Yoga oder Pilates: Was ist das Richtige für dich?

Die einen schwören auf das Kräftigen des Powerhouses, andere auf das ganzheitliche Training von Körper und Geist. Zwei BRIGITTE-Redakteurinnen, zwei Meinungen.

Warum ich Yoga liebe

Einfach nur ich sein

BRIGITTE-Redakteurin Daniela Stohn powert sich gern aus, Yoga war ihr daher lange zu lahm – bis sie die ruhige Seite in sich entdeckte.

Video 1: Anspannen der Bauch- und Beckenbodenmuskulatur

Ich erinnere mich noch genau, wie ausgeschlossen ich mich in meiner ersten Yogastunde gefühlt habe. Eine Kollegin hatte mich mitgeschleppt, ich wollte eigentlich lieber joggen gehen. Und dann saß ich da auf der Matte und verstand bei all dem Om-Gesinge und Gerede von Sonnengruß und Ujjayi-Atmung: nichts.

Während ich mühsam und immer ein paar Sekunden später als alle anderen meinen Po in Richtung Decke oder meinen Kopf zum Knie drückte, kam ich mir nur noch unfähiger vor. Und bei der Vorbeuge bekam ich die Hände nur kurz unter das Knie, bei meiner Mattennachbarin aber lagen beide Handflächen auf dem Boden – und zwar ganz.

Yoga hilft mir den Blick bewusst nach vorne zu richten

Dass ich nicht aufgab, war wieder meiner Kollegin zu verdanken, die mein Jammern ignorierte und mich weiter mitschleppte; sie war überzeugt, dass Yoga genau das Richtige für mich und mein hektisches Naturell sei. Wann genau es klick gemacht hat, weiß ich gar nicht mehr so genau. Irgendwann zwischen der zehnten und zwanzigsten Yogastunde war ich auf einmal verknallt. Hatte Sehnsucht, wenn ich es nicht schaffte, und Glücksgefühle auf der Matte, wenn ich da war. Seitdem bekomme ich eigentlich nie genug.

Und ich begriff endlich, warum Yoga ein seit Jahren boomender Trend ist: Weil es nicht darum geht, was die anderen können, sondern nur um einen selbst. Und das ist – obwohl das nur eine gefühlte Wahrheit ist, die ich nicht empirisch belegen kann – sicherlich auch der Grund, warum es vor allem Menschen ab 40 auf die Matte zieht, die entweder die ersten körperlichen Einschränkungen bemerken oder in der Lebensmitte damit hadern, was sie eigentlich wollen und ob sie im falschen Leben feststecken. Yoga trifft ganz offensichtlich einen Zeitgeist: in unserer hektischen Leistungsgesellschaft zu entschleunigen, den Blick nach innen zu richten, wieder auf die eigenen Bedürfnisse zu hören.

Hier kann ich entspannen, wenn der Stress des Alltags mich nicht loslässt

Mich flasht das total. Wenn ich nach dem Shavasana am Ende einer Yogaklasse die Augen wieder öffne, bin ich glücklich. Weil ich einfach nur bin – ohne Sorgen, Grübeln, Pläne. Mich mit mir verbunden fühle, geerdet und gelassen. Ich finde beim Yoga immer genau das, was ich gerade suche: Kraft und Stabilität, wenn meine Körperspannung niedrig ist. Beweglichkeit, wenn die Muskeln verkürzt sind. Entspannung, wenn der Stress mich gerade überwältigt. Innere Ruhe, wenn der Geist hektisch hin- und herspringt (oft mein Hauptfokus).

Eine Verbindung zum eigenen Körper, wenn ich mich nicht gut spüre. Und auch zu den Gefühlen, die manchmal unter all dem Hetzen und Müssen verschüttet sind. Yoga bewirkt etwas ganz Wunderbares: Ich bin wieder ganz bei mir. Oder, wie der große Yogi B.K.S. Iyengar einst sagte: "Yoga ändert nicht die Art und Weise, wie wir Dinge sehen. Es verändert die Person, die sieht."

Warum ich Pilates liebe

Tschüs, Gedanken-Karussell

BRIGITTE-Redakteurin Anja Haegele ist bekennender Bewegungsmuffel und macht Sport nur, wenn sie muss. Mit einer Ausnahme.

Während einer früheren Phase meines Lebens war ich Mitglied in einem Fitnessstudio. Ich habe dort viel Geld gelassen und wenig Sport getrieben. Bauch-Beine-Po, Complete Body Workout – was man halt so macht. Meist fand ich es wahnsinnig öde, in einem überfüllten Raum mit Schweiß geschwängerter Luft zu schlechter, irre lauter Musik Übungen zu machen. Pilates habe ich damals auch ausprobiert, aber einen bleibenden Eindruck hat es nicht hinterlassen.

Pilates ist der Weg zu einem neuen Körperbewusstsein

Deshalb war ich skeptisch, als meine Gynäkologin mir Pilates zur Rückbildung empfahl. Ich muss ihr wirklich mal sagen, wie dankbar ich dafür bin – denn Pilates hat mein Leben verändert! Nicht das unspezifische Pilates auf der Matte, das in vielen Studios angeboten wird, sondern die Version, die an Geräten praktiziert wird und von Joseph Pilates vor fast 100 Jahren erfunden wurde. Der Mann soll einmal gesagt haben: "Nach zehn Stunden fühlst du den Unterschied, nach 20 Stunden siehst du den Unterschied, und nach 30 Stunden hast du einen neuen Körper."

Das ist natürlich übertrieben, mein Körper zum Beispiel ist nach wie vor übergewichtig, aber mein Körpergefühl war schon nach einem halben Jahr regelmäßigen Trainings ein anderes. Und inzwischen, acht Jahre später, habe ich tatsächlich auf eine Art einen neuen Körper: Nacken- und Schulterschmerzen sind kein Thema mehr für mich. Und ich bin sicher, dass ich nicht mal als Teenager so beweglich war wie heute. Vor allem aber verschafft mir Pilates regelmäßig eine wunderbare Auszeit im Kopf, die ich als berufstätige Mutter von drei Söhnen sonst nur bekomme, wenn ich schlafe. Es geht beim Pilates nämlich vor allem um Präzision.

Joseph Pilates selbst hat seine Methode "Contrology" genannt, weil sein Ziel war, die Muskeln mithilfe des Geistes zu steuern. Man turnt auf Geräten aus Holz, Leder und Stahlfedern, die ein klein wenig an Foltergeräte erinnern. Keine Übung muss mehr als zehn Mal wiederholt werden, dafür aber möglichst präzise und unter Zuhilfenahme aller tief liegenden Körpermuskeln – und davon gibt es verdammt viele ...

Für mich ist Pilates Wellness ohne spirituellen Überbau und Eso-Chichi

Um das zu schaffen, muss ich mich irre konzentrieren. Und auch nach all den Jahren hat meine Trainerin immer noch eine Extra-Anforderung parat wie "nimm die Knie enger zusammen". Letztendlich sind es diese Präzision und Konzentration, die Pilates für mich so attraktiv machen: Mein ganzes Ich ist für acht bis zehn Wiederholungen nur diese Übung. Kein Gedankenkarussell, kein Millimeter Platz für Sorgen um die Kids, den Job oder auch nur die Überlegung, dass wir kein Klopapier mehr haben. Pilates ist pure Wellness, und das ganz ohne spirituellen Überbau oder sonstigen Eso-Chichi, der mich so nervt. Für mich ist es der perfekte Sport!

BRIGITTE 08/2019

Wer hier schreibt:

Daniela Stohn Anja Haegele
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