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Adenomyose "Normale Periodenschmerzen"? Von wegen!

Adenomyose: Frau hält Wärmflasche an den Bauch
© New Africa / Adobe Stock
Lange hieß es: Starke Schmerzen während der Regel muss man halt ertragen. Inzwischen wird Endometriose als eine mögliche Ursache immer bekannter. Über eine andere wissen wir dagegen noch sehr wenig: die Adenomyose

Eine Woche im Monat: Für die meisten Frauen ist das mehr oder weniger der Zeitraum, in dem sie sich auf Unwohlsein einstellen, eventuell auch Schmerzen. So lange dauert durchschnittlich die Periode.

Schmerzen so doll, dass Ohnmachtsanfälle und Erbrechen ganz "normal" sind

Chiara Schreder dagegen hat nur eine Woche im Monat keine Schmerzen. Tage vor ihrer Periode hat sie starke Krämpfe im Unterleib. Während der Menstruation selbst ist es unerträglich. Sie erleidet Ohnmachtsanfälle, muss sich häufig übergeben. Danach noch eine Woche Schmerzen. Und dann endlich ein paar Tage ohne Medikamente.

"Wenn mich Ärzt:innen bitten, die Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn zu beurteilen, sage ich: elf", erzählt die 25-jährige Filmemacherin aus Oberösterreich. Und an guten Tagen? "Fünf." Mit 15 bekam sie ihre Periode. Seitdem durchlebt sie jeden Monat diese Tortur und kennt alle Kommentare dazu: "Das ist normal", "So geht es doch vielen", und "Stell dich nicht so an!"

Aber Chiara Schreder stellt sich nicht an. Ihre Schmerzen haben eine organische Ursache. Vor zwei Jahren erhielt sie die Diagnose Adenomyose. Dabei entsteht gebärmutterähnliches Gewebe an einer Stelle, wo es nicht hingehört – in der Muskulatur der Gebärmutter. Adenomyose ist eng verwandt mit der Endometriose, der häufigsten weiblichen Erkrankung im gebärfähigen Alter, und nicht selten Frauen leiden gleichzeitig an beidem.

Adenomyose ist weniger bekannt als Endometriose, doch mindestens genau so schmerzhaft

Bei Endometriose-Betroffenen siedelt sich meist im Unterbauch, aber manchmal auch an anderen Stellen im Körper gebärmutterähnliches Gewebe an. Es verhält sich zyklisch wie die Gebärmutter. Jeden Monat ist es aktiv – nur kann dabei nichts wie Regelblut abfließen. Das sorgt für Entzündungen, Verklebungen und Zysten. Genaue Zahlen, wie häufig Endometriose ist, gibt es nicht – nicht jede wird von starken Schmerzen begleitet. Schätzungen gehen aber davon aus, dass vier bis 30 Prozent aller Frauen betroffen sind. Umgekehrt wird angenommen, dass bei der Hälfte aller Frauen mit starken Regelschmerzen die Ursache Endometriose ist.

Während das Wissen über Endometriose zumindest langsam wächst und die Erkrankung an Aufmerksamkeit gewinnt, ist Adenomyose medizinisch gesehen eine weitaus größere Unbekannte. Ihre Verbreitung aber scheint gewaltig: Studien zufolge betrifft Adenomyose bis zu 70 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter. Dennoch wird sie von Frauenärzt:innen nur selten diagnostiziert. Erst seit wenigen Jahren gewinnen sie dank immer besserer Ultraschalltechnik neue Erkenntnisse. Dabei zeichnet sich ab: Adenomyose ist möglicherweise eine Krankheit, die der Endometriose vorausgeht. Könnte man sie früh erkennen, ließe sie sich behandeln – und man würde Patientinnen viele Jahre Leid und Schmerzen ersparen.

Professor Dr. Sylvia Mechsner ist Leiterin des Endometriose-Zentrums an der Berliner Charité. Seit fast 20 Jahren forscht sie zu Adenomyose und Endometriose und behandelt Betroffene. Sie weiß: Schon die Diagnose der Endometriose ist zeitaufwendig. Vor allem in jungen Jahren sind die krankhaften Veränderungen im Unterleib oft noch nicht so ausgeprägt, dass man sie im Ultraschall erkennt. Erst später zeigen sich Gewebeherde oder Zysten in Blase oder Darm.

