eddie eine riesige Brille, die ständig beschlug. Das Publikum liebte ihn für sein schiefes Lachen und seine wackeligen Sprünge bei den Winterspielen 1988 in Calgary. Angst, sagte Eddie in einem Interview, hätte er vor jedem einzelnen Sprung gehabt. Sie sei gut für die Konzentration. Man dürfe nur noch an das denken, was vor einem liege. Noch drei Stufen, dann bin ich oben.

Vor mir liegt der Abgrund. An dieser Stelle muss ich allerdings gestehen: Ich stehe natürlich nicht an der 76 Meter langen Profischanze. Es gibt auch eine für Anfänger. 15 Meter lang, 30 Grad Neigung. Aber das ist hoch genug ... "Lass einfach los", sagt Jens Greiner-Hiero. Ich kann nicht sagen, wie lange ich da oben stehe. Irgendwann fühlen sich meine Arme schwer an. Bringen wir's hinter uns. Ich öffne die Finger, und die Schwerkraft reißt mich mit sich, auf den Keramikspuren rase ich nach unten zum Schanzenteller. Tannenzweige markieren die Stelle, an der man abspringen soll. Die darf ich nicht verpassen. Die Skispitzen schießen über die Kante. Jetzt! Springen! Lang machen, Fußspitzen zum Schienbein ziehen. Die Zeit in der Luft reicht nicht mal, um Janne Ahonen zu rufen. Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht richtig gemerkt, dass ich geflogen bin. Aber die Spuren im Schnee sind eindeutig. Landung bei Meter 14! Das Adrenalin rauscht in meinen Ohren. Erst im Auslauf merke ich, dass ich noch immer schreie wie ein Hirsch zur Brunftzeit. Und so fühle ich mich auch. Ich will mehr und springe noch viele Male an diesem Tag. Die 14 Meter erreiche ich nicht mehr. Aber das ist auch völlig egal.

Den Sprung wagen

Ein Tageskurs beim WSV 08 Lauscha kostet ca. 100 Euro, ein Wochenendkurs ca. 170 Euro. Weitere Infos unter www.fsv-07-lauscha.de/wsv

Noch mehr Wintersportarten: www.brigitte.de/wintersport

Text: Monika Herbst und Katja Töpfer Fotos: Hummel

Wer hier schreibt:

Katja Töpfer Monika Herbst
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