Bewegung wird so notwendig wie Zähneputzen

Leben wir bald in einer Gesundheitsdiktatur? Oder in einer Welt, in der Sport wie Zähneputzen zum Alltag gehört? Ein Gespräch mit der Trendforscherin Anja Kirig.

BRIGITTE: Bewegung wird künftig eine Notwendigkeit sein und nicht mehr Spaß, schreiben Sie in Ihrer Studie "Sportivity - Die Zukunft des Sports". Wird Sport für uns wie Zähneputzen zum alltäglichen Ritual?

Anja Kirig: Ja, denn wir leben in einer Welt, in der immer mehr Menschen den ganzen Tag sitzen. Der Trend zur Digitalisierung zwingt uns, am Computer zu hocken, wir tippen ständig auf unseren Smartphones herum und fahren mit dem Auto zur Arbeit. Dadurch entsteht nicht nur eine Notwendigkeit, sondern ein neues Bedürfnis, sich als Ausgleich zu bewegen und Sport zu treiben. Der Mega-Trend Gesundheit verändert auch unser Sportverhalten. Die Menschen haben irgendwann angefangen, sich die Zähne zu putzen, um Karies zu vermeiden, nun fangen sie an, Bewegung in ihren Lebensalltag zu integrieren.

Kritiker wie etwa die Schriftstellerin Juli Zeh bemängeln, wir seien auf dem Weg in eine Gesundheitsdiktatur.

Gesundheitspolitisch ist es eine Notwendigkeit, sich mehr zu bewegen. Das ist ein diktatorischer Ansatz, klar. Auch die Bedürfnisse ändern sich aber. Fakt ist, dass die Menschen immer älter werden und den Wunsch haben, bis ins hohe Alter hinein körperlich und psychisch fit zu bleiben. Dafür beginnen sie, ihren Lebensstil zu verändern: Sie bewegen sich mehr, ernähren sich gesünder und ausgewogener, achten mehr auf sich selbst und ihre Bedürfnisse.

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Die Politologin Anja Kirig, 37, arbeitet als Trendforscherin am Zukunftsinstitut in München. Ihre Schwerpunkte sind die Bereiche Tourismus, Freizeitkultur und Gesundheit.

Passt in den zunehmenden Optimierungswahn, der zur Zeit herrscht.

Es hat eher etwas mit Selbstfürsorge zu tun. Nicht die schlanke Figur, sondern eine generelle Sportlichkeit wird zum Ziel. Ein sportliches Aussehen zeigt, dass man auf sich achtet und gut mit sich umgeht, dass man ein Bewusstsein dafür hat, was man braucht. Selbstfürsorge ist hoch angesehen und wird noch wichtiger werden - daher werden die Menschen sich mehr bewegen.

Ich habe eher den Eindruck, dass sich viele Menschen in ihrer Komfortzone eingerichtet haben...

Wir haben für unsere Trendstudie rund ein dutzend Studien ausgewertet, Experten befragt und herausgefunden, dass die meisten Menschen gern Sport treiben würden. Gleichzeitig sagen 60 Prozent, dass ihnen die Zeit dafür fehle. Es ist also nicht der innere Schweinehund, der viele abhält, sondern die fehlende zeitliche Möglichkeit - ob es der Beruf ist, der einen stark einspannt, der Haushalt oder die Familie. Bewegung ist ein ureigenes inneres Bedürfnis, aber wir werden mit zu wenig flexiblen Angeboten konfrontiert und an zu wenige Sportarten und Bewegungsmöglichkeiten herangeführt, die in unser Leben passen. Sport in die letzte freie halbe Stunde hineinzuquetschen hat keine Zukunft.

Die Zukunft des Sports ist die Arbeit.

Warum nicht?

