Stand Up Paddling: Spazieren auf dem Wasser

BRIGITTE-Redakteurin Nicole Wehr hat Stand Up Paddling getestet - und darin eine entspannte Alternative zum Wellenreiten gefunden.

Etwas aus der Puste vom Gegen-die-Verspätung-Anradeln quer durch Hamburg öffne ich eine weiß gestrichene Pforte. Drei Schritte weiter begrüßt mich Ingo Rotermund: Barfuß und in Boardshorts steht er vor einer Holzhütte im feinen Sand, den er voriges Jahr neben dem Bootshaus Barmeier im Eppendorfer Hayns Park aufgeschüttet hat. Einen festen Händedruck, ein "Entspann' dich erst mal!" und einen Klamottentausch in der Wechselkabine später stapfe ich mit nackten Füßen, in Shorts und Shirt (beides schnell trocknend, man weiß ja nie) auf meinen Trainer zu.

Ich möchte Stand Up Paddling (kurz: SUP) ausprobieren - das heißt: Stehend auf einem Surfbrett übers Wasser gleiten. Vor einigen Monaten noch hatte ich zwei mit Neoprenanzug und Stechpaddel durch einen der Alsterkanäle staksende Menschen belächelt. Möchtegern-Gondolieri. Doch dann, kürzlich in der Mittagspause, machte mich das aufrichtige Schwärmen einer Kollegin - Spaß! Abschalten! Gesund! - neugierig.

Paddeln mit gestreckten Armen

Keine Woche später stehe ich bei SUPco und lasse mir von Ingo zeigen, wie das mit dem Wandern auf dem Wasser geht. Das Wichtigste, die Paddeltechnik, erklärt er mir im Trockenen. Sie hat wenig mit herkömmlichem Paddeln zu tun: Ähnlich wie im Kanadier bleiben die Arme lang, man sticht das Paddel senkrecht zur Wasseroberfläche ein, taucht das ganze Blatt ein und zieht es mithilfe der Rumpfmuskulatur an den Körper. Etwa 25 Zentimeter länger als man selbst sollte das Paddel sein. Bedeutet: Wenn die obere Hand am Knauf fasst, sollte der Arm gerade, aber nicht ganz durchgestreckt sein. Die untere Hand greift am Schaft - und zwar so weit unten, dass in beiden Ellenbogengelenken ein rechter Winkel entsteht, wenn man das Paddel über den Kopf hält.

Nach dem Rechteck-Test geht es auf den Steg. Und auf die Knie. Im Vierfüßlerstand bringe ich mich in Position - parallel zum Brett, das im Wasser bereitliegt. Die so genannten Sups sind größer, leichter und breiter als normale Surfboards. Verletzen kann man sich hier nicht so schnell wie beim Wellenreiten oder Windsurfen. Umso schneller kommen dafür die ersten Erfolgserlebnisse, sagt Ingo. Na dann los: rechtes Knie aufs Brett, linkes hinterher, Paddel quer davor, abstoßen. Ein bisschen umständlich bugsiere ich das Brett und mich weg vom Steg und hin zur Brücke, hinter der sich der Alsterarm weitet.

Nicht nach unten schauen

"So, und jetzt aufstehen", fordert Ingo, der schon vorgepaddelt ist. Bloß nicht blamieren, denke ich und schlucke mein Unbehagen runter. Paddel aufs Brett, Hände vor die Knie, Blick geradeaus (nicht aufs Wasser), Füße nacheinander aufstellen, Paddel greifen und aufrichten. Nicht viel nachdenken, einfach machen - das klappt hier erstaunlich gut. Meine Füße stehen mittig auf dem Brett, sie umrahmen den Griff, mit dem man es an Land zieht. Ich gehe innerlich die Checkliste durch: Beine hüftbreit, Knie leicht gebeugt, Oberkörper vor, Rücken gerade, Paddel mit gestreckten Armen ins Wasser, bis zu den Füßen zurückziehen, dabei aufrichten, wiederholen. Funktioniert!

Allzu viel brauche ich mir darauf aber nicht einbilden, denn: "Eigentlich ist Stand Up Paddling für jeden geeignet, egal wie alt oder fit", sagt Ingo. Nur schwimmen sollte man können. Eine gute Körperspannung und ein Gefühl für Balance hilft - Menschen mit Turn-, Yoga- oder Pilates-Erfahrung sind also klar im Vorteil. Bei richtiger Technik trainiert man damit die gesamte Rumpfmuskulatur und stabilisiert vor allem den Lendenwirbelbereich. Auch Becken, Beine und Po profitieren vom Stehpaddeln. Das Gute am SUP: Für den Mix aus Koordination und Ganzkörpertraining braucht man weder Wind noch Wellen. Nur Lust auf frische Luft und Wasser.

Neugierig geworden? Hamburger können sich bei SUPco Board und Paddel mieten oder Kurse buchen. Doch auch in vielen anderen Städten gibt es inzwischen SUP-Anbieter.

SUP - Trend mit Tradition

Was hierzulande noch als Trendsport gilt, haben Fischer vor der afrikanischen Küste und in Polynesien schon vor Jahrhunderten gemacht: Sie stellten sich aufrecht in flache Kanus aus Baumstämmen, um ihre Beute besser überblicken zu können. Auf Hawaii war es ursprünglich nur dem König vorbehalten, im Stehen zu paddeln. In den 1950er Jahren entdeckten Surflehrer das Stand Up Paddling für sich, weil sie so ihre Schüler besser beobachten konnten und schneller zu den Riffen kamen. Nachdem Surfstar Laird Hamilton mit einem Paddel stehend unter einer Monsterwelle hindurchsurfte, versuchten sich auch Freizeitsportler im SUP. Zusammen mit Kalifornien ist Hawaii noch immer die Hochburg des Stehpaddelns. Seit 2009 gibt es eine eigene Wettkampfserie für den Sport, die Stand-Up-World-Tour der Waterman League. Auch in Deutschland treten inzwischen die weltbesten Paddler gegeneinander an - zum Beispiel vom 16. bis 18. August in der Hamburger Hafencity beim SUP World Cup.

Nicole Wehr

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