Eine Diagnose ist schwierig festzustellen

Eine Adenomyose zu erkennen ist sogar noch schwieriger: Hinweise liefern nur Ultraschallbilder von einer verdickten oder asymmetrischen Gebärmutterwand, Zysten darin oder einem unregelmäßigen Übergang zwischen Schleim-haut und Muskulatur. Sylvia Mechsner befragt daher ihre Patientinnen genau nach deren Symptomen. Eine Stunde braucht die Gynäkologin, um zu wissen, ob Endometriose oder Adenomyose der Grund für ihre Schmerzen sind.

"Betroffene Frauen haben im Durchschnitt zehn Jahre lang Beschwerden, bevor bei ihnen Endometriose diagnostiziert wird", sagt Sylvia Mechsner. Oft wird die Ursache erst erkannt, wenn die Gebärmutter einer älteren Frau entnommen und untersucht wird – oder wenn die Betroffenen versuchen, schwanger zu werden, und dabei erfolglos bleiben. Denn die krankhaften Veränderungen können dazu führen, dass sich eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter nicht einnistet oder nicht gehalten wird. Zu den jahrelangen Schmerzen und Einschränkungen kommt dann auch noch ein unerfüllter Kinderwunsch.

"Adenomyose und Endometriose scheinen eine genetische Ursache zu haben", sagt Sylvia Mechsner. "Wir gehen davon aus, dass die Gebärmutter zu stark krampft." Über viele Jahre sorgt das dafür, dass in der Gebärmutterwand winzige Verletzungen entstehen: "Direkt auf der Muskulatur der Gebärmutter liegt die Schleimhaut, es gibt keine Verschiebeschicht dazwischen." Beim Darm sorgt eine Schicht Bindegewebe dafür, dass der Darminhalt durch das Organ rutscht, ohne die Schleimhaut zu zerreißen. Werden dagegen bei der Monatsblutung Schleim und Blut aus der Gebärmutter getrieben, wirken auf die Schleimhaut und Muskulatur ungebremste Scherkräfte. "In der Übergangszone können Haarrisse entstehen", sagt Mechsner. Beim Wundheilungsprozess werden dann offenbar auch Stammzellen in der Gebärmutterschleimhaut aktiviert, die abwandern und in der Muskulatur Adenomyose bilden oder durch die Eileiter im Bauchraum Endometriose-Herde erzeugen.

Behandlung von Adenomyose erst nach abgeschlossener Familienplanung

Die Behandlung beider Erkrankungen gestaltet sich schwierig. Häufig beschränkt sie sich darauf, die Symptome zu lindern – mit Schmerzmitteln. Bei Endometriose können die Herde mitunter durch eine Operation entfernt werden. Bei Adenomyose, die allein in der Muskulatur der Gebärmutter auftritt, bleibt dagegen nur die Entfernung des Organs. Was auch bedeutet, keine Kinder mehr bekommen zu können. "Das machen wir deswegen nur bei Frauen ab 40, deren Familienplanung abgeschlossen ist", sagt Sylvia Mechsner.

Bei jüngeren Patientinnen setzt sie auf Hormone, nämlich Gestagen-Monopräparate oder auch die Kombi-Pille, aber nicht zur Verhütung, sondern als Medikament. Durchgängig genommen verhindern sie die Regelblutung. Auch Hormonspiralen oder durch Medikamente induzierte künstliche Wechseljahre können das Fortschreiten der Erkrankung stoppen. Der Gedanke dahinter: Indem man die Monatsblutung unterdrückt, bleiben auch die monatlichen Krämpfe der Gebärmutter aus. Die Mikroverletzungen können nicht mehr zunehmen und die Erkrankung käme zur Ruhe.

Chiara Schreder schreckte vor Hormonbehandlungen lange Zeit zurück – zu groß war ihre Furcht vor Nebenwirkungen. Stattdessen versuchte sie es mit Akupunktur, Osteopathie und Kräuterbehandlungen. Nach langem Ringen hat sie sich nun auf Anraten ihres behandelnden Arztes eine Hormonspirale einsetzen lassen. In den Monaten danach nahmen die Schmerzen zunächst sogar noch zu – und dann stetig ab. Seitdem bessert sich ihr Zustand immer weiter und jeder Monat hat mehr und mehr gute Tage.

Mehr erfahren...

Zum Lesen

Dr. Sylvia Mechsners Buch über Endometriose und Adenomyose: "Endometriose – Die unterschätzte Krankheit" (242 S., 24,99 Euro, ZS Verlag)

Im Netz

Bei der Endometriose Vereinigung Deutschland gibt es Infos, Beratung, Adressen von Selbsthilfegruppen und zertifizierten Endometriosezentren: endometriose-vereinigung.de.

Brigitte

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