Die Zukunft des Sports ist die Arbeit. Die Herausforderung für Unternehmen lautet: Wie kann ich die Arbeitskultur so flexibel gestalten, dass jeder Mitarbeiter sein Bedürfnis an Bewegung integrieren kann? Um 14 Uhr, wenn sich gerade die Betriebssportgruppe trifft, passt es vielleicht zeitlich nicht - oder die Lust fehlt. Individuelle Angebote zu schaffen ist wichtig. Das kann die Möglichkeit sein, mittags drei Stunden Pause zu machen, um ins Fitnessstudio oder zum Reiten zu gehen, und dafür abends länger zu arbeiten. Oder ein Fahrrad-Ergometer vor dem Bildschirm. Aber auch kleine Dinge wie Duschen und Umkleiden in der Firma, ein Kicker oder eine Tischtennisplatte im Konferenzraum gehören dazu. Der Büro-Alltag muss sich zur natürlichen Umgebung des Menschen wandeln und ein Stück Steinzeitwelt integrieren.

Ist das nicht paradox: Arbeit wird zur Freizeit und Gesundheit zur Arbeit?

Der Druck der Mitarbeiter auf die Arbeitgeber wird zunehmen, neue Möglichkeiten für Bewegung im Rahmen der Arbeit zu schaffen. Es geht darum, ihnen mehr Verantwortung zu übertragen, wann sie Pausen brauchen und wann sie gut arbeiten können. Das hat viele Vorteile für die Unternehmen: Die Mitarbeiter sind gesünder und kreativer, weil sie nicht den ganzen Tag nur an ihrem Schreibtisch gehockt haben. Gute Ideen kommen oft beim Joggen oder unter der Dusche. Für die Unternehmen ist es außerdem ein Instrument, Mitarbeiter zu binden, denn die jüngere Generation hat ein neues Bewusstsein für Arbeit. Bei den um die 30-Jährigen steht die Lebenszufriedenheit an erster Stelle. Arbeit ist zwar ein Teil davon, aber nicht mehr das oberste Ziel. Und auch die Politik und die Gesellschaft werden neue Lösungen verlangen, um den volkswirtschaftlichen Folgekosten mangelnder Bewegung entgegenzuwirken.

Manche empfinden Spazierengehen als Sport, andere einen Triathlon.

Alles, was Sie beschreiben, passt zu einem klassischen Büro-Alltag. Ein Großteil der Menschen hat aber ganz andere Arbeitsbedingungen, oder?

Der Bewegungsmangel ist am Büro-Arbeitsplatz am größten, denn zum Beispiel Handwerker oder Verkäufer bewegen sich bei der Arbeit naturgemäß mehr. Aber auch an diesen Arbeitsplätzen sollten Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen, in der Pause ihre Yogamatte ausrollen oder duschen zu können, nachdem sie eine halbe Stunde Radfahren waren. Es geht darum, eine Arbeitskultur zu schaffen, in der die Menschen ihr Bewegungsbedürfnis ausleben können, egal wo.

Sprechen wir hier eigentlich von Bewegung oder von Sport? Das ist ja ein großer Unterschied.

Es gibt ein neues Verständnis von Sport und Bewegung, denn Sport ist heute so ausdifferenziert wie die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Einige Menschen empfinden 20 Minuten Spazierengehen als Sport, andere acht Stunden Triathlon. Wir haben daher einen neuen Überbegriff kreiert: Sportivity. Eine Arbeitsgesellschaft funktioniert nur, wenn Sportivity, also Sport und Bewegung, integriert sind. Ob wir uns, wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, pro Woche 150 Minuten moderat bewegen oder 75 Minuten sportlich betätigen, spielt keine Rolle für die Gesundheit und unser Wohlbefinden. Entscheidend ist, dass Sportivity zu unserem Leben fest dazugehört.

Viele Menschen haben keine Lust auf Verpflichtungen.

Wie genau müssen sich denn die Sport-Angebote verändern, um in unseren Alltag zu passen?

Viele Menschen haben keine Lust auf Verpflichtungen. Sie sind beruflich oder familiär so eingespannt, dass sie ansonsten flexibel sein wollen. Diese Flexibilität müssen Vereine und kommerzielle Anbieter künftig anbieten, sie müssen freier in ihrem Denken und ihren Strukturen werden, verschiedene Orte bespielen, außerhalb genormter Stätten, um sich dem Wunsch nach Individualisierung und Freiheit anzupassen. Wenn Sportanbieter die Stadt nicht als Betonwüste verstehen, sondern als großen Spielplatz und Sportlandschaft, gibt es ganz neue Möglichkeiten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wie wir heute überall Fahrrad-Parkplätze haben, so sollte man zum Beispiel auch öffentliche Duschen, Umkleidekabinen und Spinde in die Parks stellen. Das sind Dinge, die sich in Zukunft verändern müssen und werden.

