So schlimm geht es in deutschen Krankenhäusern zu

Wie wirkt sich der zunehmende Kostendruck der Kliniken auf die Behandlung der Patienten aus? Das "Team Wallraff" kommt zu erschreckenden Ergebnissen.

Wer ins Krankenhaus geht, wird dort gesund gepflegt. Sollte man meinen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft mitunter eine riesige Lücke. Zu diesem Schluss kommt das "Team Wallraff", das 14 Monate lang über die Zustände in deutschen Kliniken recherchierte. Überlastete (und zu wenig) Mitarbeiter, mangelhafte Hygiene, Engpässe in der Notaufnahme, kaum Zeit für die Patienten: Was der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und die Reporterin Pia Osterhaus dabei erlebten, zeigt ihre Undercover-Reportage "Profit statt Gesundheit: Wenn Krankenhäuser für Patienten gefährlich werden".

Anstoß zu dieser Recherche gab ihnen das Klinikpersonal selbst: Immer wieder bekamen die Reporter Zuschriften und Anrufe von Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten, die sich über die teils katastrophalen Arbeitsbedingungen beklagten. Dass die Krankenhäuser unter einem enormen Kostendruck stehen, ist kein Geheimnis. Doch wie wirkt sich der Sparzwang auf den Klinikalltag aus? Um das herauszufinden, gab sich Pia Osterhaus als Pflegepraktikantin aus und arbeitete in drei Krankenhäusern in Wiesbaden, München und Berlin mit.

Für Menschlichkeit bleibt keine Zeit

Schnell wird klar, dass das Wohl der Patienten oft auf der Strecke bleibt. Schon bei ihrem ersten Einsatz auf der chirurgischen Station des Münchener Klinikums Harlaching, das wegen seiner Geldprobleme schon mehrfach für Schlagzeilen sorgte, bekommt Osterhaus den Sparzwang zu spüren: Als ungelernte Praktikantin ohne Vorkenntnisse soll sie nach einer kurzen Einarbeitung einige der Patienten schon allein versorgen. Kollegen berichten ihr von fehlerhaften medizinischen Instrumenten wie etwa einer Absaugpumpe, die bei einem Patienten das Wundwasser nicht richtig absaugte. Dies kann zu schweren Infektionen oder Lungenschäden führen.

Viele Kollegen machen ihrem Unmut Luft: Eine Pflegerin klagt über "Fließbandarbeit“, eine andere mahnt: "Es gibt Spannungen, jeden Moment kann es explodieren." Oft bleibe noch nicht einmal genug Zeit, um auf die Toilette zu gehen. Im schlimmsten Fall entlädt sich der Frust über den Dauerstress an den Patienten. " Ich fick dich, du Tauber!", beschimpft etwa eine Krankenschwester einen demenzkranken, älteren Herrn, als dieser bei der Morgenpflege nicht schnell genug reagiert.

"Wir laufen auf einen Kollaps zu!"

Auch in den Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden, wo seit der Teilübernahme durch die private Helios Kliniken GmbH bereits mehr als 300 Stellen abgebaut wurden, erlebt Pia Osterhaus als unbezahlte Praktikantin in der Notaufnahme mehrfach gravierende Engpässe. Überstunden werden bei der Planung als selbstverständlich mit einkalkuliert. Und selbst dann bleiben den Pflegern pro Patient nur vier Minuten Zeit. Eine Mitarbeiterin des Hauses erklärt gegenüber Günter Wallraff, der Betrieb funktioniere nur, "indem wirklich über die Kraftreserven hinaus gearbeitet wird. Aber irgendwann ist damit Schluss. In unserer Klinik laufen wir gerade auf einen Kollaps zu. Wir sind am Ende." Allein von Januar bis Ende September 2015 gab es dort 618 Überlastungsanzeigen von medizinischen Mitarbeitern. Bedeutet: Die Ärzte und Pfleger fürchteten 618 Mal, ihre Patienten zu gefährden.

Dass Helios auch die Arbeitszeiten der externen Reinigungsfirma drastisch reduziert hat, sieht die Reporterin mit eigenen Augen: Verdreckte Gänge, blutiges Arbeitsmaterial und fleckige Bettlaken sind in der Wiesbadener Klinik keine Ausnahme.

Die Kliniken bleiben Antworten schuldig

Der dritte Einsatz als Praktikantin auf einer Krebsstation im Helios Klinikum Berlin-Buch bestätigt die bisher gewonnenen Eindrücke. Die Servicekräfte reinigen die Betten in der gleichen Kleidung, in der sie später das Essen austeilen. Schutzkittel kommen nicht zum Einsatz. Osterhaus beobachtet zudem, wie ein Patient mit einem multiresistenten Krankenhauskeim ohne Mundschutz ungehindert durch die Station läuft und sich im Wartebereich neben einen Chemotherapie-Patienten setzt. Hygiene: unzureichend.

Die Reporter, die bei ihren Recherchen von dem Wirtschaftswissenschaftler Professor Stefan Sell, dem deutschen Pflegeexperten Claus Fussek, dem Hygieneexperten Professor Walter Popp und der Gewerkschaft ver.di. unterstützt wurden, bat alle drei Kliniken um eine Stellungnahme - bekam jedoch nur kurze, sehr allgemein gehaltene Antworten. Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe war für ein Gespräch mit dem "Team Wallraff" nicht verfügbar.

Wir brauchen verbindliche Quoten für Pflegekräfte!

Pia Osterhaus hofft, dass ihre Recherchen den Druck auf die Verantwortlichen erhöhen. "Die meisten Mitarbeiter können ihren eigenen Ansprüchen gar nicht mehr gerecht werden und müssen die Pflege aus Zeitgründen oft auf das medizinisch Notwendigste reduzieren. Trost und Beruhigung sind für die Genesung jedoch genauso wichtig wie eine gute medizinische Versorgung. Doch genau dafür scheint es in diesem System keinen Platz mehr zu geben", warnt sie.

Und Günter Wallraff ergänzt: "Unsere Rechercheergebnisse sind beschämend für eine der immer noch reichsten Industrienationen der Welt. Es kann nicht sein, dass wegen des Profitstrebens börsennotierter Klinikbetreiber sowohl Patienten als auch Mitarbeiter die Leidtragenden sind. Die Politik ist aufgefordert, endlich verbindliche Quoten für Pflegekräfte einzuführen, bevor das System kollabiert."

Die Reportage "Profit statt Gesundheit: Wenn Krankenhäuser für Patienten gefährlich werden" könnt ihr bei RTL Now ansehen.

nw
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