Frauenarzt: Beraten, behandelt, verkauft

Die neue wöchentliche BRIGITTE.de-Kolumne über Frauen und Gesundheit. Diesmal: Frauenärzte bitten immer häufiger zur Kasse. Das schadet dem Vertrauen.

Neulich war ich bei einer neuen Frauenärztin und damit verband sich gleich eine zweite Premiere: Ich habe das erste Mal geIGeLt, also eine individuelle Gesundheitsleistung in Anspruch genommen, nämlich eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke zur ergänzenden Krebsvorsorge - für 40 Euro. Und das kam so: Die Arzthelferin bat mich in einen Nebenraum, um meinen Blutdruck zu messen, wir plauderten und daraus entwickelte sich das IGeL-Angebot, das ich ohne weiteres Nachdenken annahm.

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Inzwischen weiß ich, dass ein Eierstock-Ultraschall tatsächlich sinnvoll sein kann, um einen bösartigen Tumor möglichst früh zu erkennen. Ich weiß aber auch, dass die Untersuchung deutlich billiger sein kann und dass Gynäkologen und Gynäkologinnen insgesamt die eifrigsten IGeL-Kassierer sind. Im Durchschnitt machen sie zehnmal häufiger so ein privates Leistungsangebot als zum Beispiel ein Allgemeinmediziner, so eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Und dabei sei der Nutzen für den Patienten "keineswegs immer klar".

Der Geldbeutel des Arztes profitiert in jedem Fall. Das Wirtschaftsmagazin für Frauenärzte empfiehlt sogar, Gutscheine über IGeL-Leistungen als ideales Weihnachtsgeschenk anzubieten. Am meisten geärgert habe ich mich aber darüber, dass ich offensichtlich mit einer weit verbreiteten Taktik geködert wurde: Blutdruckmessen, ein persönliches Gespräch, dieses Verhätscheln der Patientin, bevor das Angebot gemacht wird - das lernt das Praxispersonal in speziellen Kursen.

Eines ist übrigens bei der neuen Ärztin genauso wie bei der alten: die Praxisgebühr. Die wird immer verlangt, auch wenn man zu Krebs- oder Schwangerschaftsvorsorge kommt. Dabei ist beides eigentlich von der Kassengebühr ausgenommen, genauso wie der halbjährliche Check der Zähne. Mein Zahnarzt gibt mir die zehn Euro zurück, wenn er nur geguckt und nicht gebohrt hat. Bei Frauenärzten dagegen wird regelmäßig abkassiert, das zeigte auch ein Test des ARD-Magazins "plusminus".

Der Berufsverband der Frauenärzte (Landesverband Hessen) behauptet sogar, dass Patientinnen ohne Kassengebühr nur "Krebsvorsorge pur" ohne Beratung bekommen. Dabei ist die Beratung keine gnädig gewährte Extraleistung, sondern gehört sowieso zur Vorsorge.

Aber was haben die Gynäkologen von der Gebühr, die sie doch eh an die Kassen weiterreichen müssen? Sie verdienen mehr. Denn nur wenn sie die Praxisgebühr kassiert haben, können sie den Kassen noch weitere Extras in Rechnung stellen: eine Verhütungsberatung etwa oder einen zusätzlichen Abstrich.

Klar, eine Praxis muss wirtschaftlich arbeiten, um zu überleben. Doch gerade das Verhältnis zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt ist intim und sensibel, und es fällt mir schwer, jemandem Vertrauen zu schenken, der allzu offensichtlich als Verkäufer auftritt. Und wenn Frauen ganz wegbleiben, die sich die Praxisgebühr nicht leisten können oder wollen, kann es sogar gefährlich werden.

Was sind Ihre Erfahrungen mit IGeL-Leistungen beim Frauenarzt? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren!

Text: Antje Kunstmann Foto: Klaus Knuffmann Illustration: Tim Möller-Kaya

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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