In Zukunft wird es mehr um ein individuelles Wohlempfinden gehen.

Jeder zweite Deutsche wiegt zu viel. Wird sich das Thema Übergewicht dann automatisch lösen?

Heute gilt man ab einem BMI von 25 als übergewichtig, und das ist ein sehr wissenschaftlicher Ansatz. In Zukunft wird es mehr um ein individuelles Wohlempfinden gehen: Fühle ich mich übergewichtig? Was bedeutet es für mich, einen gesunden Körper zu haben? Es lässt sich beobachten, dass Menschen bewusst und aktiv an ihrem körperlichen und psychischen Wohlbefinden arbeiten, daher werden sie über kurz oder lang von sich aus den Schritt machen,mit Bewegung ihren Lebensstil zu verändern, um zum Beispiel Krankheiten wie Diabetes oder Depressionen vorzubeugen.

Aber ist es nicht so, dass viele Menschen dabei gar nicht mitmachen können? Fitness ist ja auch eine Frage des Geldes.

Ich glaube nicht, dass sich die Mittel- und Oberschicht mehr bewegt als die Unterschicht, weil dort das Problem der Vereinbarkeit mit dem Alltag genauso besteht. Auch bei den unteren Schichten ist ein großes Interesse für Sport da, das sieht man in den Vereinen. Bewegung lässt sich mit wenig Mitteln umsetzen und muss nicht teuer sein - im Gegensatz zur Ernährung, wo hochwertige Bioprodukte teurer sind als die vom Discounter.

Das enge Körperbild löst sich in Zeiten der Individualisierung auf.

Noch ein ganz anderer Aspekt: Gerade bei jungen Mädchen ist der Druck, möglichst schlank zu sein, sehr groß. Erhöht nicht alles, was Sie sagen, diesen Druck noch zusätzlich?

Sobald man eine breitere Palette an Sport- und Bewegungsangeboten anbietet, verbreitert sich auch die Palette der Körperbilder. Einer macht vielleicht Leichtathletik und ist sehr schlank, ein anderer stemmt Gewichte und ist eher muskulös. Bei jedem Sport kommen unterschiedliche Körpertypen heraus. Auch unabhängig vom Sport gehen die Menschen gerade zu einem authentischen Ich zurück und suchen, was für sie persönlich wichtig ist. Das könnte den Druck, möglichst dünn zu sein, in den kommenden Jahren senken, weil es entscheidender wird, was jemand selbst für wichtig hält, als was von außen diktiert wird.

Das ist doch eine Utopie!

Ich streite ja nicht ab, dass viele Mädchen heute dem Druck des engen Schönheitsideals unterliegen, dem sie sich unterwerfen, und dass es eine riesige Industrie gibt, die das unterstützt. Aber immer mehr Leute machen nicht mehr mit und gucken lieber auf das, was für sie wichtig ist. Das enge Körperbild löst sich in Zeiten der Individualisierung auf. In den sozialen Netzwerken findet man Vorbilder, die den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen entsprechen. Wir haben immer mehr Möglichkeiten, unseren Platz zu finden.

Die wichtigsten Studienergebnisse im Überblick

Für die Studie "Sportivity - Die Zukunft des Sports" hat das Zukunftsinstitut Experten befragt und aktuelle Studien und Statistiken ausgewertet. Das sind die zentralen Erkenntnisse:

  • Unsere Gesellschaft war noch nie so an Sport und Bewegung interessiert wie heute.
  • Es ist vor allem die Berufstätigkeit, die Menschen gegen ihren Willen vom Sport fernhält.
  • Sport wird künftig anders verstanden werden: Rekorde, Wettkampforientierung und Leistung werden von dem Wunsch abgelöst, ein neuen Lebensgefühl in den Alltag zu integrieren.
  • Zunehmend werden sich die Menschen über ihre Sportart, ihr Team und die Trainingsintensität definieren statt über Beruf, Familie oder Herkunft.
Interview: Daniela Stohn Ein Artikel aus BRIGITTE 24/2014

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn
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